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R.E.R.
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Marzi, Christoph Piper und das Rätsel der letzten Uhr EUR 12,99
  • Bewertung vom 01.04.2014
  •  
    sehr gut
  • “Ein Abenteuer passiert dem, der es am wenigsten erwartet”. Dieses Zitat von G.K. Chesterton, dass Christoph Marzi seinem Buch voranstellt, passt genau. Piper erwartet nichts aufregendes. Ihre Eltern haben die elfjährige für einige Tage bei Onkel George untergebracht, damit sie in Ruhe und allein ihren Hochzeitstag feiern können. Der Wildhüter lebt im Dartmoor und kümmert sich in seiner Freizeit lieber um Bienen als um Menschen. Bei dem schweigsamen Onkel gibt es auch keinen Computer, Internet oder Handyzugang. Piper ist schon am ersten Tag so sterbenslangweilig, dass sie sich in die örtliche Bücherei verirrt. Mit den dort geliehenen Büchern macht sie es sich in einem alten Schrankkoffer bequem, den sie in einem Zimmer im Haus ihres Onkels gefunden hat. Als sie darin einschläft, fällt der Deckel zu und als Piper ihn wieder öffnet, sitzt sie mitsamt Koffer auf einer Lichtung im Wald.

    “Piper und das Rätsel der dreizehnten Uhr” ist ein Abenteuerroman mit subtilen Gruselelementen, die selbst mich als erwachsenen Leser leicht schauern ließen. Allerdings kommt das Gruseln erst spät. Der Beginn ist langweilig. Ich war schon fast versucht, das Buch aus der Hand zu legen, als ich begriff , dass es sich um einen sehr guten Trick des Autors handelt, wenn es denn so gedacht war. Pipers Reise im Schrankkoffer hat mit ihrer Langeweile zu tun. Im “Septemberland” macht ihr der unheimliche Mr. Rastlos klar, dass sie genau aus dem Grund überhaupt in seinem Reich gelandet ist. Um es wieder verlassen zu können, muss sie drei Abenteuer bestehen und ihre Langeweile vergessen. Als Leser hatte man vorher Gelegenheit diese Langeweile spürbar zu erlesen. So ermüdend der Beginn ist, so spannend wird es dann. Der Gegensatz hätte nicht besser herausgearbeitet werden können.

    Gut ist auch, dass Marzi seine Geschichte in Großbritannien spielen lässt. Britische Romanfiguren bewahren Haltung, auch wenn sie eine geheimnisvolle Reise in einem Schrankkoffer zurückgelegt haben und in einem fremden Wald von einem Tier im Menschennkostüm begrüßt werden. Höflichkeit ist oberstes Gebot und daran halten sich auch Piper und der sprechende Otter. Ähnlichkeiten mit “Alice im Wunderland” sind augenfällig!

    Neben “Alice im Wunderland” habe ich auch Anleihen aus der “unendlichen Geschichte” und “Momo” wiedergefunden. Der Wechsel zwischen Realität und Traum, die Macht durch Phantasie Welten zu erschaffen, der Kampf gegen den “grauen Herren“ Mr. Rastlos. Inhaltlich und sprachlich ist der Roman weit von diesen großen literarischen Werken entfernt. Dennoch ist er durchaus empfehlenswert. Das liegt zum einen an der unerschrockenen Hauptfigur Piper, die sich tapfer allen Anforderungen stellt und auch bei “Gefahr in Verzug” die Nerven behält. Bewundernswert.

    Zum andern liegt es an der Philosophie die der Autor einflicht. “Du siehst den Weg und siehst ihn nicht. Du kannst ihn gehen und kannst doch nicht”. Piper lässt sich auf die Bedingungen ein und löst ihre Aufgaben ( in denen sie es mit Piraten, Spinnen und einem schauderhaften “Narder” zu tun bekommt) mit Bravour nur um festzustellen, dass sie den Weg zurück doch noch nicht gefunden hat. Sie wurde ausgetrickst und muss nun das Rätsel lösen, dass sie zurückbringt in ihr eigenes Leben. Hier lernt, wer lernen will, dass dieses “Lebensrätsel” jeder lösen muss, egal ob jung oder alt.

    Und dass ein “langweiliger” oder besser “alltäglicher” Weg nicht unbedingt der schlechteste sein muss, ist eine Erkenntnis die, in der heute so geschäftigen Welt, zu erkennen es sich nicht nur für Kinder lohnt. Wenn Piper am Ende stillvergnügt die Zeit damit verbringt die Beine baumeln zu lassen und ihr eigenes Spiegelbild in der Oberfläche des Dorfteiches zu bewundern, “dann ist sie genau da, wo sie sein will”. Und dass zu begreifen, ist nie zu früh und nie zu spät. Meine Empfehlung: Für Kinder ab der vierten Grundschulklasse zum Vor- oder Selberlesen.
  • Bewertung vom 17.03.2014
  •  
    sehr gut
  • Otto lebt in einer alten Villa. Mit ihm wohnen drei Geister in dem bejahrten Gemäuer. Sir Toby, der einstige Hausherr und dessen ehemalige Dienstboten Molly und Bert. Die sprechende Fledermaus Vincent komplettiert als Haustier die skurrile Wohngemeinschaft, in der sich der elfjährige ungemein wohl fühlt, da er die Gabe hat die Gespenster sehen und mit ihnen reden zu können. Von all dem ahnt seine Tante Rachel, die den Jungen nach dem Tod seiner Eltern zu sich genommen hat, nichts. So entgeht ihr auch, dass Otto Harold kennenlernt, als der die Seele des alten Nachbarn einfängt. Harold ist niemand anders als “der Tod”, mit dem sich Otto und seine Freundin Emily anfreunden, nachdem sie festgestellt haben, dass die Bekanntschaft mit ihm keineswegs tödlich, sondern eher “cool” ist.

