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Benutzername: R.E.R.
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Insgesamt 280 Bewertungen
Bewertung vom 30.07.2015
Funkenflieger
Falk, Rita

Funkenflieger


ausgezeichnet

„Mit der Liebe ist es wie mit dem Licht. Verliebtsein, das ist doch wie ein Feuerwerk. Sprühend und funkelnd und strahlend und hell. Wunderschön, aber eben leider auch sehr schnell vorbei. Eine kleine Kerze dagegen brennt schon viel länger. Am besten aber sind Energiesparlampen. Die brauchen zwar ein wenig Zeit, bis sie richtig leuchten, dafür verbrauchen sie wenig und geben viel Licht. Und genau so muss eine gute Ehe sein, verstehst du“.
Marvin, genannt Locke, versteht nicht, was der türkische Gemüsehändler ihm mit diesen Worten sagen will. Das liegt daran, dass er der falsche Adressat ist. Der Vater von Aicha will eigentlich an Kevin, den großen Bruder von Marvin appellieren, seine Tochter ihn Ruhe zu lassen. Ein Appell der zu spät kommt. Denn Aicha ist bereits schwanger und weder sie noch Kevin haben die Absicht ihre Liebe bzw. das erwartete Kind aufzugeben.
Rita Falk, bekannt und berühmt durch ihre „Eberhofer“ Krimis hat nachgelegt. Nach „Hannes“, dem ersten Roman der sich nicht um Mord und Totschlag in Niederkaltenkirchen drehte, hat sie nun wieder eine Geschichte aus dem „normalen“ Leben geschrieben. Und Sätze, wie die eingangs zitierten, sind es die diese Autorin so besonders machen. Denn die „Energiesparlampe“ fliegt dem türkischen Vater am Ende um die Ohren. Ich will hier nicht zuviel verraten, aber es ist eine dieser legendären „Falk-Stellen“, die einen erst einmal zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen. Wie so vieles in diesem Buch.
Die Familie von Marvin ist „erbärmlich“. So bezeichnet es der Ich-Erzähler zumindest selbst. Die Mutter Elvira, alleinerziehend und arbeitslos, hockt den ganzen Tag auf dem Sofa. Sie gibt sich ihren Depressionen hin und hat keine Ahnung vom Leben ihrer Söhne. Zum Beispiel das Robin, der mittlere Bruder, in die Fänge falscher Freunde geraten ist, die ihn erpressen und terrorisieren. Oder das der sonstige Vorzeigesohn Kevin in großen Schwierigkeiten steckt. Er steht kurz vor dem Abitur, seine minderjährige Freundin ist schwanger und ihre Eltern drohen damit, sie in die Türkei abzuschieben, wenn sie sich nicht von dem Kind und dem dazugehörigen Erzeuger verabschiedet.
Eine vertrackte Ausgangssitution die Rita Falk in gewohnt humorvoller Weise entspannt. Schicksalsschläge und Katastrophen führen bei ihr nicht zu noch mehr Elend, sondern aus so manchem „Schlechten“ erwächst bei ihr Gutes. Aus Hass wird Freundschaft, aus Depressionen neuer Lebensmut. Das dies nicht von allein geht versteht sich von selbst. Und so bevölkern auch diesen Roman jede Menge liebevoll skizzierte Originale. Wie der dicke Kunstlehrer Conradi, der im Unterricht nicht nur die Liebe zur Malerei vermittelt, sondern seinen Schülern auch im richtigen Leben zur Seite steht. Oder die Krankenschwester Annemarie und ihr Bruder, der Polizist. Ein resolutes Geschwisterpaar, das nicht nur die träge Elvira auf Vordermann bringt.
„Funkenflieger“ hat mir zwar nicht so gut gefallen wie „Hannes. Locke erinnert sprachlich sehr an Franz Eberhofer. Diese Sprache passt aber, wie ich finde, nicht zu einem Sechzehnjährigen. Dazu kommt, dass die Geschichte sehr in Richtung „Friede, Freude, Eierkuchen“ tendiert. Oder besser in Richtung Eierlikörkuchen. Denn das eine Krankenschwester, die Vollzeit arbeitet, Zeit hat täglich einen Kuchen zu backen um damit jeden Nachmittag eine sozial benachteiligte Familie zu beglücken, ist wohl eher Wunschdenken als realistisch.
Sei's drum. „Funkenflieger“ ist auf jeden Fall ein einfühlsamer Roman indem Rita Falk einmal mehr ihr Gespür für Menschen und Geschichten unter Beweis stellt. Gutes Ende inklusive. Und davon kann man schließlich nie genug haben.

