Benutzer


Nickname:
R.E.R.
Danksagungen:
232 (erhaltene)
Rang:
76 

Bewertungen


Insgesamt 277 Bewertungen
««« zurück1234vor »
Arnim, Elizabeth von Die sieben Spiegel der Lady Frances EUR 7,95
  • Bewertung vom 21.03.2015
  •  
    ausgezeichnet
  • Ein handfester Beweis für einen Bestseller, ist die Verfilmung desselben. Hohe Verkaufszahlen erfreuen den Verleger und das eigene Bankkonto. Ein Staraufgebot, “nach dem Roman von” auf Zelluloid gebannt, hebt einen Schriftsteller in den Olymp. Elizabeth von Arnims letztes Buch “Die sieben Spiegel der Lady Frances” ist ein solcher, heute leider fast in Vergessenheit geratener, Bestseller des vergangenen Jahrhunderts. Erschienen ein Jahr vor dem Tod der berühmten “Garten-Gräfin” 1940, kam der Film “Mr. Skeffington” bereits 1944 in die Kinos und bescherte Bette Davis in der Hauptrolle eine Oscar Nominierung.

    Lady Frances Skeffington war einst eine gefeierte Schönheit. Jetzt, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, ist von dieser Schönheit nicht mehr viel übrig. Die zierliche Blondine ist, nach schwerer Krankheit, nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Zu allem sichtbaren Übel gesellt sich auch noch eine überreizte Phantasie. Sie bildet sich ein ihren geschiedenen Mann zu sehen. Der eilig konsultierte Nervenarzt rät dazu, eben jenen Hiob wieder real in ihr Leben zu holen. Ihn sozusagen als Ehemann zu recyceln. Ein Rat, der die empörte Fanny aus der Praxis stürmen und ihre Verehrer von einst wieder aufsuchen lässt, um sich dort Hilfe zu suchen.

    Elisabeth von Arnims letztes Buch ist zwar ein Roman, könnte aber ebenso gut als autobiographisches Dokument der “Männer ihres Lebens” durchgehen. Denn auch hier, wie in all ihren Werken, spiegelt das Buch Erlebnisse die eng mit dem Leben der Autorin verknüpft sind. “Sätze werden der Fünfzigjährigen mit dem Herzen einer Dreißigjährigen und allen äußeren Merkmalen einer weit Älteren (nämlich denen ihrer gut siebzig Lebensjahre zählenden Schöpferin) in den Mund gelegt, die wirklich Fünfzigjährigen Schauder des Entsetzens über den Rücken jagen. Hat man sich allerdings vom ersten Schock erholt, so verspricht das Buch einen Lesespaß der ganz besonderen Art”. So beschreiben es Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck in ihrer von Arnim Biographie. Und sie haben Recht.

    Elisabeth von Arnim zieht Bilanz. Was macht das Leben aus? Männer, Reichtum, Schönheit? Gerade dieser letzten Problematik widmet sie sich schonungslos und offen. Wo heute mit Botox, Straffungen und Facelifts Falten, Altersflecken und sonstigen Makeln zu Leibe gerückt wird, gab es in den 1940er Jahren weit weniger Möglichkeiten den nagenden Zahn der Zeit äußerlich unkenntlich zu machen. Ich gehe davon aus, dass von Arnim wusste wovon sie schreibt, wenn sich ihre Lady in die kundigen Hände von “Hèlenes Spezialbehandlung” begibt. Aber mehr als ein bisschen dekorative Kosmetik um die schlimmsten Falten zu überdecken, wird es wohl nicht gewesen sein. Weshalb Fanny an einer Stelle seufzend bemerkt: “Ehemänner mussten in guten und bösen Tagen zu einem halten, egal ob man Runzeln hatte oder eine glatte Haut.”

    Dass Fanny ob ihrer ständigen Besorgnis um ihr Aussehen nicht oberflächlich wirkt, liegt an der Art die von Arnim ihr verleiht. Es ist Humor und Selbstironie, die diese Frau so sympathisch macht. Vor allem im Hinblick auf die männlichen Ex-Liebhaber des Buches, die sich allesamt als Luftnummern entpuppen. Der selbstgefällige Lord, der seine Bequemlichkeit und das Leben mit einer einfältigen Frau vorzieht. Der Geistliche, der ihre Seele durch Entmündigung retten will. Der Rechtsanwalt, der ihr rät sich mannhaft alleine um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Der Student , der lieber eine dralle Kommilitonin küsst und der heruntergekommene Gigolo, der sie heiraten will, um mit ihrem Geld seine Schulden zu zahlen.

