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Produktdetails
  • Verlag: Kohlhammer
  • Gewicht: 5110g
  • ISBN-13: 9783170105317
  • ISBN-10: 3170105310
  • Artikelnr.: 03319931
Autorenporträt
Hubert Cancik, Studium der klassischen Philologie, Altorientalistik und Theologie; Professor für klassische Philologie in Tübingen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Friedrich Wilhelm Graf kann sich nicht so recht entscheiden, wie er zum "Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe" stehen soll, von dem jetzt der fünfte und letzte Teil fertig wurde. Lobesworte für "brillante, methodisch sensible Texte" und ein "eindrucksvolles Gesamtkunstwerk" mit einem "faszinierend breitem Spektrum" der Stichwörter stehen Äußerungen gegenüber, die ahnen lassen, dass der Rezensent so zufrieden anscheinend doch nicht ist: Angesichts des weit zurück liegenden Entstehungsbeginns (1988 erschien der erste Band!) stört beim nun vollständigen Handbuch (inklusive Lemma und Register) nämlich eine unschöne und immerhin entscheidende Eigenschaft: Es ist nicht mehr sehr aktuell. Zudem konstatiert Graf in Bezug auf das Gesamtwerk "methodische Naivität" in den Überblicksartikeln oder findet "gravierende Fehler" in den "Personenartikelchen". "Dumpfe Modernitätsfeindschaft" stößt ihm im Kapitel zur Religionsethnologie auf. Kurzum: Das Handbuch verlangte unbedingt einen kritischen Leser, der dann durchaus viel "über die reiche Vielfalt von Versuchen" lernen könne, "sich der Religion rational deutend zu bemächtigen".

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.07.2002

Dämon ja, Gott nein
Die religionswissenschaftlichen Grundbegriffe passen in fünf Bände

Religionswissenschaft ist das illegitime Kind, das die Theologie mit der Aufklärung hatte, als sie das sichere Europa verließ und sich mit den Wilden einließ; einer ihrer Taufpaten ist der Jesuitenpater François Lafitau, der im frühen achtzehnten Jahrhundert die Irokesen Kanadas bekehren sollte, ein anderer der Indologe Friedrich Max Müller, seit 1864 Professor in Oxford. Als akademische Disziplin ist sie gut ein Jahrhundert alt, Ergebnis der Säkularisierung in Holland und Frankreich - einer der ersten Lehrstühle wurde von jenem Émile Guimet (1836 bis 1918) gestiftet, der mit seinen Textilmillionen auch das Musée Guimet gründete, dessen Sammlungen außereuropäischer Kunst die Relativität und kulturelle Gebundenheit jeder Religion, auch und vor allem des Christentums, belegen sollten.

In der Tat: "Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Religion und den Religionen ist, historisch gesehen, fast ebenso oft in den Dienst antireligiöser Religionskritik gestellt worden, wie man mit Hilfe der Religionswissenschaft versucht hat, den Wahrheitsanspruch der eigenen Religion oder von Religion überhaupt zu beweisen", wie Karl-Heinz Kohl im "Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe" formuliert. Daß dieses Handbuch, dessen fünfter und letzter Band kürzlich, dreizehn Jahre nach dem ersten, erschienen ist, selbst Teil dieser Spannung ist und zu sein hat, leuchtet ein. Das Projekt der Aufklärung, die Irrationalität der Religion mit der Rationalität der Wissenschaft auszutreiben, kann spätestens zu Beginn dieses neuen Millenniums als gescheitert betrachtet werden, schon weil die harten Dichotomien sich als trügerisch und gefährlich erwiesen haben; doch hat das Projekt diese Wissenschaft entscheidend geprägt.

Das Werk, das jetzt geschlossen vorliegt, ist imposant. Sein Hauptteil ist ein alphabetisches Lexikon; ein systematischer Teil geht voran. Die Stichwörter selber zerfallen, wie das einschlägige Register im letzten Band im Rückgriff auf die programmatische Einleitung des ersten erklärt, in "religionswissenschaftliche Grundbegriffe" ("diejenigen Begriffe, die Religionswissenschaft als Ganzes begründen, fundieren, konstituieren") und solche, die keinen solchen theoretischen Anspruch stellen - eine deutliche Mehrheit. Denn es sind allein 66 "Grundbegriffe", die entsprechend eingehend abgehandelt werden. Die übrigen Einträge sind nicht notwendigerweise kürzer oder weniger gründlich dargestellt (etwa "Humanismus", ein zwölfseitiges Kabinettstück von Hubert Cancik), auch wenn ihnen implizit weniger Status attestiert wird.