Bewertung vom 30.05.2015
Alles Liebe vom Tod / Inspector Wexford Bd.1 (eBook, ePUB)
Rendell, Ruth

Alles Liebe vom Tod / Inspector Wexford Bd.1 (eBook, ePUB)


sehr gut

Am 2. Mai dieses Jahres ist Ruth Rendell im Alter von 85 Jahren in London gestorben. Für mich ein Grund zu meinen alten Inspektor Wexford Krimis zu greifen um mich dieser großartigen Schriftstellerin lesend zu erinnern. Die Fälle des Kommissars aus dem fiktiven Ort Kingsmarkham in der englischen Grafschaft Sussex, gehörten Anfang der 1990er Jahre zu meiner bevorzugten Lektüre. In meinem Bücherregal stehen fast alle Bände dieser Reihe, bunt durcheinander gelesen vor über über zwanzig Jahren. Jetzt habe ich beschlossen diese noch einmal zu Lesen. Und zwar in der Reihenfolge des Erscheinens. „Alles Liebe vom Tod“ also, einen nach dem anderen.
„From Doon with Death“ erschien 1964 und war Ruth Rendells erster Kriminalroman. Man merkt dem Roman seine Jahre an. Im guten Sinne, wie ich finde. Man hat das Vergnügen neben der spannenden Frage „whodunnit“ ein zeithistorisches Dokument zu lesen. Ruth Rendell schreibt nicht über diese Zeit, sondern steckt beim Schreiben mitten darin. Mehr Authentizität geht nicht.
Die Spurensuche des britischen Ermittlerduos wirkt heute natürlich antiquiert. Aufwändige Spurensicherungen, DNA Tests, pathologische Untersuchungen oder sonstige moderne Hilfsmittel sind hier nicht zu finden. Die Lösung des Falles gelingt ohne technischen Firlefanz. Eine Kiste mit wertvollen Büchern, Klassikern der Weltliteratur, stellt sich als Schlüssel heraus dem ein, für die damaligen Verhältnisse, gesellschaftliches Tabu zu Grunde liegt. Hier zeigt sich, wie ich finde, wie weit Ruth Rendell ihrer Zeit voraus war. Sowohl was Thematik als auch die Mittel betrifft. Ihr Erstling mündet in dem Satz: „Ein Provinzpolizist hatte verstanden, ohne zu lachen und ohne sich abgestoßen zu fühlen.“ Wexford ist mit diesem Provinzpolizisten gemeint und spätestens jetzt ahnt man, welche psychologische Tiefe die Romane im Laufe der Jahre noch erlangen werden.
Dazu kommt der idyllische Schauplatz. Nur zu gerne geht man mit den beiden Kommissaren zum Essen ins feudale „Olive and Dove“ (auch wenn einen die Speisenauswahl manchmal schaudern lässt; Ente und Rotkraut bei 30° im Schatten gefolgt von gedecktem Apfelkuchen und Kaffee mit Kondensmilch!) oder auf ein Pint ins „Carousel“. Ruth Rendell legt Wert auf Details. Häuser, Straßen, Geschäfte, Bars, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Alles wird bildhaft geschildert. Es war und ist für mich „anheimelnd“ der Verbrecherjagd in Kingsmarkham und Umgebung zu folgen. Je mehr man liest, desto heimischer fühlt man sich. Eine Affinität zum britischen Landleben mal vorausgesetzt.
Es steckt viel in diesem Erstling. Vor allem das Vermögen menschliche Handlungsweisen klug zu erfassen und sprachlich elegant aufzuzeigen. Nicht die Suche nach dem Täter steht im Fokus, sondern die Umstände die zur Tat geführt haben, auch wenn diese seltsam aus der Zeit gefallen scheinen.Das Aufzeigen menschlicher Tragödien ist ohnehin zeitlos. So wie die Kunst Ruth Rendells.
Wer will kann mir folgen zum zweiten Band der Reihe. In „Mord ist ein schweres Erbe“ muss Inspektor Wexford zu seinem „ersten Fall“ zurückkehren. Ein Mord dessen Unheil noch Jahre später streut, obwohl der Täter bestraft und das Opfer gesühnt wurde. Die Rezension demnächst hier!

Bewertung vom 30.05.2015
Mord ist ein schweres Erbe / Inspector Wexford Bd.2 (eBook, ePUB)
Rendell, Ruth

Mord ist ein schweres Erbe / Inspector Wexford Bd.2 (eBook, ePUB)