    Fanny erkennt dass das Interesse dieser Männer nur ihrer Schönheit galt und sie ihnen nicht nachtrauern muss. Sie lernt, dass ihre wahre Schönheit in ihrer reinen, kindlich unschuldigen Seele liegt. Als Hiob am Ende wiederkommt, verarmt und zermürbt von der Verfolgung in Deutschland, ist er als Einziger in der Lage dies zu erkennen, obwohl oder gerade weil er blind ist.
Marklund, Liza Jagd / Annika Bengtzon Bd.10 EUR 16,99
  • Bewertung vom 18.03.2015
  •  
    sehr gut
  • Ingemar Lerberg wird übel mitgespielt. Der Ex-Vorsitzende der schwedischen Bibelpartei wird in seinem Haus in einem schmucken Vorort von Stockholm brutal überfallen. Wer hat den Mann, der sich seit einem Steuerskandal aus der Politik zurückgezogen hatte, so zugerichtet? Warum hat er vor dem Überfall seine drei kleinen Kinder zu seiner Schwester gebracht? Und wo ist seine Frau Nora? Nicht nur die frischgebackene Kommissarin Nina Hoffmann stellt sich diese Fragen. Auch Annika Bengtzon, der hartnäckigen Reporterin des Abendblattes, lässt dieses rätselhafte Verbrechen keine Ruhe.

    Liza Marklund erzeugt von der ersten Seite an Spannung. Anders als die ahnungslosen Reporter weiß der Leser das Lerberg gefoltert wurde um den Aufenthaltsort seiner Frau Nora preiszugeben. Was hat es mit dem Verschwinden dieser Frau auf sich, dass Profikiller ihren Mann fast zu Tode quälen um den Aufenthaltsort einer typischen Hausfrau und Mutter herauszufinden? Wobei die Betonung auf “fast zu Tode quälen” liegt. Denn so ist “die Titelseite, die den Mann etwas voreilig bereits für tot erklärte” natürlich obsolet. Was Annika Bengtzon ihrem Nachrichtenchef gegenüber zu der provokativen Frage veranlasst: “Sollen wir jemanden ins Söder-Krankenhaus schicken und ihn abmurksen lassen?. Derart bissige Kommentare behält sich Marklund jedoch nur für besonders unliebsame Zeitgenossen vor.

    Ansonsten ist der Krimi wohltuend menschlich, einmal abgesehen von den sehr deutlich beschriebenen Folterszenen. “Jagd” ist für mich einer der besten aus der Annika Bengtzon Serie. Das liegt zum einen an den interessanten Themen die Marklund im Rahmen der Ermittlungen abhandelt. Sie gewährt Einblick in die schwedische Parteien- und Politikstruktur, schildert die Uniformität der privilegierten “Latte-Macciato-Mütter“, regt das Nachdenken über ethische Grundsätze von Internetforen und Blogs an und schafft es in einigen kurzen Sätzen vielschichtige soziale Probleme verständlich anzureißen. Zum Beispiel in Form einer Artikelserie die Annikas Kollegin Berit “über die neue schwedische Unterschicht“ schreibt.

    Interessanter jedoch fand ich das zum ersten Mal, wie ich meine, ein literarischer Vergleich zugrunde liegt. Mir fiel erst im Laufe der Handlung auf, dass der Name Nora für die Frau von Lerberg wohl nicht zufällig ausgewählt wurde. Ich denke hier wird auf “Nora” von Henrik Ibsen angespielt. Diese große Frauenfigur des norwegischen Schriftstellers verlässt (vereinfacht dargestellt) Mann und Kinder, weil sie erkennt, dass sie von ihrem Mann keinen Rückhalt zu erwarten hat, obwohl sie ihm einst das Leben rettete. Sie verlässt das Haus und geht in eine ungewisse Zukunft. Was heute nicht weiter spektakulär klingt, war zu Zeiten der Uraufführung des Theaterstückes im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Skandal, der die Grundfeste der Gesellschaft erschütterte. Anfangs beispielsweise durfte das Ende des Stückes auf der Bühne gar nicht gezeigt werden. Eine solche Empörung wird Marklunds “Nora” nicht auslösen. Für mich scheint aber offenkundig, dass die Autorin hier “Anleihen” genommen hat. Das finde ich bemerkenswert gut, denn es zeigt die zeitlose Aktualität der Stoffe, des berühmten norwegischen Dramatikers.