Diese "Grundbegriffe" im engeren Sinn formulieren ein implizites Programm, welches das Wörterbuch auch mehrfach in seinem ersten Band explizit anspricht. Religionswissenschaft wird radikal säkular verstanden - und das heißt, im akademischen Betrieb, "eine Religionswissenschaft, die sich als historische Anthropologie und Sozialwissenschaft versteht", oder "Religionswissenschaft als eine empirische Wissenschaft im Rahmen der Kulturwissenschaften": In den beiden Teilen der Einleitung, besonders im breitangelegten Kapitel über Gegenstände und wissenschaftlichen Kontext von Religionswissenschaft (B. Gladigow), wird dies ausführlich begründet. In den siebziger Jahren, als das Handbuch in Tübingen konzipiert wurde, war dies ungewöhnlich, besonders in Deutschland, und Vorbilder waren selten. Die angelsächsische "social anthropology" war zu sehr auf ethnologische Gesellschaften fokussiert, und Mircea Eliade, der damals in Chicago vielleicht am breitesten eine anthropologische Religionswissenschaft vertrat, war zu mystisch und zu individualistisch-verblasen, als daß die jungen Tübinger ihm folgen konnten. Anregungen kamen von Frankreich und von Italien - in Frankreich weniger von der Religionswissenschaft als von einer Geschichtswissenschaft, für die Georges Duby und Lucien Febvre Mentalitäten und gesellschaftlich vermittelte Bilder entdeckt hatten, während die italienische "Scuola di Roma" seit ihrem Begründer Raffaele Pettazzoni Religion als Teil von Gesamtkultur verstand, schon um gegenüber dem bedrohlich nahen Vatikan ein eigenes Profil zu haben.

Jugendlicher Überschwang

Sein Enkelschüler Dario Sabbatucci ist denn auch der einzige Nichtdeutsche, der zum systematischen Teil beigetragen hat, und zwar das programmatische Kapitel "Religion und Kultur", während die französische "École des Annales" ein eigenes wissenschaftshistorisches Kapitelchen erhielt und ihre Vertreter in der Prosopographie weit überdimensional dargestellt werden: ein programmatischer Overkill, der im Rückblick als jugendlicher Überschwang eher erheitert als befremdet. Mit etwas Mißvergnügen hat der Rezensent allein das allzu schlecht gealterte Kapitel zur Religionsethnologie (Gerhard Schlatter) gelesen; sein moralisierender Antimodernismus steht aber isoliert im Werkganzen. Gerade dieses Kapitel hätte, angesichts der Schlüsselstellung der Religionsethnologie in der Forschungsgeschichte, Besseres verdient.

Entsprechend diesem Programm sind die Grundbegriffe ("Dachartikel") gewählt. Viele verstehen sich in einem religionswissenschaftlichen Handbuch fast von selbst - "Anthropogonie" etwa, "Kult", "Mythos" und "Ritual/Ritus", aber auch "Raum" und "Zeit" (dies letztere einer der wenigen problematischen Einträge, der zu vage und in seiner Bibliographie längst überholt ist), ebenso Methodenbegriffe wie "Vergleich" und wohl auch "Diffusion/Diffusionismus" und "Evolution", auch wenn diese beiden bereits 1988 eher der Vergangenheit als der Gegenwart der Disziplin zugehörten, wie die Bearbeiter betonen; doch eine wie immer geartete Geschichte von Religion kommt um diachrone Modelle zum Verständnis von Erscheinungen nicht herum, die als verwandt erscheinen. Erstaunlicher, weil tendenziell christianozentrisch, sind "Amt", "Apologetik/Polemik", "Beruf/Berufung". Ebenso bezeichnend sind "Interaktion" und "Kommunikation" und, natürlich, "Gruppe/Gruppendynamik": Religion wird vom Handbuch als soziales Phänomen verstanden.

Individuum wie Gruppe sind im Blick mit Gefühlen - "Aggression" (ein Begriff der siebziger Jahre, der sich in der Zwischenzeit als erstaunlich haltbar erwiesen hat, nicht zuletzt wegen Walter Burkert und René Girard), "Angst", "Frustration" oder "Schuld" -, aber auch mit ihrem Denken - "Erinnerung/Gedächtnis", "Orientierung" oder "Sublimierung". Daß "Gott" fehlt und statt seiner "Gottesbegriffe" vorkommen, ist bloß konsequent (B. Gladigow: "Die traditionellen Gottesvorstellungen repräsentieren ein Grundmuster einer soziomorphen Interpretation von Welt"); der "Dämon", kein Grundbegriff, erhält dann aber doch dreieinhalb Seiten Text. C. S. Lewis hätte den Teufel als Urheber der Säkularisierung erkannt und sich bestätigt gefühlt.