    Geistergeschichten haben bei Kindern immer Konjunktur. Bücher mit “Gruselfaktor” sind beliebt. Wohlige Gänsehautgarantie zieht junge Leser magisch an. Auf der Suche nach neuem Material für meine Vorlesestunden für Grundschulkinder bin ich, durch einen Tipp aus der Süddeutschen Zeitung, auf Sonja Kaiblingers ersten Band aus der Serie “Scary Harry” gestoßen. “Von allen guten Geistern verlassen” ist ein schönes Beispiel dafür wie man ein Thema, das es bereits in vielen Varianten gibt, mit frischen Ideen wieder neu in Szene setzen kann.

    Zum Beispiel Harold, der Sensenmann. Er ist Mitarbeiter des Seelen-Beförderungs-Institutes (SBI). Ein Knochenjob, wie er den Kindern verrät. Schlechte Arbeitszeiten und eine miserable Bezahlung. Trotzdem hat der Seelenfänger seinen Humor nicht verloren. Mit einem Schmetterlingsnetz jagt er nach den Seelen, die (in Form von “rot glühenden Tennisbällen”) meist schneller sind als er. Bis er sie sicher in Einmachgläsern (für Gurken) auf die Reise ins Jenseits zu schicken kann, ist er oft völlig aus der Puste und am Ende seiner Nerven.

    Zu den phantasievollen “übersinnlichen” Einfällen präsentiert Kaiblinger eine spannende Handlung. Die Hausgeister sind eines Tages auf mysteriöse Weise verschwunden. Otto und Emily finden heraus, dass sie vom skrupellosen Besitzer eines Horrorgruselparks entführt wurden. Es gilt sie wieder zu befreien. Dabei sind die Kinder auf die besonderen Fähigkeiten von Harold angewiesen, der sich freut ihnen behilflich sein zu können. Gemeinsam entwickeln sie einen Plan, der mit (im wahrsten Sinne des Wortes) unheimlichen Tricks zum Ziel führen soll.

    Die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung, Ulrike Schultheiß, bezeichnete das Buch in Ihrem Artikel als Lesefutter für männliche Büchermuffel. Diesem Urteil kann ich mich nicht ohne weiteres anschließen. Ich sehe das Buch sowohl für Mädchen als auch Jungen. Allerdings bin ich im Zweifel ob ein echter Lesemuffel hier zugreift. Mit über 200 Seiten ist das Buch für ein Kind das nicht oder wenig liest, schlicht durch seinen Umfang abschreckend. Dazu kommt das schleppende Tempo mit der die Handlung in Gang kommt. Durch das erste Drittel des Buches habe ich mich mühsam gelesen. Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Zu viele Dialoge, zu wenig Action. Ein Kind das nicht von Haus aus lesebegeistert ist, steigt hier wahrscheinlich einfach aus.

    Ich sehe “Scary Harry” eher als ein Buch zum Vorlesen oder für Eltern die Lesenachschub für Ihre Kinder (ab ca. 9 Jahren) herbeischaffen müssen. Ich selber werde “Von allen guten Geistern verlassen” auf jeden Fall in einer meiner nächsten Vorlesestunden testen. Wenn man den richtigen Einstieg findet und an einer spannenden Stelle aufhört, bin ich sicher, dass auch ein “Lesemuffel” neugierig wird und weiterlesen will.
  • Bewertung vom 23.02.2014
  •  
    ausgezeichnet
  • Die Schwestern der Familie Karlsson, Ulla, Molly, Ellen und Frieda leben in ganz Europa verstreut. Frieda, die Künstlerin hat als einzige keine Kinder und daher Zeit die Söhne und Töchter ihrer Schwestern für den Sommer aufzunehmen. Julia, die zwölfjährige Tochter von Ulla ist entsetzt. Ihr ist der letzte Aufenthalt bei ihrer "verrückten" Tante noch in denkbar schlechter Erinnerung. Außerdem hat sie keine Lust wochenlang auf ihre kleine Schwester aufzupassen. Auch das ihre Cousins George und Alex mit von der Partie sein sollen, stimmt sie nicht fröhlicher. George kennt sie nur als stummen Jungen, der vor Aufregung gerne mit den Ohren wackelt und von Alex weiß sie nichts, außer dass er für einen siebenjährigen recht gut kochen soll. "Das kann ja ein lustiger Sommer werden, dachte Julia. Und das wurde es wirklich!"