sehr gut

„A new lease of Death“ ist Ruth Rendells zweiter Fall für Inspektor Wexford. Salopp übersetzt „ein aufgefrischter Todesfall“. In Deutschland wurde der 1969 erschienene Krimi unter dem Titel „Mord ist ein schweres Erbe“ auf den Markt gebracht. Beides kommt dem Inhalt nah. Es ist tatsächlich ein Todesfall der, wieder aufgerollt, das Erbe eines Nachkommen erleichtern soll. Es geht jedoch nicht um finanzielle Hinterlassenschaften sondern um genetische Vererbung. Fließt zwangsläufig böses Blut in den Adern der Tochter eines verurteilten Mörders?
Chief Inspektor Wexford ist sicher vor 15 Jahren den richtigen Täter gefasst zu haben. „Es gab nichts Rätselhaftes an dem Fall. Painter war es, keine Frage.“ Dennoch muss sich Wexford erneut mit dem Mord an Rose Primero befassen. Die alte Dame war von ihrem Hausangestellen brutal erschlagen und beraubt worden. Mr. Archery, ein anglikanischer Priester und Freund von Wexfords Vorgesetzten, bittet darum die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Er hat begründete Zweifel an der Täterschaft Painters. Ist Wexford tatsächlich ein so folgenschwerer Fehler unterlaufen?
So gern man Archery Uneigennützigkeit zu Gute halten möchte, die Motivation des Gottesmannes den alten Mordfall wieder auszugraben sind rein persönlicher und leider nicht eben sympathischer Natur. Sein Sohn möchte die Tochter des damaligen Mörders heiraten. Archery fürchtet um seinen Ruf in der Gemeinde. Dazu kommt die diffuse Angst vor blutrünstigen Enkeln die von der genetisch nicht einwandfreien Schwiegertochter geboren werden könnten. In dem beschaulichen Krimi geht es dann aber nicht um Genetik. Es ist auch nicht die Arbeit des Ermittlerduos Wexford und Burden die man verfolgt. Vielmehr begleitet man den Pfarrer auf seinem Weg Versäumnisse in der Arbeit Wexfords zu finden.
Archery hat sich im sommerlich heißen Kingsmarkham eingenistet hat und sucht dort nach Spuren. Dabei lässt er sich alle Zeit der Welt. So könnte man auch das Tempo und die Stimmung des Romans beschreiben. Lethargische Hitze. Es gibt zwar kaum Spannung in der Handlung, trotzdem habe ich mit gespannter Aufmerksamkeit gelesen. Das liegt an den interessanten Figuren, die Rendell mit diversen kleinen und größeren persönlichen Problemen (um nicht zu sagen „Macken“) ausstattet.
Kann Roger Primero, der Enkel des damaligen Opfers, mit seinen blutunterlaufenen Augen und dem neureichen Gehabe wirklich unschuldig sein? Was verbirgt die berechnende Nachbarin Mrs. Crilling, deren Stimmungsschwankungen bizarr und verstörend sind? Was weiß Alice, die traumatisierte Tochter von Mrs. Crilling, über die Ereignisse? Kann dieses Wissen, das sie mit Drogen und Alkohol unter Kontrolle zu halten versucht, jemandem gefährlich werden? Fragen denen sich Rendell aus den Blickwinkeln verschiedener Figuren nähert. Das macht den Reiz des Krimis aus und zeigt die Kunst der Autorin sich in unterschiedlichste Charaktere einzufühlen.
Auf die eingangs gestellte Frage, findet Ruth Rendell eine Lösung, die man lange vor dem Ende erahnen kann. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch. Es ist nicht wirklich die Frage nach dem wahren Mörder die hier die wichtigste Rolle spielt, sondern die nach dem eigenen Selbst. Nicht nur für Patrick und Tess, dem Möchtegern Brautpaar, steht einiges auf dem Spiel. Besonders Archery, der Schwiegervater in spe, wird von den Ereignissen überrollt und in einen seltsamen Bann geschlagen. Beinahe verliert er sich darin. Die Stärke des Buches liegt darin, ihn (und somit auch vom Leser) über dem Abgrund kreisen aber nicht hineinstürzen zu lassen.

Bewertung vom 21.03.2015
Die sieben Spiegel der Lady Frances
Arnim, Elizabeth von

Die sieben Spiegel der Lady Frances


ausgezeichnet

Ein handfester Beweis für einen Bestseller, ist die Verfilmung desselben. Hohe Verkaufszahlen erfreuen den Verleger und das eigene Bankkonto. Ein Staraufgebot, “nach dem Roman von” auf Zelluloid gebannt, hebt einen Schriftsteller in den Olymp. Elizabeth von Arnims letztes Buch “Die sieben Spiegel der Lady Frances” ist ein solcher, heute leider fast in Vergessenheit geratener, Bestseller des vergangenen Jahrhunderts. Erschienen ein Jahr vor dem Tod der berühmten “Garten-Gräfin” 1940, kam der Film “Mr. Skeffington” bereits 1944 in die Kinos und bescherte Bette Davis in der Hauptrolle eine Oscar Nominierung.

Lady Frances Skeffington war einst eine gefeierte Schönheit. Jetzt, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, ist von dieser Schönheit nicht mehr viel übrig. Die zierliche Blondine ist, nach schwerer Krankheit, nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Zu allem sichtbaren Übel gesellt sich auch noch eine überreizte Phantasie. Sie bildet sich ein ihren geschiedenen Mann zu sehen. Der eilig konsultierte Nervenarzt rät dazu, eben jenen Hiob wieder real in ihr Leben zu holen. Ihn sozusagen als Ehemann zu recyceln. Ein Rat, der die empörte Fanny aus der Praxis stürmen und ihre Verehrer von einst wieder aufsuchen lässt, um sich dort Hilfe zu suchen.

Elisabeth von Arnims letztes Buch ist zwar ein Roman, könnte aber ebenso gut als autobiographisches Dokument der “Männer ihres Lebens” durchgehen. Denn auch hier, wie in all ihren Werken, spiegelt das Buch Erlebnisse die eng mit dem Leben der Autorin verknüpft sind. “Sätze werden der Fünfzigjährigen mit dem Herzen einer Dreißigjährigen und allen äußeren Merkmalen einer weit Älteren (nämlich denen ihrer gut siebzig Lebensjahre zählenden Schöpferin) in den Mund gelegt, die wirklich Fünfzigjährigen Schauder des Entsetzens über den Rücken jagen. Hat man sich allerdings vom ersten Schock erholt, so verspricht das Buch einen Lesespaß der ganz besonderen Art”. So beschreiben es Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck in ihrer von Arnim Biographie. Und sie haben Recht.