    Für regelmäßige Leser der Serie sei noch erwähnt, dass die Handlung wie gewohnt an den letzten Fall anschließt und wie immer auch “alte Bekannte” auftauchen. Die Kriminalkommissarin Nina Hoffmann, die bereits im Krimi “Lebenslänglich” aus dem Jahr 2010 mit Annika Bengtzon ermittelte, ist wieder mit von der Partie. Annikas Ex-Mann Thomas kämpft nach seiner traumatischen Entführung in Nairobi mit den Nachwirkungen. Ihm wurde im letzten Fall die linke Hand abgehackt und er kann sich nach wie vor nicht an die Prothese gewöhnen. Innerlich zerfrisst ihn der Hass auf seine Ex-Frau. Annika hatte ihn nach seiner Freilassung verlassen. So gibt es auch im Privaten viel interessanten Lesestoff.
Kirkegaard, Ole Lund Stark für einen Tag EUR 9,99
  • Bewertung vom 02.02.2015
  •  
    sehr gut
  • Ivan Olsen ist klein, dünn und schwach. Er kann nicht auf Bäume klettern, nicht Fahrrad fahren, nicht Fußball spielen und Buchstaben sind für ihn wirre Ameisenkleckse. Selbst weit spucken kann er nicht. Täglich wird er von den großen Jungs an seiner Schule getriezt. Sie verprügeln ihn oder verpassen ihm eine Ladung “Hosenwasser”. Seine Eltern sind ihm auch keine große Hilfe. Sein Vater nennt ihn so gar “Gummi Tarzan”. Eines Tages begegnet Ivan einer Hexe und darf sich etwas wünschen. Er denkt sich einen so großen aus, dass die Wunschkraft nur für einen, ganz besonderen, Tag reicht.

    Ich bin über das Titelbild auf das Buch gekommen. Die Illustration der beiden schrägen Typen erinnerte mich stark an die beiden Ganoven aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf”: Donner Karlsson und sein Freund Blom. Ich fing noch in der Buchhandlung zu Lesen an und dachte mir, dass könnte etwas zum Vorlesen für meine Grundschulkinder sein.

    “Stark für einen Tag” ist ein Kinderbuchklassiker aus Dänemark, aus den frühen 1970er Jahren. Ein wunderbares Beispiel dafür wie Literatur für Kinder damals funktionierte. Weitab von “politischer Korrektheit” und des “pädagogischen Zeigefingers” wird hier herrlich subversiv erzählt. Die Geschichte eines Jungen, der “eigentlich” ein “armes Opfer” ist, dies aber so gar nicht akzeptiert und daher “eigentlich” so gar nicht bemitleidenswert wirkt.

    Ole Lund Kirkegaard stattet seinen Helden mit drei Dingen aus, die es ihm ermöglichen unbeschadet zu bleiben. Einer schier unerschütterlichen Gelassenheit, Sinn für Humor und einem gesunden Selbstbewusstsein (trotz aller Niederlagen und Demütigungen). Wenn die großen Jungs ihn erniedrigen, schreit er sie an und er verlässt den Ort seiner Schmach aufrecht, auch mit Hosenwasser. Wenn sein Vater ihn zu Hause einen Schwächling nennt und ihn drängt selber gewalttätig zu werden, antwortet er ganz schlicht das er das nicht könne und schlendert entspannt von dannen. Diese Lockerheit hat mir besonders imponiert. Ivan lässt sich nicht verunsichern und nicht aus der Ruhe bringen.

    Durch den Wunsch, dem ihm die Hexe erfüllt, wendet sich sein Schicksal für einen Tag. Alles was ihm bisher misslang, funktioniert nun ausgezeichnet. Plötzlich kann er seine Peiniger in Schach halten, seinen Lehrer beeindrucken aber auch seinem rechthaberischen Vater eine Lektion erteilen. Am Ende bleibt zwar alles wie bisher, aber diesen einen Tag kann ihm niemand mehr nehmen. “Carpe diem” in seiner besten Form sozusagen.

    An anderer Stelle las ich in einer Kritik die Frage, was eigentlich der “Sinn” dieser Geschichte sei? Auf was der Autor hinauswolle? Beginn und Ende seien schließlich von Hoffnungslosigkeit geprägt, da sich für den “armen” Ivan ja nichts ändere. Mir fehlt dieser sogenannte “Sinn” nicht. Gerade die “Sinnlosigkeit” macht das Buch für mich besonders. Es macht auch keinen “Sinn”, dass ein Mädchen mit Superkräften allein in einer Villa am Stadtrand lebt und ein Pferd auf der Veranda hat (um bei der eingangs erwähnten Pippi Langstrumpf zu bleiben). Es ist wohl gerade dieser “Unsinn” der Kinder begeistert und dazu führt, dass die Werke von Ole Lund Kirkegaard noch immer gern gelesen werden und zwar nicht nur in Dänemark.
Moyes, Jojo Eine Handvoll Worte EUR 14,99
  • Bewertung vom 27.01.2015
  •  
    sehr gut
  • Bestseller von Yoyo Moyes sind für mich typische “Bahnhofsbücher”. Das heißt, wenn ich kurz vor der Abfahrt zu einer längeren Zugfahrt noch dringend ein Buch brauche, damit mir auf der Fahrt nicht langweilig wird, kann ich ohne zu zögern in der Bahnhofsbuchhandlung zugreifen. Mit einem Schmöker der britischen Autorin liegt man (wie ich meine) immer richtig, wenn man eine Geschichte für Herz und Verstand sucht, ohne den letzteren zu sehr anstrengen zu müssen.