    Die beiden letzten Sätze aus dem ersten Kapitel nehmen vorweg, was kommt. Die erste Begegnung ist vielversprechend. George ist keineswegs stumm, sondern entpuppt sich als junger britischer Gentleman mit Sinn für Humor und einer leicht ironischen Ader. Alex ist ein munterer zwölfjähriger der, ganz der Sohn eines französischen Kochs, die kulinarische Versorgung in die Hand nimmt. Und Tante Frieda macht, was alle “guten” Erwachsenen in einem Kinderbuch machen: sie lässt den vieren ihre Freiheit.

    Diese Freiheit ist beim Lesen förmlich zu spüren. Auf der Insel ohne fließendes Wasser, Tiefkühltruhe, Fernsehen und Computer lernen sie schnell das Beste aus dem zu machen was sie umgibt. “Von jetzt an habt ihr Sommerferien, in denen jeder tun und lassen kann, was er will! Und hier auf der Insel gibt es jede Menge zu tun. Schwimmen, Spiele spielen, auf Bäume klettern und faul in der Sonne liegen, mit dem Boot aufs Meer rudern. Nur eins muss euch klar sein, dass ich nicht die Ferienmama bin, die alles für euch organisiert.” Diese Worte ihrer Tante sind für die Kinder der Startschuss zu einer herrlichen Zeit. “Von da an machten sie sich Gedanken darüber , was sie am liebsten tun wollten.” Und tun es dann einfach!

    Julia beschließt die gut gefüllten Bücherregale ihrer Tante zu plündern, Alex will seine eigenen Rezepte ausprobieren ohne das ihm seine Eltern reinreden, Hummel entdeckt den Garten und die Tiere der Insel für sich und George hat ein geheimes Hobby mit auf die Insel gebracht, von dem noch niemand etwas wissen soll. Dieser allumfassenden Idylle setzt Mazetti zwei spannende Kontrapunkte gegenüber. Tante Friedas Kunstwerke werden von einer dreisten Bande gefälscht und in Umlauf gebracht. Sie muss daher nach Stockholm reisen um der Sache, die ihren Lebensunterhalt gefährdet, Einhalt zu gebieten. Die Kinder bleiben derweil alleine auf der Insel. Dort gehen unterdessen mysteriöse Dinge vor. Einiges deutet darauf hin, dass sich noch jemand auf der Insel befindet, der dort nicht hin gehört.

    “Spukgestalten und Spione” ist denn auch der Untertitel dieses ersten Bandes der Kinderbuchreihe. In Schweden sind die Abenteuer der Karlsson Kinder bereits Bestseller und auch in Deutschland werden Band 2 und 3 demnächst erscheinen, was ich nach der Lektüre nur begrüßen kann. Katarina Mazettis “Die Karlsson Kinder” lesen sich wunderbar leicht und unbeschwert. Ich habe mich beim Lesen an eines meiner Lieblingsbücher von Astrid Lindgren erinnert: Ferien auf Saltkrokan”.

    In diesem (leider) weniger bekannten Kinderbuch der großen schwedischen Autorin, verbringt der Witwer Melcher Melchersson, ein ebenso liebenswerter wie erfolgloser Schriftsteller, mit seinen vier Kindern die Sommerferien auf einer entlegenen schwedischen Schäreninsel. Dort freundet sich die Stockholmer Familie mit den Einheimischen an und der endlose schwedische Sommer birgt für alle (vor allem für die Leser, große wie kleine) herrliche Erlebnisse und jede Menge Abenteuer. "Die Karlsson Kinder" scheinen davon inspiriert und man kann sie Kindern ab 10 Jahren und deren Eltern als Lektüre nur wärmstens an Herz legen.
  • Bewertung vom 30.01.2014
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    ausgezeichnet
  • “Das deutsche Fernsehen weist eine gewisse Tradition auf, wenn es um die Inszenierung britischer Lebenswelten geht. Man denke an die ehrwürdige Edgar-Wallace-Reihe oder die Rosamunde Pilcher-Filme im ZDF. Bei der Krimikomödie “Inspektor Jury”, die bei guten Quoten zur Reihe werden könnte, verkleiden sich renommierte deutschsprachige Schauspieler wie Fritz Karl, Götz Schubert und Katharina Thalbach als Vorzeige-Briten alter Schule, um Mordfälle zu lösen.”

    So wurde in der vergangenen Woche im SZ Fernsehmagazin unter dem Titel “Bitte recht britisch” für die Verfilmung “Der Tote im Pub” aus der Feder von Martha Grimes geworben. Der Erstling der Bestsellerautorin stammt aus dem Jahr 1981 und heißt im Original “Inspektor Jury schläft außer Haus”. Ich las den Hinweis einige Tage vor der Erstausstrahlung und weil ich ein Fan der Buchserie bin bzw. war, nahm ich mir vor den Film anzuschauen. Vorher kramte ich jedoch den Krimi des Rowohlt Verlages aus meinem Regal und vertiefte mich, nach fast zwanzig Jahren, erneut in die Lektüre.

    Als erstes freute ich mich wieder über die wunderbaren Umschlagbilder des Rowohlt Verlages für diese Krimiserie. Eine gemalte Szenerie in warmen, pastellfarbenen Tönen, der Jahreszeit des Inhaltes entsprechend. Bei “Inspektor Jury schläft außer Haus” ist es eine Winterlandschaft. Ein tief verschneites englisches Dorf und ein einzelner Mann, der auf einer Bank am Rande des Dorfteiches sitzt und über seine Spuren im jungfräulichen Schnee nachzudenken scheint. So heiter unschuldig wie das Titelbild ist der Inhalt freilich nicht.

