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Während die Pfarrfrau Stephanie ihre literarischen und wissenschaftlichen Interessen zugunsten von Familie, Haushalt und Gemeinde zurückstellt, geht ihre Schwester Frederica zuerst nach Cambridge und dann nach London, um als Rundfunkjournalistin Karriere zu machen. Doch beide zahlen einen hohen Preis. Stephanie leidet unter den Zwängen der Rolle als Hausfrau, Frederica kämpft um Anerkennung und Liebe. Untrennbar verbunden mit der Schilderung des Lebens der beiden Schwestern ist die Biografie van Goghs. Sein unglückliches Dasein, sein Scheitern, aber auch seine Intensität werden zum Leitmotiv des Romans.…mehr

Produktbeschreibung
Während die Pfarrfrau Stephanie ihre literarischen und wissenschaftlichen Interessen zugunsten von Familie, Haushalt und Gemeinde zurückstellt, geht ihre Schwester Frederica zuerst nach Cambridge und dann nach London, um als Rundfunkjournalistin Karriere zu machen. Doch beide zahlen einen hohen Preis. Stephanie leidet unter den Zwängen der Rolle als Hausfrau, Frederica kämpft um Anerkennung und Liebe. Untrennbar verbunden mit der Schilderung des Lebens der beiden Schwestern ist die Biografie van Goghs. Sein unglückliches Dasein, sein Scheitern, aber auch seine Intensität werden zum Leitmotiv des Romans.
Autorenporträt
A.S. Byatt ist 1936 in Yorkshire geboren und besuchte dort eine Quäker-Schule. Ihr Vater war zuerst Anwalt, später Richter. Sie studierte in Cambridge und am Bryn Mawr College. A.S. Byatt hat an der London University gelehrt, an der Central School of Art and Design und seit 1972 am University College in London. Seit 1983 hat sie das Lehramt aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.
A.S. Byatts erster Roman, Shadow of Sun, erschien 1964; ihm folgten die Romane The Game (1967), The Virgin in the Garden (1978) und Still Life (1985) sowie der Erzählband Sugar and Other Stories (1985). Für ihren Roman Possession (Besessen) erhielt sie 1990 den Booker-Preis und den Irish-Times/Aer Lingus International Fiction Prize. Zu ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen zählen der Band Unruly Times: Wordsworth an Coleridge in Their Times (1970) und Passions of the Mind (1991). Die Novellen Angels and Insects erschienen 1992.
A.S. Byatt war Mitglied verschiedener literarischerJurys, darunter der, die den Booker-Preis bestimmt. Sie ist eine bekannte Literaturkritikerin, die regelmäßig für das Times Literary Supplement, die Sunday Times und die BBC schreibt. A.S. Byatt war Vorsitzende der Society of Authors und Mitglied des Kingman Committee on the teaching of English Language. Sie ist Fellow der Royal Society of Literature und wurde für ihre schriftstellerische Tätigkeit 1999 zur >Dame Commander of the British Empire< ernannt. 2002 erhielt sie den Shakespeare-Preis der Hamburger Alfred Toepfer Stiftung, 2016 den niederländischen Erasmuspreis.
A.S. Byatt hat drei Töchter und lebt in London.

Melanie Walz, geboren 1953 in Essen, wurde 1999 mit dem Zuger Übersetzer-Stipendium und 2001 mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Preis ausgezeichnet. Sie hat u. a. Lily Brett, A. S. Byatt, John Cowper-Powis, Charles Dickens, Lawrence Norfolk und Marcel Proust übersetzt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 25.03.2000

Die Zufriedenheit der blauen Kanne
Antonia Byatt nimmt es mit Leinwandfarben auf · Von Annette Pehnt

In der dunstigen, weichen Luft verschwimmen die Gestalten auf dem Strand zu hellen Flecken. Sie lagern im Sand auf flimmernd grünen und amselblauen Handtüchern. Man isst Kräuteromeletts und geriffelte Melonen, redet wenig. Gleich wird die Handlung wieder in Gang kommen, die kleine Austauschschülerin Frederica wird zur Gruppe stoßen in ihrem geblümten Strandkleid und ihren Gesundheitsschuhen und wird unter den versammelten Bohemiens herablassende Aufmerksamkeit erregen. Aber noch ist das Bild gefroren, die Komposition wird in der Schwebe gehalten, solange es die Sprache erlaubt.