    Als ich “eine Handvoll Worte” in unserer örtlichen Bücherei auslieh, überreichte mir die Bibliothekarin das Buch allerdings mit den Worten: “Ich bin ja gespannt, ob es dir gefällt. Ich kam einfach nicht in die Geschichte hinein!” Als ich das Buch nach einigen Tagen wieder zurückbrachte, traf ich an der Eingangstür eine Bekannte. Sie sah das Buch unter meinem Arm und fragte wie es mir gefallen habe. Sie selber sei “einfach nicht in die Geschichte hineingekommen”. Keine der beiden konnte jedoch erklären, was gestört hat. Das machte mich stutzig.

    Ich selber habe das Buch in einem Rutsch gelesen und es hat mir gefallen. Ich bin problemlos in die “Geschichte hineingekommen”. Ellie eine aufstrebende Journalistin hat eine Affäre mit einem verheirateten Bestsellerautor. Die unabhängige und beruflich erfolgreiche Frau, wünscht sich sehnlich eine feste Beziehung mit ihm, ist sich aber seiner Gefühle nicht sicher. Ausgerechnet in dieser verzwickten Situation findet sie, im Rahmen einer Recherche, einen vierzig Jahre alten Liebesbrief, dem auch eine verbotene Liebe zugrunde liegt. Diese wird nun vor dem Leser ausgebreitet.

    Jennifer, eine verheiratete Frau, die aufgrund eines schweren Verkehrsunfalls ihr Gedächtnis verloren hat, kämpft sich mühsam in ihr Leben zurück. Was ihr, nicht nur im übertragenen Sinne Kopfschmerzen macht, ist die Tatsache, dass sie ihren besorgten Ehemann nicht zu lieben scheint. Langsam beginnt sie sich zu erinnern. An ihre große Liebe zu einem fremden Mann, der sie anscheinend immer noch liebt.

    Interessanter als die Liebesgeschichte, fand ich den Stoff der dahintersteckt. Nur allzu leicht vergessen wir, in welch freien Zeiten wir leben. Heutzutage wird niemand mehr schuldig geschieden. Frauen sind berufstätig, verdienen ihr eigenes Geld und können, Dank vielfältiger Verhütungsmethoden, entscheiden, ob und wann sie ein Kind bekommen. Jenni hat diese Wahl in den 1960er Jahren nicht.

    Sie wird als junges Mädchen mit einem älteren Mann verheiratet, weil er eine gute Partie und ihrer Kreise würdig ist. Sie wurde dazu erzogen, eine schöne Fassade zu bieten. Das sie als Frau auch über Intelligenz und eine eigene Meinung verfügt, interessiert niemanden. Am wenigsten ihren Ehemann, der sie offen zurechtweist, wenn sie doch einmal wagt den Mund zu öffnen. Jenni weiß dass, wenn sie ihren Ehemann verlässt, sie alles verliert. Dennoch wagt sie den Schritt. Mit fatalen Folgen.

    Der Handlungsbogen reicht von den Swinging Sixties bis in das London der heutigen Zeit. Zusätzliche Spannung zieht der Roman durch die berufliche Tätigkeit von Jennis Ehemann. Seine Firma verarbeitet und handelt mit Asbest. Eine der tragischen Komponenten die den Erzählverlauf dramatisch erhöhen.

    Als ich das Buch zurückbrachte erzählte ich einer anderen Bibliothekarin, die den Roman noch nicht gelesen hatte, von den beiden eingangs erwähnten Gesprächen. Sie meinte der Grund für das “nicht hineinkommen“ könne an den verschiedenen Handlungssträngen liegen. Diese seien für viele Leser oft verwirrend. Moyes dualer Handlungsverlauf ist jedoch (wie ich meine) gut verständlich und sehr stringent erzählt. Am Ende bringt sie beide Teile auch nonchalant zusammen. Das Leben und Lieben der beiden Frauen ist auf jeden Fall mehr als eine “Handvoll Worte”.
Rinke, Moritz Wir lieben und wissen nichts EUR 9,99
  • Bewertung vom 25.01.2015
  •  
    ausgezeichnet
  • Wieder einmal muss ich meinen liebsten Vampirfilm zitieren. “Koukol ich kann nicht!” jammert Yoyneh Shagal, als der bucklige Diener des Grafen Krolock ihn aus der Gruft hinauswirft, in die sich der alte Gastwirt (zu dieser Zeit längst selbst zum Vampir mutiert) heimlich geschlichen hat. Er wehrt sich gegen seine zwangsweise Umsiedelung mit den Worten „im Schweinestall sei es doch viel zu hell für ihn und es sei schmutzig und kalt“. Koukol lässt sich jedoch nicht erweichen. Ebenso wenig wie Hannah, eine der Hauptfiguren bei Moritz Rinke.