    Inspektor Jury und sein Assistent Wiggins werden von London nach Northamptonshire berufen. In dem kleinen Dorf Long Piddleton werden Gäste der örtlichen Gastronomie auf kuriose Weise ermordet. Der erste Tote wurde in einem Bierfaß ertränkt, der zweite stranguliert und als Statue über der Eingangstür platziert. Das beide Opfer ortsfremd waren, gibt der Polizei Rätsel auf und so sollen die Experten von Scottland Yard für Aufklärung sorgen. Kaum in der pittoresken ländlichen Idylle angekommen, geht das Morden weiter. Und bald schon wird klar, dass die Opfer zwar nicht aus Long Piddleton stammen, der Täter jedoch schon.

    Beim erneuten Lesen erinnerte ich mich wieder an viele liebgewordene Charaktere. Allen voran Melrose Plant, der örtliche Adlige. Der reiche Erbe eines Earl hat seinen Adelstitel samt Sitz im Oberhaus längst abgelegt. Trotzdem er im feudalen Landsitz seiner Vorfahren residiert und sich vom treuen Butler Ruthven bedienen lässt, ist er sehr symphatisch. Ein Professor der romantischen Lyrik der, wenn er nicht gerade versucht seinen Studenten die Schönheit französischer Gedichte näherzubringen, zuviel Zeit hat und dadurch zur kriminalistischen Spürnase wird. Jury und Plant erkennen sich schnell als verwandte Seelen und gehen gemeinsam auf Mörderfang.

    Eher behindert als unterstützt werden Sie dabei nur von Lady Agatha, Melrose aufdringlicher Tante. Sie mischt sich überall ein und geht mit ihrer penetranten Art nicht nur ihrem Neffen gehörig auf die Nerven. An weiteren “englischen” Charakterfiguren mangelt es ebenfalls nicht. Marshal Trueblood, der schwule Antiquitätenhändler. Simon Matchett, der blendend aussehende Restaurantbesitzer, der seine erste Frau durch einen tragischen Unglücksfall verloren hat. Das Ehepaar Bicester-Strawn. Sie jung, knackig und keinem sexuellen Abenteuer abgeneigt. Er alt, schweigsam und ein Freund des langweiligen Pfarrers. Die elternlosen Stiefschwestern Isabel und Vivian Rivington und der Kriminalschriftsteller Oliver Darrington samt seiner mit ihm in wilder Ehe lebenden Sekretärin Sheila machen die illustre Runde komplett, aus der sich der melancholische Titeldetektiv seinen Mörder suchen darf.
Christie, Agatha Das fehlende Glied in der Kette EUR 9,00
  • Bewertung vom 26.01.2014
  •  
    sehr gut
  • „1916 in der Apotheke des Badeortes Torquay an der Westküste Englands: Eine frisch verheiratete junge Dame aus den besten Kreisen tut hier freiwillig Dienst als Krankenschwester, wie es viele tun in den Kriegsjahren. Ihr Gatte Archibald befindet sich irgendwo in der Luft über Frankreich, er gehört zum Königlichen Fliegercorps. Die junge Dame langweilt sich - und schmiedet einen finsteren Plan: "Auf den Regalen rund um mich standen Gifte, und so war es vielleicht nur natürlich, dass ich einen Giftmord ins Auge fasste!"

    So begann der Hörbeitrag des Kalenderblattes von Bayern 2 am 21. Januar 2014. Das Kalenderblatt ist eine Art “akustischer Abreißkalender“, der täglich um fünf vor zehn Uhr morgens zu hören ist. Ilse Neubauer, die den Text des Autors Christian Feldmann vorlas, war dann weiter zu hören: „Zum Glück verübt die mordlüsterne Apothekenhelferin ihre Freveltat nur auf dem Papier. Sie erfindet einen eitlen, geschwätzigen, aber genialen Detektiv, der einen Giftmord zu klären hat. Spätestens jetzt wissen wir natürlich, dass es sich um Monsieur Hercule Poirot handelt, und wie seine Schöpferin heißt: Agatha Christie.“

    Noch im Auto machte ich mir die gedankliche Notiz, den alten Band aus dem Scherz Verlag aus meinem Bücherregal zu nehmen und wieder zu lesen. Auf den Tag genau hundert Jahre zuvor, war in England Agatha Christies erster Krimi erschienen. “Das fehlende Glied in der Kette”, von der Kritik seinerzeit nur mäßig aufgenommen, markierte den Beginn einer einzigartigen Karriere. Insgesamt 65 Romane hat die “große Dame des britisches Krimis” ihrem Erstling folgen lassen. Ihre Detektivfiguren wie Hercule Poirot und Miss Marple sind bis heute ebenso bekannt wie beliebt.

    Im Radio wurde der Inhalt des Buches recht launig skizziert: “Es geht um den grässlichen Tod der Gutsbesitzerin Emily Inglethorp auf Gut Styles, die an einer Prise Strychnin gestorben ist, und um den nicht minder grässlichen Verdacht gegen ihren Gatten Alfred, der laut Zeugenaussagen in der Dorfapotheke Strychnin gekauft hat. Zum Glück haben die Inglethorps den belgischen Superdetektiv Poirot zu Besuch. Der findet heraus, dass der Strychnin-Käufer dem Hausherrn nur ähnlich gesehen hat. Die Handschellen klicken nicht, und der bereits mit einem Haftbefehl vor der Tür stehende Scotland-Yard-Inspektor muss verärgert abziehen.“ Zunächst!