Niemals könne ein Schreibender jenes Entzücken einfangen, das in einem Maler ein neues Licht erzeuge, schreibt Antonia Byatt in ihrem erst jetzt ausgezeichnet ins Deutsche übersetzten Roman "Stilleben". Und doch ist das Buch durchdrungen von dem Verlangen, Licht und Farbe mit dem Wort einzuholen. Immer wieder erstarrt die Handlung in Stilleben: ein Beistelltisch mit einer blauen Emaillekanne, Pflaumen und Zitronen auf dem Tischtuch, ein geröstetes Zicklein im ölgelben Sud, ein Strauß Schwertlilien. In solchen Momenten erscheinen die Figuren wie Beiwerk, verwaschen im Hintergrund dieses großen Wettstreites der Künste.

"Stilleben" ist eine Studie über die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache, aufmerksam durchgeführt, ständig seine Entstehung mitbedenkend. Zugleich bleibt dieser Roman aber auch - wie sein Vorgänger "Die Jungfrau im Garten" und der noch nicht übersetzte Nachfolger "Babel Tower" von 1996 - eine breit erzählte Familiensaga, die ohne Scheu vor Drastik und Leidenschaft ausgesprochen lesbar dahinfließt. "Als ich diesen Roman zu schreiben begann", schildert Byatt ihr Dilemma bei der Arbeit, "hatte ich die Vorstellung von einem Roman des Benennens und der Genauigkeit. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, auf sprachliche Bilder zu verzichten, musste dieses Vorhaben aber aufgeben." Byatt mag ihr Vorhaben nicht so verwirklicht haben, wie es ihr vorschwebte. Aber gerade in seiner Genauigkeit gelingt "Stilleben" als großer Roman des Benennens.

Seine Spannung verdankt er dem Tatendrang der Figuren, die sich in die sorgfältig entworfenen Stilleben hineindrängen. Nebelig überhaucht schimmern die Pflaumen auf dem Frühstückstisch, aber dort sitzen auch der Dichter Alexander und seine Geliebte; die Geschichte durfte verharren, aber nun braucht sie Bewegung. Alexander arbeitet an einem Stück über van Gogh, dessen Briefe und Bilder als Hintergrund leuchten, vor dem sich alle Figuren bewegen. Er gehört zu der Gruppe von Freunden um die drei Geschwister Frederica, Stephanie und Marcus, die sich im England der fünfziger Jahren ihren Platz suchen. Frederica forscht in Südfrankreich unter van Goghs Olivenbäumen nach einer Freiheit, die sich ihr auch in Cambridge nur in Andeutungen preisgibt und mit dem Rausch der Gelehrsamkeit, den schlanken Händen ihres Literaturprofessors und einem vorsichtigen Aufbegehren gegen Sittsamkeit und Blutleere zu tun hat.

Stephanie hat sich anders entschieden, pflanzt im Pfarrgarten Radieschen und unterwirft sich dem Alltag: Sie leidet unter der Nähe der Schwiegermutter und dem verzweifelten Schweigen ihres psychisch gestörten Bruders Marcus, der sich jedoch allmählich mit dem Wissensdurst eines Naturwissenschaftlers die Wirklichkeit zurückholt. Stephanie dagegen scheint im alltäglichen Geben, beim Kochen, Wickeln, Zuhören und Trösten allmählich zu zerfasern, obwohl sich zwischen Blumengießen und Katzenfutter immer wieder zerbrechliche Momente von Sinnhaftigkeit einstellen, die bei Stephanie stark mit Lektüreerfahrungen verknüpft sind.

In mancher Hinsicht sind Frederica, Marcus, auch Stephanie Elemente eines groß angelegten Forschungsprojektes zum Verhältnis von Kunst und Leben. Tatsächlich wird die Erzählerin in den schwächeren Passagen des Romans nicht müde, ihre Fallbeispiele auszuwerten und in kleinen Essays abzuhandeln, die einer feldforschenden Soziologin zur Ehre gereichen würden. Zwar gehört das Innehalten zum Programm dieses Romans, aber manchmal gerät die strenge Erzählerin dabei auf Abwege. Leser ihres Erfolgsromans "Besessen", der mit der Spannung eines Literaturthrillers arbeitet, dürften auf Ausschweifungen zum Falkland-Krieg, zur Goethischen Urpflanze, zum englischen Nationalcharakter oder zur Umzäunung von Stonehenge eher irritiert reagieren.