    Nun ist es nicht etwa so, dass Hannah ihren Sebastian im Schweinestall unterbringen will. Die gut bezahlte Trainerin für Zen-Atmung muss lediglich aus beruflichen Gründen nach Zürich umziehen und hat aus diesem Grund einen Wohnungstausch organisiert. In einer Stunde werden die Tauschpartner erwartet. Roman, der IT- Manager, muss ebenfalls aus Arbeitsgründen den Wohnort wechseln und bringt seine Frau Magdalena gleich mit. In dieser Situation appelliert Sebastian, schutzlos seinen Neurosen ausgelieferter Germanist: „Hannah, ich kann nicht!“ Allein es nutzt ihm so wenig wie Yoyneh.

    Ich habe Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“ kürzlich im Stadttheater Augsburg in einer sehr gelungenen Inszenierung gesehen und mir hinterher das Stück zum Nachlesen gekauft. Ich war von beidem gleichermaßen begeistert. Zu Beginn vergnügt man sich unbeschwert mit der vor Sprachwitz sprühenden Beziehungskomödie. Sebastian erklärt dem staunenden Publikum wortreich, warum er auf keinen Fall „umgesiedelt“ werden will. Eine neue Umgebung und fremde Geräusche bringen ihn für Stunden und Tage aus dem seelischen Gleichgewicht, weshalb er sich die Erzeuger der “feindlichen Geräuschkulisse” menschlicher machen muss indem er sie besucht und ihre Eigenheiten kennenlernt. Das kostet ihn viel Zeit, die der freischaffende Schreiberling zwar hat aber lieber für seine (brotlose) Kunst verwenden will: Er schreibt Vorworte!

    Es ist zum Schreien komisch, wenn Sebastian beschreibt, das Frankfurt (der letzte Umzug) die Hölle war, weil die Hessen und besonders jene in der Main-Metropole “Möbelrücker vor dem Herrn” seien, die den lieben langen Tag nichts anderes täten als ihre Einrichtungsgegenstände hin und her zu schieben nur um ihn zu quälen. Was mich, als von dort stammend, besonders amüsierte.

    Als Roman und Magdalena schließlich da sind, wird offenkundig was sich bereits zu Anfang ahnen ließ, nämlich das bei beiden Paaren einiges im Argen liegt. Hier treffen vier Menschen aufeinander, deren Fassade Risse hat und die sich im Laufe des Abends immer weniger Mühe geben, zu verbergen was dahinter lauert. Keiner der vier ist in seiner gegenwärtigen Liebe glücklich, aber in ihrem Unglück haben sie sich bisher komfortabel eingerichtet. Bis nun die Konfrontation miteinander sie zwingt alles offenzulegen und die Schutzwälle brechen. Um die Spannung nicht wegzunehmen, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen, was den Protagonisten das Leben schwer macht.

    “Wir lieben und wissen nichts” seziert das Wesen der Liebe. Wie verliebt man sich, wie viel Wahrheit verträgt die Liebe und welche Lügen sind tödlich. Wie geht ein Mann damit um, von seiner Partnerin finanziell ausgehalten zu werden? Macht Liebe erfolgreich oder verliebt man sich in den erfolgreichen? Wann bleibt die Liebe auf der Strecke und welche Geheimnisse müssen verborgen bleiben um die Liebe nicht zu gefährden? Der gemeinsame Nenner all dieser Fragen, die zentrale Frage nämlich was Liebe ist, wird natürlich weder an einem Theaterabend noch durch die Lektüre geklärt. Diese Frage muss Rinke gar nicht beantworten. Seine Tragikomödie ist auch so sehens- und lesenswert. Im Grunde läuft es ohnehin auf das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief hinaus: “Am Ende bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Diese drei. Die größte unter ihnen aber ist die Liebe.” Liebe ist und bleibt alles, auch wenn wir nichts wissen!
Ranst, Do van Dünn EUR 12,90
  • Bewertung vom 22.07.2014
  •  
    gut
  • So unschuldig der Buchumschlag von außen auch wirkt, es geht recht derb zu in Do van Ranst “Dünn”. Es wird gefressen, gewürgt, gerülpst, gekotzt und beinahe vergewaltigt. Die noch minderjährige Fee ist von zu Hause abgehauen. Man begegnet ihr gleich in der ersten Szene in einem Fast-Food Restaurant, in dem Sie in weniger als 25 Sekunden einen Cheeseburger, eine mittlere Portion Pommes und eine Cola verputzt. Direkt im Anschluss wechselt Sie in ein Nobelrestaurant, in dem Sie 18 Langusten samt fetttriefender Sauce vertilgt. Ihre Frage an den Ober am Ende der Orgie “Bin ich noch dünn?” quittiert dieser mit einem ungläubigen Lächeln. Als Leser runzelt man zum ersten Mal die Stirn und fragt sich, wohin diese Geschichte wohl führt?