    Natürlich lauerte das Unheil doch direkt im Umfeld der englischen Lady, die sich mit ihrer großzügigen aber herablassenden Art zu Lebzeiten wenig Freunde gemacht hat. Als Täter kommen nicht nur ihr wesentlich jüngerer zweiter Gatte Alfred, sondern auch die beiden Stiefsöhne John und Lawrence in Frage, die finanziell von ihr abhängig waren. Eine weitere Verdächtige ist die Nichte Cynthia, die in der Krankenhausapotheke Freiwilligendienst leistet und damit freien Zugang zum Giftschrank des Hospitals hat. Selbst die Ehefrau von John, die stolze und schöne Mary, ist verdächtig weil sie zufällig einen heftigen Streit mitbekommen hat, der (bei Bekanntwerden) für ihren Mann ein Skandal gewesen wäre.

    Besonders dieser letzte Verdacht will dem Ich-Erzähler gar nicht gefallen. Die Verdächtige ist schließlich ein reizendes weibliches Wesen das ihm sehr gefällt. Wie auch in einigen späteren Werken, in denen der belgische Detektiv ermittelt, wird die Geschichte von Arthur Hastings erzählt. Der junge Lieutenant, der kriegsversehrt nach England zurückkehrt und von seinem Freund John Inglethorp nach Styles zur Erholung eingeladen wird, kennt Poirot von früher und ist mit ihm befreundet. Gemeinsam gehen sie auf Mörderjagd, wobei der offene und ehrliche junge Mann, die Rolle des berichtenden Beobachters übernimmt. Ähnlich wie Dr. Watson bei Sherlock Holmes.

    Hier wie dort haben wir es mit einem genialen Geist zu tun, der die scheinbar kleinsten Hinweise deuten kann. Diese altmodische Art einem Verbrechen auf den Grund zu gehen, hat auch nach hundert Jahren nichts von ihrem Charme verloren!
Buck, Pearl S. Die Frauen des Hauses Wu EUR 8,99
  • Bewertung vom 21.01.2014
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    ausgezeichnet
  • “Sie haben mir von dem Zauberglas erzählt, das kleine Dinge groß macht. Ein Stäubchen, sagten Sie mir, kann so groß gemacht werden wie eine Wüste, und wenn man das Stäubchen versteht, dann ist einem auch die Wüste bekannt. Dieses Haus ist das Stäubchen, aus dem ich alles verstehe. Innerhalb dieser Wände ist die Gesamtheit des Lebens.”

    Auf manche Bücher stößt man auf wunderbare Weise. Jedes Jahr im Dezember tausche ich mit einer ehemaligen Nachbarin Weihnachtsgrüße per Post. Wir schreiben, neben den üblichen Wünschen für ein frohes Fest, einige Bücher auf die wir in den abgelaufenen zwölf Monaten gelesen und die uns besonders gefallen haben. In diesem Jahr standen in der Karte die ich erhielt zwei Bücher von Pearl S. Buck: “Die gute Erde” und “Die Frauen des Hauses Wu”.

    Zu Weihnachten bekam ich dann nicht (wie erhofft) Bücher von Alice Munro, sondern einen Gutschein unseres örtlichen Buchladens, den ich nach den Feiertagen sofort einlösen ging, um mir die gewünschten Bücher zu kaufen. Was ich jedoch als erstes fand, war eben jenes Buch über die “Frauen des Hauses Wu” von Pearl S. Buck. Zufall oder Fügung? Nach der Lektüre bin ich letzterem zugeneigt.

    Madame Wu feiert ihren 40. Geburtstag. Als weibliches Familienoberhaupt einer reichen und mächtigen Kaufmannsdynastie genießt sie höchsten Respekt und großen Einfluss. Dennoch entschließt sie sich zu einem drastischen Schritt, der ihre Stellung zu gefährden droht. Sie führt ihrem Mann eine Zweitfrau zu. Obwohl sorgsam geplant und umgesetzt, wird die Harmonie in der Familie empfindlich gestört. Madame Wu sieht sich mit vielfältigen Problemen konfrontiert, die nicht nur ihren Mann, ihre Söhne und deren Ehefrauen betreffen, sondern auch die junge Frau, die sie ihrem Mann zugedacht hat.

    Pearl S. Buck hat ihren Weltruhm als Schriftstellerin mit ihrem Roman “Die gute Erde” begründet, für den Sie Anfang der 1930er Jahre des Pulitzerpreis erhielt. 1938 wurde Sie überdies, als zweite Frau überhaupt, mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt. “Die Frauen des Hauses Wu” ist ein späteres Werk als “Die gute Erde”. Die Erstveröffentlichung datiert aus dem Jahr 1946. Madame Wu ist die zentrale Figur, um die sich alles dreht. Sachlich und nüchtern trifft sie weitreichende Entscheidungen, die mir als “westlicher” Leserin eines anderen Jahrhunderts zunächst gefühllos erschienen. Die Ruhe und Besonnenheit die jeder Handlung zugrunde lagen und Bucks eingängiger Stil weckten in mir aber bald Verständnis. Zum einen für die Kultur Chinas und ihre historischen Aspekte, zum andern für die Entwicklung in Chinas Gesellschaft in Bezug auf die Rolle der Frau.