Zu hoch thront die Erzählerin in solchen Momenten über dem Geschehen, verdächtig unantastbar scheint ihre Anordnung, die sie doch an anderer Stelle als Probelauf, als ein gleichsam offenes Verfahren beschreibt. Und die zum Glück immer wieder in Vergessenheit gerät, wenn die Geschwister ihren Bildungswegen nachgehen. Vor allem Stephanies Existenz, in ihrer Häuslichkeit besonders unspektakulär, ist mit unsentimentaler Eindringlichkeit erzählt, einer Sorgfalt, die Nudelkochen, Wehen und Kindertrotz genauso präzise vorzeigt wie Alexanders Wahrnehmungstheorie oder Fredericas Liebesnächte.

Cézanne, sagt Fredericas umschwärmter Literaturprofessor, und in diesem Moment rückt sie von ihm ab, sei es gelungen, die Welt zu malen mit der Geste "Hier ist es". Van Gogh habe diese Selbstlosigkeit nie erreichen können, "ich liebe es" habe er stattdessen malen müssen. Der Professor hält van Gogh für gescheitert. Auch Antonia Byatt ist am "Hier ist es" gescheitert und hat dabei gewonnen. Dank des Prologs wissen wir, wer überleben wird. Die nächste Versuchsreihe ist bereits in Arbeit.

Antonia S. Byatt: "Stilleben". Roman. Insel Verlag, Frankfurt am Main, Leipzig 2000. 489 S., geb., 49,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.05.2000