Elisabeth von Arnim zieht Bilanz. Was macht das Leben aus? Männer, Reichtum, Schönheit? Gerade dieser letzten Problematik widmet sie sich schonungslos und offen. Wo heute mit Botox, Straffungen und Facelifts Falten, Altersflecken und sonstigen Makeln zu Leibe gerückt wird, gab es in den 1940er Jahren weit weniger Möglichkeiten den nagenden Zahn der Zeit äußerlich unkenntlich zu machen. Ich gehe davon aus, dass von Arnim wusste wovon sie schreibt, wenn sich ihre Lady in die kundigen Hände von “Hèlenes Spezialbehandlung” begibt. Aber mehr als ein bisschen dekorative Kosmetik um die schlimmsten Falten zu überdecken, wird es wohl nicht gewesen sein. Weshalb Fanny an einer Stelle seufzend bemerkt: “Ehemänner mussten in guten und bösen Tagen zu einem halten, egal ob man Runzeln hatte oder eine glatte Haut.”

Dass Fanny ob ihrer ständigen Besorgnis um ihr Aussehen nicht oberflächlich wirkt, liegt an der Art die von Arnim ihr verleiht. Es ist Humor und Selbstironie, die diese Frau so sympathisch macht. Vor allem im Hinblick auf die männlichen Ex-Liebhaber des Buches, die sich allesamt als Luftnummern entpuppen. Der selbstgefällige Lord, der seine Bequemlichkeit und das Leben mit einer einfältigen Frau vorzieht. Der Geistliche, der ihre Seele durch Entmündigung retten will. Der Rechtsanwalt, der ihr rät sich mannhaft alleine um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Der Student , der lieber eine dralle Kommilitonin küsst und der heruntergekommene Gigolo, der sie heiraten will, um mit ihrem Geld seine Schulden zu zahlen.

Fanny erkennt dass das Interesse dieser Männer nur ihrer Schönheit galt und sie ihnen nicht nachtrauern muss. Sie lernt, dass ihre wahre Schönheit in ihrer reinen, kindlich unschuldigen Seele liegt. Als Hiob am Ende wiederkommt, verarmt und zermürbt von der Verfolgung in Deutschland, ist er als Einziger in der Lage dies zu erkennen, obwohl oder gerade weil er blind ist.

Bewertung vom 18.03.2015
Jagd / Annika Bengtzon Bd.10
Marklund, Liza

Jagd / Annika Bengtzon Bd.10


sehr gut

Ingemar Lerberg wird übel mitgespielt. Der Ex-Vorsitzende der schwedischen Bibelpartei wird in seinem Haus in einem schmucken Vorort von Stockholm brutal überfallen. Wer hat den Mann, der sich seit einem Steuerskandal aus der Politik zurückgezogen hatte, so zugerichtet? Warum hat er vor dem Überfall seine drei kleinen Kinder zu seiner Schwester gebracht? Und wo ist seine Frau Nora? Nicht nur die frischgebackene Kommissarin Nina Hoffmann stellt sich diese Fragen. Auch Annika Bengtzon, der hartnäckigen Reporterin des Abendblattes, lässt dieses rätselhafte Verbrechen keine Ruhe.

Liza Marklund erzeugt von der ersten Seite an Spannung. Anders als die ahnungslosen Reporter weiß der Leser das Lerberg gefoltert wurde um den Aufenthaltsort seiner Frau Nora preiszugeben. Was hat es mit dem Verschwinden dieser Frau auf sich, dass Profikiller ihren Mann fast zu Tode quälen um den Aufenthaltsort einer typischen Hausfrau und Mutter herauszufinden? Wobei die Betonung auf “fast zu Tode quälen” liegt. Denn so ist “die Titelseite, die den Mann etwas voreilig bereits für tot erklärte” natürlich obsolet. Was Annika Bengtzon ihrem Nachrichtenchef gegenüber zu der provokativen Frage veranlasst: “Sollen wir jemanden ins Söder-Krankenhaus schicken und ihn abmurksen lassen?. Derart bissige Kommentare behält sich Marklund jedoch nur für besonders unliebsame Zeitgenossen vor.

Ansonsten ist der Krimi wohltuend menschlich, einmal abgesehen von den sehr deutlich beschriebenen Folterszenen. “Jagd” ist für mich einer der besten aus der Annika Bengtzon Serie. Das liegt zum einen an den interessanten Themen die Marklund im Rahmen der Ermittlungen abhandelt. Sie gewährt Einblick in die schwedische Parteien- und Politikstruktur, schildert die Uniformität der privilegierten “Latte-Macciato-Mütter“, regt das Nachdenken über ethische Grundsätze von Internetforen und Blogs an und schafft es in einigen kurzen Sätzen vielschichtige soziale Probleme verständlich anzureißen. Zum Beispiel in Form einer Artikelserie die Annikas Kollegin Berit “über die neue schwedische Unterschicht“ schreibt.

Interessanter jedoch fand ich das zum ersten Mal, wie ich meine, ein literarischer Vergleich zugrunde liegt. Mir fiel erst im Laufe der Handlung auf, dass der Name Nora für die Frau von Lerberg wohl nicht zufällig ausgewählt wurde. Ich denke hier wird auf “Nora” von Henrik Ibsen angespielt. Diese große Frauenfigur des norwegischen Schriftstellers verlässt (vereinfacht dargestellt) Mann und Kinder, weil sie erkennt, dass sie von ihrem Mann keinen Rückhalt zu erwarten hat, obwohl sie ihm einst das Leben rettete. Sie verlässt das Haus und geht in eine ungewisse Zukunft. Was heute nicht weiter spektakulär klingt, war zu Zeiten der Uraufführung des Theaterstückes im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Skandal, der die Grundfeste der Gesellschaft erschütterte. Anfangs beispielsweise durfte das Ende des Stückes auf der Bühne gar nicht gezeigt werden. Eine solche Empörung wird Marklunds “Nora” nicht auslösen. Für mich scheint aber offenkundig, dass die Autorin hier “Anleihen” genommen hat. Das finde ich bemerkenswert gut, denn es zeigt die zeitlose Aktualität der Stoffe, des berühmten norwegischen Dramatikers.