    Für chinesische Frauen der Oberschicht war es zu jener Zeit nicht schicklich jenseits der vierzig noch schwanger zu werden. Madame Wus Entscheidung ist also nichts anderes, als eine Art der Verhütung. Das ihr dies gefühlsmäßig nicht nahegeht, liegt daran, dass sie ihren Mann nie geliebt hat. Sie ist mit ihm verheiratet worden und war ihm eine gute Ehefrau. Nun will sie den Rest ihres Lebens damit zubringen, ihren Geist und ihre Seele zu sammeln. “Ich will meinen Körper sorgsam pflegen, nicht dass er noch einem Mann gefalle, sondern weil er mich beherbergt.“

    Ihr unbeabsichtigter Egoismus zerstört das Familiengefüge. Chiumang, die neue Frau, kann die Erwartungen nicht erfüllen und versucht sich umzubringen. Die Söhne und Schwiegertöchter rebellieren, der Ehemann sucht Befriedigung bei einer Prostituierten. Erst als mit dem italienischen Priester André ein Lehrmeister für ihren Sohn ins Haus kommt, der auch Madame Wu unterrichtet, ändert sich alles. Das eingangs erwähnte “Zauberglas” sind die Lehrstunden bei ihm. Die philosophischen Gespräche die Buck den beiden in den Mund legt, sind die oben zitierten “Staubkörnchen“.
    Das besondere dieses Buches ist jedoch die Weisheit, die aus jedem Satz spricht. Madame Wu wächst durch die Liebe zu André über sich hinaus. Pearl S. Buck hat diese Entwicklung verewigt.
Chidolue, Dagmar Millie in Moskau EUR 6,95
  • Bewertung vom 09.01.2014
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    sehr gut
  • Kinderbuchreihen kann man mögen oder nicht. Tatsache ist jedoch, dass Kinder Bücher in Serie lieben, sofern sie sich einmal mit dem Titelhelden bzw. der Heldin angefreundet haben. Dann ist es wie bei erfolgreichen Krimiserien für Erwachsene. Jede Neuerscheinung findet reißenden Absatz und wird gelesen. Dass die Qualität nicht immer gleich gut ist, lässt sich nicht leugnen. Gut ist aber, das Serien Kinder (und nicht nur diese) zum Lesen anregen.

    “Millie” ist so eine Serienheldin. Dagmar Chidolue schickt sie regelmäßig auf Reisen. Mal mit der ganzen Familie (Mama, Papa, kleine Schwester Trudel), manchmal auch nur mit der Mama, wenn diese wieder auf Recherche für einen ihrer Artikel ist. So auch im vorliegenden Band “Millie in Moskau”. Übrigens einer der Besten dieser Reihe, wie ich finde.

    Millie hat Weihnachtsferien und darf mit ihrer Mutter nach Moskau fliegen. Die Mutter soll einen Artikel über die Stadt schreiben, über Menschen und Sehenswürdigkeiten. Weil beide kein Russisch können, hilft ihnen Frau Kuschtewskaja, von Millie kurz Frau Kuschiwuschi genannt, weiter. Diese hat immer ihren Sohn Andruscha dabei, der so alt ist wie Millie, aber nicht mit ihr redet. Wie auch, wo Millie nur zwei russische Wörter beherrscht: “Astaroschna” (Vorsicht) und “Njet” . Aber trotz der freundlichen Hilfe gerät Millie mehr als einmal aufs “Glatteis” und das nicht nur wegen des kalten und schneereichen russischen Winters.

    Was die Bücher für Kinder so attraktiv macht, ist die freche und neugierige Art mit der Dagmar Chidolue Millie ihr jeweiliges Reiseziel erkunden lässt und die Art wie sich das Kind die neuen Eindrücke erklärt und verständlich macht. Aus der russischen Währung Rubel werden hier kurzerhand “Rubbelchen”. Die Architektur des Kreml (von Millie liebevoll Krümel genannt) wird mit einer verzierten Sahnetorte verglichen. Im Bolschoi Theater beeindrucken die “Flatterbeine” und im Staatszirkus der “Popoclown” (nein, das hat nichts mit Gesäß zu tun, sondern ist Millies Abkürzung für Clown Popov). Das es in dem Kapitel über den Zirkus trotzdem ziemlich oft um Popos und Pipi machen ging, hat die Kinder in meiner Lesung mit dem Buch übrigens königlich amüsiert.