Die unbeschreibbare Kastanienbaumwurzel
Im zweiten Teil ihrer Familiensaga gruppiert Antonia S. Byatt Dinge und Figuren zum „Stilleben”
Stilleben ist der zweite Band einer auf vier Bücher konzipierten Familiensaga, die ihre Schauplätze in North Yorkshire, Oxford und London hat.
Wie im ersten Buch, Die Jungfrau im Garten, greift ein Vorspiel der Erzählhandlung zeitlich voraus, in dem man sich am Ende, nunmehr im Jahr 1980, zum Kaffeetrinken, und nicht zum Tee wie anno 1968, bei Fortnum and Mason’s verabredet – vielleicht ein Anzeichen der sachten Auflösung englischer Traditionen.
Die Handlung beginnt, wo Teil I endet, also noch immer tief in den fünfziger Jahren. Lesern, die das erste Buch nicht kennen, werden Charaktere und Geschichten der einzelnen Personen nur äußerst rudimentär vermittelt. Zum Beispiel die Lebensumstände der beiden Schwestern Stephanie und Frederica und ihres noch immer verstörten Bruders Marcus. Stephanie, die ältere Tochter des exzentrischen Lehrers Bill Potter, die als Ehefrau eines Kleinstadtpfarrers ihren wissenschaftlichen Ambitionen entsagt hatte, bekommt gerade ihr erstes Kind, dem alsbald das zweite folgen wird. Es ist eine beklemmend enge Welt voll stoischer Pflichterfüllung, Verzichtsübungen und der heimlichen Sehnsucht nach einem extravaganteren Wortschatz als dem für Kleinkinder und Gemeindemitglieder.
Frederica indessen kämpft, wie zu erwarten, von ihrem ersten Tag in Oxford an um einen sichtbaren Platz in der fast nur von Männern besetzten intellektuellen Welt. Dies tut sie mit der ihr gegebenen Schroffheit und einem wütenden Ehrgeiz. Das wirkt wie die Power des Aufsteigers, hier aus der Klasse der geistig Besitzlosen, der Frauen. Daneben betreibt sie gezielte Experimentreihen in Sachen Sex, um auch auf diesem Gebiet ihr Wissen und Können zu mehren.
Der Dichter Alexander Wedderburn, Verfasser des Teil I dominierenden elisabethanischen Dramas „Astrea oder die jungfräuliche Königin”, hat ein neues Stück geschrieben: Es geht um den Streit zwischen Paul Gauguin und Vincent van Gogh im gelben Haus von Arles. Wie ein Leitmotiv durchzieht den Roman diese Beschäftigung mit van Gogh, teilweise ausgebreitet in langen Zitaten aus seinen Briefen – ein Diskurs über Wesen und Sprache der Farben, ihre Wertigkeit, Wucht, Transzendenz, über die Macht des Lichts und über die Möglichkeit und Unmöglichkeit, sich diesen sinnlichen Phänomenen mit bloßen Worten zu nähern. Die Autorin zitiert den Ekel, den Sartre empfand, als er entdeckte, dass er mit Sprache eine Kastanienbaumwurzel nicht adäquat beschreiben konnte, und treibt ihre Figuren in heftige und gelehrte Dispute über die unvollkommene und ambivalente Beziehung zwischen Dingen und ihren Namen. Was auf den Universitätscampus passt, wirkt unter südlicher Sonne jedoch eher aufgesetzt. Eine Strandparty der englischen Intellektuellenclique um Wedderburn in Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, natürlich auf den Spuren Vincent van Goghs, gerät im beflissenen Referieren von Kunstführerwissen doch eher in die Nähe einer Bildungsreise von Studienräten.
Erstaunlicherweise verzichtet Antonia S. Byatt diesmal auf übersinnliche Elemente in ihrer Fortschreibung der Geschichte der Familie Potter und der verzopften fünfziger Jahre in England mit ihrer rigiden Fixierung auf Klassenzugehörigkeiten. Der hochsensible Marcus, ehemals vom dominanten, unbeherrschten Vater in Verweigerung und halluzinatorische Astralvisionen getrieben, gewinnt immer mehr an Bodenhaftung. Betrachtete er früher als Jüngster in einer literaturbesessenen Familie Wörter bestenfalls als „primitive Indikatoren”, so empfindet er nun als Student der Botanik eine tiefe Befriedigung beim Katalogisieren und Benennen von Pflanzen.
Frederica wird ihren Weg als brillante und emanzipierte Intellektuelle gehen, aber was bezweckt Antonia S. Byatt mit dem so frühen, sinnlosen Tod Stephanies durch Stromschlag an einem nicht geerdeten Kühlschrank? Sollte die Tetralogie nicht auch die so unterschiedlichen Lebensentwürfe der beiden Schwestern zum Thema haben? Das zunächst willkürlich wirkende Damenopfer bringt den düster-kantigen Pfarrersgatten Daniel und die Eltern Potter zurück ins Spiel, ob mit literarischem Gewinn werden die nächsten Bände zeigen. Die Unausweichlichkeit des Scheiterns, in der Kunst wie im Leben, die Widersprüche zwischen Besessenheit und Resignation und die Unbegreiflichkeit des Todes eines noch jungen Menschen sind auf dem Hintergrund van Gogh die großen Themen dieses Romans.
Antonia S. Byatt kommentiert ihr Schreiben in geradezu post-brechtischer Manier. Auch dass sie sehr viel mehr über ihre Figuren weiß, als im Buch verhandelt wird, lässt sie ihre Leser immer wieder spüren. Wie schon so oft liegt ein wesentlicher Reiz ihrer Prosa im diskursiven Denken, den mit kontemplativem Atem gefüllten, weitausgreifenden Bögen; Susanne Röckel und Melanie Walz haben eine rhythmische Sprache dafür gefunden. Um ihre Figuren legt die Autorin einen Echoraum an Selbstreflexionen, der nicht nur die eigenen Psychen, sondern auch das soziale und geistige Panorama der Zeit präzise abbildet – aber noch nicht endgültig auslotet, so dass genügend Neugierde bleibt auf die weitere Entwicklung der Charaktere: gemäß des von Frederica postulierten Programms, dass „Langeweile, Selbstzufriedenheit und Verdummung die eigentlichen Feinde” seien, die es zu bekämpfen gilt.
BARBARA VON BECKER
ANTONIA S. BYATT: Stilleben. Roman. Aus dem Englischen von Susanne Röckel und Melanie Walz. Insel Verlag, Frankfurt/M. 2000. 490 Seiten, 49,80 Mark
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Das Etikett, das Barbara Burckhardt, dem Buch aufdrückt, ist eigentlich vernichtend: "Professorinnenprosa". Die Bewunderung "für Mrs. Byatts" Beobachtungsgabe, die Geläufigkeit ihrer Sprache und für ihre Intelligenz und Gelehrsamkeit wirkt da fast wie Hohn. Der Hinweis, die "Literaturfachfrau" neige zu Überkonstruktion und verkrampfter Verschlingung von Motiven und Themen, passt schon besser ins Bild. Wie auch die abschliessend geäußerte Hoffnung der Rezensentin, der Erfolg der Autorin in ihrer Heimat England möge das Seine tun: Denn Erfolg entspannt.

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