Für regelmäßige Leser der Serie sei noch erwähnt, dass die Handlung wie gewohnt an den letzten Fall anschließt und wie immer auch “alte Bekannte” auftauchen. Die Kriminalkommissarin Nina Hoffmann, die bereits im Krimi “Lebenslänglich” aus dem Jahr 2010 mit Annika Bengtzon ermittelte, ist wieder mit von der Partie. Annikas Ex-Mann Thomas kämpft nach seiner traumatischen Entführung in Nairobi mit den Nachwirkungen. Ihm wurde im letzten Fall die linke Hand abgehackt und er kann sich nach wie vor nicht an die Prothese gewöhnen. Innerlich zerfrisst ihn der Hass auf seine Ex-Frau. Annika hatte ihn nach seiner Freilassung verlassen. So gibt es auch im Privaten viel interessanten Lesestoff.

Bewertung vom 02.02.2015
Stark für einen Tag
Kirkegaard, Ole Lund

Stark für einen Tag


sehr gut

Ivan Olsen ist klein, dünn und schwach. Er kann nicht auf Bäume klettern, nicht Fahrrad fahren, nicht Fußball spielen und Buchstaben sind für ihn wirre Ameisenkleckse. Selbst weit spucken kann er nicht. Täglich wird er von den großen Jungs an seiner Schule getriezt. Sie verprügeln ihn oder verpassen ihm eine Ladung “Hosenwasser”. Seine Eltern sind ihm auch keine große Hilfe. Sein Vater nennt ihn so gar “Gummi Tarzan”. Eines Tages begegnet Ivan einer Hexe und darf sich etwas wünschen. Er denkt sich einen so großen aus, dass die Wunschkraft nur für einen, ganz besonderen, Tag reicht.

Ich bin über das Titelbild auf das Buch gekommen. Die Illustration der beiden schrägen Typen erinnerte mich stark an die beiden Ganoven aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf”: Donner Karlsson und sein Freund Blom. Ich fing noch in der Buchhandlung zu Lesen an und dachte mir, dass könnte etwas zum Vorlesen für meine Grundschulkinder sein.

“Stark für einen Tag” ist ein Kinderbuchklassiker aus Dänemark, aus den frühen 1970er Jahren. Ein wunderbares Beispiel dafür wie Literatur für Kinder damals funktionierte. Weitab von “politischer Korrektheit” und des “pädagogischen Zeigefingers” wird hier herrlich subversiv erzählt. Die Geschichte eines Jungen, der “eigentlich” ein “armes Opfer” ist, dies aber so gar nicht akzeptiert und daher “eigentlich” so gar nicht bemitleidenswert wirkt.

Ole Lund Kirkegaard stattet seinen Helden mit drei Dingen aus, die es ihm ermöglichen unbeschadet zu bleiben. Einer schier unerschütterlichen Gelassenheit, Sinn für Humor und einem gesunden Selbstbewusstsein (trotz aller Niederlagen und Demütigungen). Wenn die großen Jungs ihn erniedrigen, schreit er sie an und er verlässt den Ort seiner Schmach aufrecht, auch mit Hosenwasser. Wenn sein Vater ihn zu Hause einen Schwächling nennt und ihn drängt selber gewalttätig zu werden, antwortet er ganz schlicht das er das nicht könne und schlendert entspannt von dannen. Diese Lockerheit hat mir besonders imponiert. Ivan lässt sich nicht verunsichern und nicht aus der Ruhe bringen.

Durch den Wunsch, dem ihm die Hexe erfüllt, wendet sich sein Schicksal für einen Tag. Alles was ihm bisher misslang, funktioniert nun ausgezeichnet. Plötzlich kann er seine Peiniger in Schach halten, seinen Lehrer beeindrucken aber auch seinem rechthaberischen Vater eine Lektion erteilen. Am Ende bleibt zwar alles wie bisher, aber diesen einen Tag kann ihm niemand mehr nehmen. “Carpe diem” in seiner besten Form sozusagen.

An anderer Stelle las ich in einer Kritik die Frage, was eigentlich der “Sinn” dieser Geschichte sei? Auf was der Autor hinauswolle? Beginn und Ende seien schließlich von Hoffnungslosigkeit geprägt, da sich für den “armen” Ivan ja nichts ändere. Mir fehlt dieser sogenannte “Sinn” nicht. Gerade die “Sinnlosigkeit” macht das Buch für mich besonders. Es macht auch keinen “Sinn”, dass ein Mädchen mit Superkräften allein in einer Villa am Stadtrand lebt und ein Pferd auf der Veranda hat (um bei der eingangs erwähnten Pippi Langstrumpf zu bleiben). Es ist wohl gerade dieser “Unsinn” der Kinder begeistert und dazu führt, dass die Werke von Ole Lund Kirkegaard noch immer gern gelesen werden und zwar nicht nur in Dänemark.