    Fee ist die Tochter eines berühmten Schauspielers. Während sie durch die fremde Stadt irrt, erfährt man, dass der Vater ein Gesundheitsfanatiker ist, der die Mutter durch seinen Schlankheitswahn in den Tod getrieben hat. Und das deshalb die Tochter nun sofort und so schnell wie möglich dick werden will. Man glaubt dieser unschuldigen Ich-Erzählerin aufs Wort, möchte ihr am liebsten durch die Buchseiten ein dick beschmiertes Butterbrot reichen. Freut sich, dass das Mädchen sich emanzipiert, von einem Vater der nur Magermodels in seiner Umgebung akzeptiert.

    Die Essensaufnahme wird allerdings immer unkontrollierter und vor allem so maßlos, dass man sich fragt, wie ein Magen diese Unmengen an Süßem, Fettigem, Salzigen und Alkohol überhaupt bewältigen kann. Do van Ranst spielt lange mit Ungewissheiten und surreal anmutenden Szenen. Fee wandelt wie durch eine Traumwelt. Realität und Phantasie vermischen sich. Mehr als einmal ist unklar, ob die Dinge wirklich so sind wie sie erzählt oder ob sie dem Mädchen nur so scheinen. Die schonungslose Landung im Hier und Jetzt, die der Autor abrupt ans Ende setzt, trifft die Hauptfigur daher genauso hart wie den Leser.

    Auch “Dünn” ist, wie alle Do van Ranst Bücher gut geschrieben. Auch hier überzeugt, wie schon in “Wir retten Leben sagt mein Vater” oder “Mütter mit Messern sind gefährlich”, die authentische Sprache und der einfühlsame Blick in die verletzliche Seele eines oder einer Heranwachsenden. Anders als in “Wir retten Leben“ ist die Heldin in “Dünn” jedoch nicht stark, sondern krank.

    Daher finde ich den Roman zwiespältig. Das Thema Bulimie aufzugreifen finde ich ungeheuer wichtig, in einer Zeit in der Kinder und Jugendliche (vor allem weibliche) latenter von einer Essstörung bedroht sind als von Drogen oder Alkohol. Umso bedeutsamer hätte ich daher gefunden, zu erfahren wie es zu der Krankheit kommen kann und welche Möglichkeiten es gibt zu helfen bzw. es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Das findet im Buch nicht statt. Hier liegt der Focus auf den Symptomen (siehe oben) nicht bei den Ursachen oder gar der Heilung. Bei Do van Ranst ist das “Kind schon in den Brunnen gefallen” und die Versuche ihm herauszuhelfen wirken halbherzig, hilf- und nutzlos.
Napp, Daniel Schnüffelnasen an Bord EUR 5,99
  • Bewertung vom 19.07.2014
  •  
    ausgezeichnet
  • Hubertus ist nicht zu beneiden. Gerade hat er noch eine Karriere als Polizeispürhund in Aussicht, als er sich auf dem kalten Boden des städtischen Tierheims wiederfindet. Und das alles nur wegen seiner “Erbkrankheit“. Ein Glück, dass Nullesockpock gerade einen neuen Hund sucht und Hubertus dazu bringt, ihm seine Geschichte zu erzählen. Der aufgeweckte Floh hat sofort eine Idee, wie man Hubertus rehabilitieren kann. Die Juwelendiebe, die ihn mit einer Fleischwurst überlistet haben, müssen gefangen werden. Dazu heißt es aber erst einmal aus dem Tierheim heraus kommen und die “Fährte” aufnehmen. Gut, dass die beiden so gute “Schnüffelnasen” sind und “Rasierwassertoni” und “Lakritzkitty” deutliche Duftmarken in der Stadt hinterlassen haben.