Verschiedenfarbige Brillen

Daneben stehen die anderen, weniger grundsätzlichen Begriffe; ihre Abgrenzung von den hierarchisch höheren war schon den Herausgebern "ein logisch und pragmatisch ungelöstes Problem". Sie behandeln Aspekte der materiellen Religion (etwa "Altar", nicht aber "Votivgabe"), Glaubensinhalte ("Hölle", "Jenseits", "Hochgottglaube"), Ritentypen ("Übergangsriten", aber auch "Eucharistie") und religiös bedeutsame Lebensabschnitte ("Geburt", "Ehe", "Tod"), aktuelle ebenso wie längst überholte Konzepte ("Kausalität" oder "Strukturalismus" gegenüber "Animismus" oder "Vegetationskult") mitsamt Begriffen, die vor allem eine Vergangenheit haben, denen aber eine mögliche Zukunft attestiert wird, wie "sakrales Königtum". Auch "Opfer" ist kein Grundbegriff (hat aber einen langen Eintrag), noch ist "Gebet" einer, wohl aber "Gabe". Das alles erwartet wohl der Benutzer eines solchen Handbuchs, und die Einträge sind zumeist mindestens so lang und oft theoretisch besser fundiert als die entsprechenden Stichwörter in "Religion in Geschichte und Gegenwart" (RGG) oder Eliades "Encyclopedia of Religion" (EncRel).

"Das Handbuch ist ... keine religionsgeschichtliche Enzyklopädie", hatte Hubert Cancik 1988 im ersten Satz des ersten Bandes angemahnt. Es ist, in gewissem Sinn, ein Grundriß einer Religionswissenschaft als Teil der Kulturwissenschaften, eine Art Gazetteer in einer Region, die zwar nicht neu betreten wird, aus der die Reisenden aber erstaunlich verschiedene Berichte zurückbrachten, als ob sie je ganz verschiedenfarbige Brillen aufgehabt hätten. Der neue Blick erklärt die gelegentlich überraschenden Begriffe, die in einem Wörterbuch der Religionswissenschaft nicht unbedingt gesucht werden: beispielsweise "Arbeit", "Klassengesellschaft" (ein nach 1989 etwas angegrauter Begriff, der unter der Feder von Hans G. Kippenberg aber zum noch immer interessanten heuristischen Instrument wird), "Partizipation" oder "Wirtschaft", welche den sozialen Blick mit Karl Marx und Max Weber geschärft haben - oder verunklärt, wie andere sagen würden: Hier erreichen wir die Grenzen der wissenschaftlichen Rationalität; die Wahl eines Paradigmas ist, gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften, niemals völlig rational erklärbar.

Mit anderen Worten: Das Handbuch hält für den durchschnittlichen Benutzer, der sich über einen gängigen religionswissenschaftlichen Terminus informieren möchte, lesenswerte und oft theoretisch glänzend fundierte Information bereit; die kulturwissenschaftliche Ausrichtung ist dabei nicht überall gleichermaßen faßbar, aber Enttäuschungen sind selten. Doch mehr Gewinn wirft die Benutzung für den ab, der sich entweder schon auskennt, weil er mit der Sehweise vertraut ist, oder der sich die Mühe macht, die Lemmaliste im fünften Band zu konsultieren, und durch sie zu einem Schlagwort geleitet wird, mit dem er nicht gerechnet hat (wer wird schon "Autostereotyp" suchen oder "Orientierung"?); in vielen Fällen wird ein solcher Benutzer nicht bloß zusätzliches Sachwissen heimtragen, sondern auch methodologisch profitieren.

Die Konzeption des Handbuchs hat, historisch-weltanschaulich, ihren Ort, und der liegt ein Vierteljahrhundert zurück, ist zudem in seinem resoluten (und zugleich unsicheren) Aufbruch in eine internationale Forschung eminent deutsch. Das hat Altersspuren zur Folge - doch sie sind selten genug. Und das Grundanliegen, Religionswissenschaft aus dem Einflußbereich von Theologie und Missionswissenschaft hinüber in die Human- und Sozialwissenschaften zu nehmen, ist heute noch ebenso aktuell, wenn nicht noch aktueller in einer Universitätslandschaft, deren reduzierte theologische Fakultäten zunehmend die Religionswissenschaft als Beschäftigungs- und Legitimationsmittel ausgemacht haben. Nicht, daß man Theologen unehrenhafte Argumente unterschieben wollte. Aber der Zugriff auf Religion ist an einer theologischen Fakultät und durch Theologen ein tendenziell und oft auch faktisch anderer. Andererseits werden seit je und in zunehmendem Maße religiöse Themen in den Philologien und den Geschichtswissenschaften abgehandelt - öfter mit ungenügender methodologischer Fundierung, weil über Religion jeder Mensch als homo naturaliter religiosus reden kann. Eine Religionswissenschaft im Verband der Kulturwissenschaften muß hier als Anreger und notwendiges Korrektiv wirken.

FRITZ GRAF

"Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe". Gesamtwerk Bände I-V. Herausgegeben von Hubert Cancik, Burkhard Gladigow, Karl-Heinz Kohl. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1988-2001. 2464 S., geb., im Schuber, 382,45 [Euro].

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