Bewertung vom 27.01.2015
Eine Handvoll Worte
Moyes, Jojo

Eine Handvoll Worte


sehr gut

Bestseller von Yoyo Moyes sind für mich typische “Bahnhofsbücher”. Das heißt, wenn ich kurz vor der Abfahrt zu einer längeren Zugfahrt noch dringend ein Buch brauche, damit mir auf der Fahrt nicht langweilig wird, kann ich ohne zu zögern in der Bahnhofsbuchhandlung zugreifen. Mit einem Schmöker der britischen Autorin liegt man (wie ich meine) immer richtig, wenn man eine Geschichte für Herz und Verstand sucht, ohne den letzteren zu sehr anstrengen zu müssen.

Als ich “eine Handvoll Worte” in unserer örtlichen Bücherei auslieh, überreichte mir die Bibliothekarin das Buch allerdings mit den Worten: “Ich bin ja gespannt, ob es dir gefällt. Ich kam einfach nicht in die Geschichte hinein!” Als ich das Buch nach einigen Tagen wieder zurückbrachte, traf ich an der Eingangstür eine Bekannte. Sie sah das Buch unter meinem Arm und fragte wie es mir gefallen habe. Sie selber sei “einfach nicht in die Geschichte hineingekommen”. Keine der beiden konnte jedoch erklären, was gestört hat. Das machte mich stutzig.

Ich selber habe das Buch in einem Rutsch gelesen und es hat mir gefallen. Ich bin problemlos in die “Geschichte hineingekommen”. Ellie eine aufstrebende Journalistin hat eine Affäre mit einem verheirateten Bestsellerautor. Die unabhängige und beruflich erfolgreiche Frau, wünscht sich sehnlich eine feste Beziehung mit ihm, ist sich aber seiner Gefühle nicht sicher. Ausgerechnet in dieser verzwickten Situation findet sie, im Rahmen einer Recherche, einen vierzig Jahre alten Liebesbrief, dem auch eine verbotene Liebe zugrunde liegt. Diese wird nun vor dem Leser ausgebreitet.

Jennifer, eine verheiratete Frau, die aufgrund eines schweren Verkehrsunfalls ihr Gedächtnis verloren hat, kämpft sich mühsam in ihr Leben zurück. Was ihr, nicht nur im übertragenen Sinne Kopfschmerzen macht, ist die Tatsache, dass sie ihren besorgten Ehemann nicht zu lieben scheint. Langsam beginnt sie sich zu erinnern. An ihre große Liebe zu einem fremden Mann, der sie anscheinend immer noch liebt.

Interessanter als die Liebesgeschichte, fand ich den Stoff der dahintersteckt. Nur allzu leicht vergessen wir, in welch freien Zeiten wir leben. Heutzutage wird niemand mehr schuldig geschieden. Frauen sind berufstätig, verdienen ihr eigenes Geld und können, Dank vielfältiger Verhütungsmethoden, entscheiden, ob und wann sie ein Kind bekommen. Jenni hat diese Wahl in den 1960er Jahren nicht.

Sie wird als junges Mädchen mit einem älteren Mann verheiratet, weil er eine gute Partie und ihrer Kreise würdig ist. Sie wurde dazu erzogen, eine schöne Fassade zu bieten. Das sie als Frau auch über Intelligenz und eine eigene Meinung verfügt, interessiert niemanden. Am wenigsten ihren Ehemann, der sie offen zurechtweist, wenn sie doch einmal wagt den Mund zu öffnen. Jenni weiß dass, wenn sie ihren Ehemann verlässt, sie alles verliert. Dennoch wagt sie den Schritt. Mit fatalen Folgen.

Der Handlungsbogen reicht von den Swinging Sixties bis in das London der heutigen Zeit. Zusätzliche Spannung zieht der Roman durch die berufliche Tätigkeit von Jennis Ehemann. Seine Firma verarbeitet und handelt mit Asbest. Eine der tragischen Komponenten die den Erzählverlauf dramatisch erhöhen.

Als ich das Buch zurückbrachte erzählte ich einer anderen Bibliothekarin, die den Roman noch nicht gelesen hatte, von den beiden eingangs erwähnten Gesprächen. Sie meinte der Grund für das “nicht hineinkommen“ könne an den verschiedenen Handlungssträngen liegen. Diese seien für viele Leser oft verwirrend. Moyes dualer Handlungsverlauf ist jedoch (wie ich meine) gut verständlich und sehr stringent erzählt. Am Ende bringt sie beide Teile auch nonchalant zusammen. Das Leben und Lieben der beiden Frauen ist auf jeden Fall mehr als eine “Handvoll Worte”.

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Bewertung vom 25.01.2015
Wir lieben und wissen nichts
Rinke, Moritz

Wir lieben und wissen nichts


ausgezeichnet

Wieder einmal muss ich meinen liebsten Vampirfilm zitieren. “Koukol ich kann nicht!” jammert Yoyneh Shagal, als der bucklige Diener des Grafen Krolock ihn aus der Gruft hinauswirft, in die sich der alte Gastwirt (zu dieser Zeit längst selbst zum Vampir mutiert) heimlich geschlichen hat. Er wehrt sich gegen seine zwangsweise Umsiedelung mit den Worten „im Schweinestall sei es doch viel zu hell für ihn und es sei schmutzig und kalt“. Koukol lässt sich jedoch nicht erweichen. Ebenso wenig wie Hannah, eine der Hauptfiguren bei Moritz Rinke.