    Kinderbücher von Daniel Napp begeistern mich immer in zweifacher Hinsicht. Zum einen weil die phantasievollen Geschichten sich auch sprachlich auszeichnen und sich noch dazu wunderbar vorlesen lassen. Mal ganz abgesehen von einzelnen herrlichen Wortschöpfungen und dem Sprachwitz. Zum andern durch die Illustrationen, die das geschriebene Wort zeichnerisch aufs Beste ergänzen.

    Im ersten Band der “Schnüffelnasen” Reihe gibt es zum Beispiel ein Kapitel, dass mich durch seine originelle Idee zum Lesen begeistert hat. Der Floh Pock kann nämlich “flesen” bzw. “vorflesen”. “Flöhe sind zu klein, um ein ganzes Wort auf einmal zu lesen. Deshalb laufen wir einfach die schwarzen Linien der Buchstaben nach. Das nennt man flesen”, erklärt das aufgeweckte Insekt seinem Hundekollegen. “Wenn man zum Beispiel einen Kreis nachläuft, dann handelt es sich eindeutig um ein O. Hört der Kreis in der Mitte auf, dann ist es ein C. Wird einem beim Laufen schwindlig, so hat man ein S gefunden. Wenn man sich verirrt, und weder vor noch zurück weiß, dann steht man mitten auf einem X”.

    Ich habe noch nie eine so kreative Beschreibung des Alphabets gelesen und freue mich jetzt schon auf meine nächste ehrenamtliche Vorlesestunde mit meinen Grundschülern um auszuprobieren, ob sie anhand der Erklärungen von Pock auf die Buchstaben kommen bzw. ob ihnen selber “Laufwege” für das Alphabet einfallen.

    Darüber hinaus ist das erste Schnüffelnasen Abenteuer aber auch richtig spannend. Hund und Floh verschlägt es auf ein Luxuskreuzfahrtschiff, wo sie nicht nur die Gauner zur Strecke bringen und die schwedische Königsfamilie retten, sondern auch ein fürchterliches Unwetter überstehen und “eine Fleischwurst überlisten”. Als die beiden in New York vom Schiff gehen, stellen sie fest, dass der nächste Fall schon auf Sie wartet. Gut für alle kleinen Leser ab ca. 6 Jahren und für alle Vorleser, die Lesestoff für diese Zielgruppe suchen.
Marzi, Christoph Piper und das Rätsel der letzten Uhr EUR 12,99
  • Bewertung vom 01.04.2014
  •  
    sehr gut
  • “Ein Abenteuer passiert dem, der es am wenigsten erwartet”. Dieses Zitat von G.K. Chesterton, dass Christoph Marzi seinem Buch voranstellt, passt genau. Piper erwartet nichts aufregendes. Ihre Eltern haben die elfjährige für einige Tage bei Onkel George untergebracht, damit sie in Ruhe und allein ihren Hochzeitstag feiern können. Der Wildhüter lebt im Dartmoor und kümmert sich in seiner Freizeit lieber um Bienen als um Menschen. Bei dem schweigsamen Onkel gibt es auch keinen Computer, Internet oder Handyzugang. Piper ist schon am ersten Tag so sterbenslangweilig, dass sie sich in die örtliche Bücherei verirrt. Mit den dort geliehenen Büchern macht sie es sich in einem alten Schrankkoffer bequem, den sie in einem Zimmer im Haus ihres Onkels gefunden hat. Als sie darin einschläft, fällt der Deckel zu und als Piper ihn wieder öffnet, sitzt sie mitsamt Koffer auf einer Lichtung im Wald.

    “Piper und das Rätsel der dreizehnten Uhr” ist ein Abenteuerroman mit subtilen Gruselelementen, die selbst mich als erwachsenen Leser leicht schauern ließen. Allerdings kommt das Gruseln erst spät. Der Beginn ist langweilig. Ich war schon fast versucht, das Buch aus der Hand zu legen, als ich begriff , dass es sich um einen sehr guten Trick des Autors handelt, wenn es denn so gedacht war. Pipers Reise im Schrankkoffer hat mit ihrer Langeweile zu tun. Im “Septemberland” macht ihr der unheimliche Mr. Rastlos klar, dass sie genau aus dem Grund überhaupt in seinem Reich gelandet ist. Um es wieder verlassen zu können, muss sie drei Abenteuer bestehen und ihre Langeweile vergessen. Als Leser hatte man vorher Gelegenheit diese Langeweile spürbar zu erlesen. So ermüdend der Beginn ist, so spannend wird es dann. Der Gegensatz hätte nicht besser herausgearbeitet werden können.

    Gut ist auch, dass Marzi seine Geschichte in Großbritannien spielen lässt. Britische Romanfiguren bewahren Haltung, auch wenn sie eine geheimnisvolle Reise in einem Schrankkoffer zurückgelegt haben und in einem fremden Wald von einem Tier im Menschennkostüm begrüßt werden. Höflichkeit ist oberstes Gebot und daran halten sich auch Piper und der sprechende Otter. Ähnlichkeiten mit “Alice im Wunderland” sind augenfällig!