    Diese schön aufgemachten “Reiseführer” kann man Kindern ab 6 Jahren vorlesen. Sie eignen sich natürlich auch als Reisevorbereitung, wenn man mit der Familie einen Urlaub in einem der Zielgebiete plant, die Millie bereist hat. Mittlerweile gibt es davon schon ziemlich viele. Neben den europäischen Hauptstädten auch viele Regionen und außereuropäische Länder. Die wichtigsten Reiseziele der Welt hat Millie schon besucht und auf ihre ganz eigene Art für sich und ihre Leserschaft entdeckt.
  • Bewertung vom 07.01.2014
  •  
    sehr gut
  • „Dicht, konzentriert und trotzdem mit jener noblen Finesse. Er ist unvergleichlich, vornehm, vortrefflich, hervorragend. Sensationell, intensiv, exotisch und dabei typisch.“

    Was hier in den höchsten Tönen gelobt wird, ist nicht etwa die schriftstellerische Leistung Martin Suters in seinem dritten Kriminalfall für Konrad Friedrich Allmen. Es sind die Beschreibungen der Weine die der Gentleman Detektiv während seiner Suche nach dem Dahlien Bild von Henri Fantour-Lantour trinkt. Ein 2006 Chambertin Clos de Beze Grand Cru, den er zu Steaks die nach Art „Tournedos Rossini“ zubereitet wurden, genießt. Später lässt er sich noch einen Camins des Priorat zu gefüllter Kalbsbrust mit Kartoffelpüree schmecken.

    Der kulinarische Höhepunkt ist aber sicherlich der Contes des Champagne Rosé 2002 in Kombination mit einem 1996 Chateau d‘Yquem die er im Hotel de Palais in Biarritz zu „Sole cuite à la poele avec beirre meunière et pommes vapeur“ auswählt.

    „Draußen schäumte der Atlantik, und der Regen überzog die Fenster mit glitzernden Perlen. Speisen und Getränke, der für beide befriedigende Abschluss des Geschäfts und eine gewisse Seelenverwandtschaft, die nach und nach zutage trat, beflügelten das Gespräch und machten aus dem konspirativen Treffen einen unerwartet behaglichen Abend.“

    Man muss zur Krimiserie von Martin Suter nicht viel sagen, um ihre Klasse oder ihre Wirkung zu verdeutlichen. Die eingangs zitierten Adjektive aus dem Weinhandel kennzeichnen die edlen Tropfen ebenso gut wie die sprachliche Finesse und die spannende Handlung des Romans. Die Szene aus dem Buch beschreibt nicht nur die Stimmung der Protagonisten kurz vor dem großen Showdown, sondern auch die Gemütslage die einen beim Lesen des Abenteuers ergreift: Behagen.

    Dieses wohltuend altmodische Wort trifft den Kern dessen, was die Allmen Serie ausmacht: Das angenehme Gefühl, wenn man sich zufrieden zurücklehnt, im Schein von Kerzen ein Glas Rotwein (vielleicht den oben genannten, auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglichen Camins del Priorat) trinkt, um (wie in diesem Fall) den verschlungenen Pfaden eines gestohlenen Bildes zu folgen, die einen aus dem eigenen Lesesessel ins Züricher Schlosshotel, an die Küste Frankreichs und zurück in die Silvesternacht 1958 in St. Moritz führen. Unterhaltungsliteratur par excellence!
  • Bewertung vom 02.01.2014
  •  
    ausgezeichnet
  • “Die Vögel” von Alfred Hitchcock ist ein Gruselschocker der Extraklasse. Finde ich. Meine zwölfjährige Tochter, mit der wir uns den Film im letzten Jahr angesehen haben, fand das nicht. “Wann wird es denn nun endlich unheimlich?” fragte sie gelangweilt, als die Kinder mit ihrer Lehrerin vor den angreifenden Möwen flüchten. Eine Reaktion wie in Franziska Gehms “Date mit Bissverständnis” haben wir jedenfalls nicht erlebt. Die Vampirschwestern und ihre Freunde Helene und Ludo können sich vor Angst beim ansehen des Filmes kaum beherrschen. Selbst Dakaria flopst es vor lauter Spannung direkt auf Ludos Schoß, was beide sehr irritiert. Einig waren meine Tochter und ich uns jedoch, dass das zehnte Abenteuer der beiden Tepes Schwestern sehr gut gelungen ist. Wir haben uns beim Lesen bestens amüsiert. Beide!

    Helene Steinbrück ist vor Freude ganz aus dem Häuschen. Die Band Krypton Krax kommt nach Bindburg. Und mit ihr natürlich auch ihr Schwarm, der Leadsänger Murdo. Silvania und Dakaria freuen sich mit ihrer Freundin, sind aber auch besorgt. Die Mitteilungen die der attraktive Vampir ihrer Freundin im Vampnet in den Sargdeckel ritzt, klingen in ihren Ohren nicht ganz eindeutig. Dass er Helene “zum anbeißen” findet, kann auch alles andere als harmlos gemeint sein. Und so bleiben die beiden wachsam, während sie alles für den Auftritt der Musiker vorbereiten. So entgeht ihrer Aufmerksamkeit jedoch, dass ihr umtriebiger Nachbar Dirk van Kombast sich schon wieder etwas neues ausgedacht hat, mit dem er die unliebsamen Nachbarn loswerden kann. Tauben stehen im Mittelpunkt seines teuflischen Planes, hat er doch in Erfahrung gebracht, dass die Mädchen panische Angst vor diesen Vögeln haben. Und auch zwischen ihren Eltern kriselt es. Mutter Elvira ist plötzlich nicht nur extrem launisch sondern auch sehr stark, wie ihr Mann Mihai und die Kühlschranktür schmerzlich erfahren müssen.