Nun ist es nicht etwa so, dass Hannah ihren Sebastian im Schweinestall unterbringen will. Die gut bezahlte Trainerin für Zen-Atmung muss lediglich aus beruflichen Gründen nach Zürich umziehen und hat aus diesem Grund einen Wohnungstausch organisiert. In einer Stunde werden die Tauschpartner erwartet. Roman, der IT- Manager, muss ebenfalls aus Arbeitsgründen den Wohnort wechseln und bringt seine Frau Magdalena gleich mit. In dieser Situation appelliert Sebastian, schutzlos seinen Neurosen ausgelieferter Germanist: „Hannah, ich kann nicht!“ Allein es nutzt ihm so wenig wie Yoyneh.

Ich habe Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ kürzlich im Stadttheater Augsburg in einer sehr gelungenen Inszenierung gesehen und mir hinterher das Stück zum Nachlesen gekauft. Ich war von beidem gleichermaßen begeistert. Zu Beginn vergnügt man sich unbeschwert mit der vor Sprachwitz sprühenden Beziehungskomödie. Sebastian erklärt dem staunenden Publikum wortreich, warum er auf keinen Fall „umgesiedelt“ werden will. Eine neue Umgebung und fremde Geräusche bringen ihn für Stunden und Tage aus dem seelischen Gleichgewicht, weshalb er sich die Erzeuger der “feindlichen Geräuschkulisse” menschlicher machen muss indem er sie besucht und ihre Eigenheiten kennenlernt. Das kostet ihn viel Zeit, die der freischaffende Schreiberling zwar hat aber lieber für seine (brotlose) Kunst verwenden will: Er schreibt Vorworte!

Es ist zum Schreien komisch, wenn Sebastian beschreibt, das Frankfurt (der letzte Umzug) die Hölle war, weil die Hessen und besonders jene in der Main-Metropole “Möbelrücker vor dem Herrn” seien, die den lieben langen Tag nichts anderes täten als ihre Einrichtungsgegenstände hin und her zu schieben nur um ihn zu quälen. Was mich, als von dort stammend, besonders amüsierte.

Als Roman und Magdalena schließlich da sind, wird offenkundig was sich bereits zu Anfang ahnen ließ, nämlich das bei beiden Paaren einiges im Argen liegt. Hier treffen vier Menschen aufeinander, deren Fassade Risse hat und die sich im Laufe des Abends immer weniger Mühe geben, zu verbergen was dahinter lauert. Keiner der vier ist in seiner gegenwärtigen Liebe glücklich, aber in ihrem Unglück haben sie sich bisher komfortabel eingerichtet. Bis nun die Konfrontation miteinander sie zwingt alles offenzulegen und die Schutzwälle brechen. Um die Spannung nicht wegzunehmen, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen, was den Protagonisten das Leben schwer macht.

“Wir lieben und wissen nichts” seziert das Wesen der Liebe. Wie verliebt man sich, wie viel Wahrheit verträgt die Liebe und welche Lügen sind tödlich. Wie geht ein Mann damit um, von seiner Partnerin finanziell ausgehalten zu werden? Macht Liebe erfolgreich oder verliebt man sich in den erfolgreichen? Wann bleibt die Liebe auf der Strecke und welche Geheimnisse müssen verborgen bleiben um die Liebe nicht zu gefährden? Der gemeinsame Nenner all dieser Fragen, die zentrale Frage nämlich was Liebe ist, wird natürlich weder an einem Theaterabend noch durch die Lektüre geklärt. Diese Frage muss Rinke gar nicht beantworten. Seine Tragikomödie ist auch so sehens- und lesenswert. Im Grunde läuft es ohnehin auf das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief hinaus: “Am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese drei. Die größte unter ihnen aber ist die Liebe.” Liebe ist und bleibt alles, auch wenn wir nichts wissen!

Bewertung vom 22.07.2014
Dünn
Ranst, Do van

Dünn


gut

So unschuldig der Buchumschlag von außen auch wirkt, es geht recht derb zu in Do van Ranst “Dünn”. Es wird gefressen, gewürgt, gerülpst, gekotzt und beinahe vergewaltigt. Die noch minderjährige Fee ist von zu Hause abgehauen. Man begegnet ihr gleich in der ersten Szene in einem Fast-Food Restaurant, in dem Sie in weniger als 25 Sekunden einen Cheeseburger, eine mittlere Portion Pommes und eine Cola verputzt. Direkt im Anschluss wechselt Sie in ein Nobelrestaurant, in dem Sie 18 Langusten samt fetttriefender Sauce vertilgt. Ihre Frage an den Ober am Ende der Orgie “Bin ich noch dünn?” quittiert dieser mit einem ungläubigen Lächeln. Als Leser runzelt man zum ersten Mal die Stirn und fragt sich, wohin diese Geschichte wohl führt?

Fee ist die Tochter eines berühmten Schauspielers. Während sie durch die fremde Stadt irrt, erfährt man, dass der Vater ein Gesundheitsfanatiker ist, der die Mutter durch seinen Schlankheitswahn in den Tod getrieben hat. Und das deshalb die Tochter nun sofort und so schnell wie möglich dick werden will. Man glaubt dieser unschuldigen Ich-Erzählerin aufs Wort, möchte ihr am liebsten durch die Buchseiten ein dick beschmiertes Butterbrot reichen. Freut sich, dass das Mädchen sich emanzipiert, von einem Vater der nur Magermodels in seiner Umgebung akzeptiert.

Die Essensaufnahme wird allerdings immer unkontrollierter und vor allem so maßlos, dass man sich fragt, wie ein Magen diese Unmengen an Süßem, Fettigem, Salzigen und Alkohol überhaupt bewältigen kann. Do van Ranst spielt lange mit Ungewissheiten und surreal anmutenden Szenen. Fee wandelt wie durch eine Traumwelt. Realität und Phantasie vermischen sich. Mehr als einmal ist unklar, ob die Dinge wirklich so sind wie sie erzählt oder ob sie dem Mädchen nur so scheinen. Die schonungslose Landung im Hier und Jetzt, die der Autor abrupt ans Ende setzt, trifft die Hauptfigur daher genauso hart wie den Leser.

Auch “Dünn” ist, wie alle Do van Ranst Bücher gut geschrieben. Auch hier überzeugt, wie schon in “Wir retten Leben sagt mein Vater” oder “Mütter mit Messern sind gefährlich”, die authentische Sprache und der einfühlsame Blick in die verletzliche Seele eines oder einer Heranwachsenden. Anders als in “Wir retten Leben“ ist die Heldin in “Dünn” jedoch nicht stark, sondern krank.

Daher finde ich den Roman zwiespältig. Das Thema Bulimie aufzugreifen finde ich ungeheuer wichtig, in einer Zeit in der Kinder und Jugendliche (vor allem weibliche) latenter von einer Essstörung bedroht sind als von Drogen oder Alkohol. Umso bedeutsamer hätte ich daher gefunden, zu erfahren wie es zu der Krankheit kommen kann und welche Möglichkeiten es gibt zu helfen bzw. es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Das findet im Buch nicht statt. Hier liegt der Focus auf den Symptomen (siehe oben) nicht bei den Ursachen oder gar der Heilung. Bei Do van Ranst ist das “Kind schon in den Brunnen gefallen” und die Versuche ihm herauszuhelfen wirken halbherzig, hilf- und nutzlos.

Bewertung vom 19.07.2014
Schnüffelnasen an Bord
Napp, Daniel

Schnüffelnasen an Bord


ausgezeichnet

Hubertus ist nicht zu beneiden. Gerade hat er noch eine Karriere als Polizeispürhund in Aussicht, als er sich auf dem kalten Boden des städtischen Tierheims wiederfindet. Und das alles nur wegen seiner “Erbkrankheit“. Ein Glück, dass Nullesockpock gerade einen neuen Hund sucht und Hubertus dazu bringt, ihm seine Geschichte zu erzählen. Der aufgeweckte Floh hat sofort eine Idee, wie man Hubertus rehabilitieren kann. Die Juwelendiebe, die ihn mit einer Fleischwurst überlistet haben, müssen gefangen werden. Dazu heißt es aber erst einmal aus dem Tierheim heraus kommen und die “Fährte” aufnehmen. Gut, dass die beiden so gute “Schnüffelnasen” sind und “Rasierwassertoni” und “Lakritzkitty” deutliche Duftmarken in der Stadt hinterlassen haben.

Kinderbücher von Daniel Napp begeistern mich immer in zweifacher Hinsicht. Zum einen weil die phantasievollen Geschichten sich auch sprachlich auszeichnen und sich noch dazu wunderbar vorlesen lassen. Mal ganz abgesehen von einzelnen herrlichen Wortschöpfungen und dem Sprachwitz. Zum andern durch die Illustrationen, die das geschriebene Wort zeichnerisch aufs Beste ergänzen.

Im ersten Band der “Schnüffelnasen” Reihe gibt es zum Beispiel ein Kapitel, dass mich durch seine originelle Idee zum Lesen begeistert hat. Der Floh Pock kann nämlich “flesen” bzw. “vorflesen”. “Flöhe sind zu klein, um ein ganzes Wort auf einmal zu lesen. Deshalb laufen wir einfach die schwarzen Linien der Buchstaben nach. Das nennt man flesen”, erklärt das aufgeweckte Insekt seinem Hundekollegen. “Wenn man zum Beispiel einen Kreis nachläuft, dann handelt es sich eindeutig um ein O. Hört der Kreis in der Mitte auf, dann ist es ein C. Wird einem beim Laufen schwindlig, so hat man ein S gefunden. Wenn man sich verirrt, und weder vor noch zurück weiß, dann steht man mitten auf einem X”.

Ich habe noch nie eine so kreative Beschreibung des Alphabets gelesen und freue mich jetzt schon auf meine nächste ehrenamtliche Vorlesestunde mit meinen Grundschülern um auszuprobieren, ob sie anhand der Erklärungen von Pock auf die Buchstaben kommen bzw. ob ihnen selber “Laufwege” für das Alphabet einfallen.

Darüber hinaus ist das erste Schnüffelnasen Abenteuer aber auch richtig spannend. Hund und Floh verschlägt es auf ein Luxuskreuzfahrtschiff, wo sie nicht nur die Gauner zur Strecke bringen und die schwedische Königsfamilie retten, sondern auch ein fürchterliches Unwetter überstehen und “eine Fleischwurst überlisten”. Als die beiden in New York vom Schiff gehen, stellen sie fest, dass der nächste Fall schon auf Sie wartet. Gut für alle kleinen Leser ab ca. 6 Jahren und für alle Vorleser, die Lesestoff für diese Zielgruppe suchen.