    In “Date mit Bissverständnis” kehrt Franziska Gehm zu den starken Ursprüngen der Reihe zurück. Sie kombiniert ihre phantasievollen Einfälle mit viel Sprachwitz und Sinn für Situationskomik. Die Handlung greift flüssig ineinander und steuert zielsicher auf ein atemberaubendes Finale zu, dass mit den oben erwähnten Tauben zu tun hat. Es ist sehr eindrucksvoll und hat mir besonders gefallen, wie Franziska Gehm hier die Hitchcock Vorlage “zweitverwertet”. Am Ende ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild und des Rätsels Lösung um Mutter Elviras neue Fähigkeiten, lässt auf weitere “bissfeste” Abenteuer hoffen.
Shriver, Lionel Dieses Leben, das wir haben EUR 9,99
  • Bewertung vom 29.12.2013
  •  
    ausgezeichnet
  • Das Jenseits bezeichnet den Ort außerhalb der Welt, in den man nach dem Tod eintritt. Als gläubiger Christ sagt man auch Himmelreich dazu. Für Shep Knacker ist das Himmelreich der Ort wo er den Rest seines Lebens verbringen will. Er hat sparsam gelebt, seine Firma mit Gewinn verkauft und jahrelang “Recherchereisen” unternommen um das richtige “Jenseits” zu finden. Mit Pemba, einer Insel vor der afrikanischen Küste von Sansibar, scheint er endlich fündig geworden zu sein. Die Tickets sind gebucht, die Koffer gepackt, der Job gekündigt als seine Frau ihn mit einer tragischen Diagnose konfrontiert.

    Ich bin durch einen Tipp aus der Süddeutschen Zeitung auf das Buch gestoßen. Auf einer Doppelseite empfahlen SZ Autoren Weihnachtsgeschenke. Der kurz skizzierte Inhalt machte mich neugierig. In “Das Leben das wir haben” geht es um zwei Paare, die auf ganz unterschiedliche Weise mit Krankheit und Tod konfrontiert werden. Dazu kam, dass ich die Autorin bereits von ihrem beeindruckenden Roman “Wir müssen über Kevin reden” kannte.

    Shep hat durch den Verkauf seiner Firma ein Vermögenskonto angelegt, dessen Wert sich am Anfang der Geschichte auf knapp 800.000 Dollar beläuft. Der Krankheitsverlauf seiner Frau wird anhand der sinkenden Zahlen auf diesem Konto verdeutlicht. Sheppard ist zwar durch seinen Arbeitgeber, vor dem er zu Kreuze kriecht um seinen Job wieder zu bekommen, krankenversichert. Allerdings ist die Versicherung eine “jener Albträume” bei denen nur die notwendigste Grundversorgung abgedeckt ist und jede Sonderbehandlung zuzahlungspflichtig. In Glynis Fall einer äußerst seltenen und schwer behandelbaren Krebsform, kommt dies dem persönlichen Ruin gleich.

    Carol und Jackson, die Freunde von Shep und Glynis, haben ein unheilbar krankes Kind. Ihre Tochter Flicka ist an familiärer Dysautonomie erkrankt. Hauptmerkmale dieser seltenen Gen-Erkrankung sind extreme Blutdruckschwankungen, fehlende Tränenflüssigkeit und die mangelnde Koordination des Verdauungssystems. Dazu kommen das Fehlen von Heiß-, Kalt und Schmerzempfinden, Kleinwuchs, Unterentwicklung und Sprachschwierigkeiten. Die Pflege der Tochter hat Mutter Carol übernommen, die dafür ihren eigentlichen Beruf als Gartenarchitektin aufgegeben hat und für die Computerfirma IBM von zu Hause aus arbeitet. Der Hauptgrund war auch hier die Krankenversicherung.

    Obwohl naheliegend zeichnet das Buch anhand der Krankengeschichten kein exemplarisches Bild der Ungerechtigkeit des amerikanischen Gesundheitssystems. Beide Familien können sich die medizinische Versorgung leisten, ohne (zunächst) größere persönliche Einbußen in Kauf nehmen zu müssen. Man möchte sich nicht vorstellen, wie es den beiden Patientinnen ergehen würde, wenn sie nicht durch Eltern oder Ehemann abgesichert wären.

    Das Buch ist in jedem Fall nichts für schwache Nerven. Die Drastik mit der Shriver den Verfall von Glynis beschreibt, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Von Haarausfall bis Appetitlosigkeit und vom körperlichem Verfall bis zum kompletten Aussetzen der Vitalfunktionen. Glynis ist dennoch keine Figur mit der man Mitleid hat. Vielleicht das stärkste Argument für dieses Buch. Die ungeschönte Wirklichkeit einer Sterbenden zu begleiten.

    “So much for that” heißt das Buch im Original. Ein passender Titel für ein Werk, dass einen trotz des ernsten und (oft) wenig schönen Inhalts hoffnungsvoll stimmt. “Soviel dazu” ist das unprätentiöse Grundmotto, das sich einem, neben den Figuren, nachhaltig einprägt. Am Ende kommt es nicht darauf an, große Worte zu machen. Es sind die kleinen Gesten die bleiben. Und die darüber entscheiden wie man lebt hat und wie man stirbt. Eindringlicher habe ich das noch nie gelesen.
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