    Neben “Alice im Wunderland” habe ich auch Anleihen aus der “unendlichen Geschichte” und “Momo” wiedergefunden. Der Wechsel zwischen Realität und Traum, die Macht durch Phantasie Welten zu erschaffen, der Kampf gegen den “grauen Herren“ Mr. Rastlos. Inhaltlich und sprachlich ist der Roman weit von diesen großen literarischen Werken entfernt. Dennoch ist er durchaus empfehlenswert. Das liegt zum einen an der unerschrockenen Hauptfigur Piper, die sich tapfer allen Anforderungen stellt und auch bei “Gefahr in Verzug” die Nerven behält. Bewundernswert.

    Zum andern liegt es an der Philosophie die der Autor einflicht. “Du siehst den Weg und siehst ihn nicht. Du kannst ihn gehen und kannst doch nicht”. Piper lässt sich auf die Bedingungen ein und löst ihre Aufgaben ( in denen sie es mit Piraten, Spinnen und einem schauderhaften “Narder” zu tun bekommt) mit Bravour nur um festzustellen, dass sie den Weg zurück doch noch nicht gefunden hat. Sie wurde ausgetrickst und muss nun das Rätsel lösen, dass sie zurückbringt in ihr eigenes Leben. Hier lernt, wer lernen will, dass dieses “Lebensrätsel” jeder lösen muss, egal ob jung oder alt.

    Und dass ein “langweiliger” oder besser “alltäglicher” Weg nicht unbedingt der schlechteste sein muss, ist eine Erkenntnis die, in der heute so geschäftigen Welt, zu erkennen es sich nicht nur für Kinder lohnt. Wenn Piper am Ende stillvergnügt die Zeit damit verbringt die Beine baumeln zu lassen und ihr eigenes Spiegelbild in der Oberfläche des Dorfteiches zu bewundern, “dann ist sie genau da, wo sie sein will”. Und dass zu begreifen, ist nie zu früh und nie zu spät. Meine Empfehlung: Für Kinder ab der vierten Grundschulklasse zum Vor- oder Selberlesen.
  • Bewertung vom 17.03.2014
  •  
    sehr gut
  • Otto lebt in einer alten Villa. Mit ihm wohnen drei Geister in dem bejahrten Gemäuer. Sir Toby, der einstige Hausherr und dessen ehemalige Dienstboten Molly und Bert. Die sprechende Fledermaus Vincent komplettiert als Haustier die skurrile Wohngemeinschaft, in der sich der elfjährige ungemein wohl fühlt, da er die Gabe hat die Gespenster sehen und mit ihnen reden zu können. Von all dem ahnt seine Tante Rachel, die den Jungen nach dem Tod seiner Eltern zu sich genommen hat, nichts. So entgeht ihr auch, dass Otto Harold kennenlernt, als der die Seele des alten Nachbarn einfängt. Harold ist niemand anders als “der Tod”, mit dem sich Otto und seine Freundin Emily anfreunden, nachdem sie festgestellt haben, dass die Bekanntschaft mit ihm keineswegs tödlich, sondern eher “cool” ist.

    Geistergeschichten haben bei Kindern immer Konjunktur. Bücher mit “Gruselfaktor” sind beliebt. Wohlige Gänsehautgarantie zieht junge Leser magisch an. Auf der Suche nach neuem Material für meine Vorlesestunden für Grundschulkinder bin ich, durch einen Tipp aus der Süddeutschen Zeitung, auf Sonja Kaiblingers ersten Band aus der Serie “Scary Harry” gestoßen. “Von allen guten Geistern verlassen” ist ein schönes Beispiel dafür wie man ein Thema, das es bereits in vielen Varianten gibt, mit frischen Ideen wieder neu in Szene setzen kann.

    Zum Beispiel Harold, der Sensenmann. Er ist Mitarbeiter des Seelen-Beförderungs-Institutes (SBI). Ein Knochenjob, wie er den Kindern verrät. Schlechte Arbeitszeiten und eine miserable Bezahlung. Trotzdem hat der Seelenfänger seinen Humor nicht verloren. Mit einem Schmetterlingsnetz jagt er nach den Seelen, die (in Form von “rot glühenden Tennisbällen”) meist schneller sind als er. Bis er sie sicher in Einmachgläsern (für Gurken) auf die Reise ins Jenseits zu schicken kann, ist er oft völlig aus der Puste und am Ende seiner Nerven.

    Zu den phantasievollen “übersinnlichen” Einfällen präsentiert Kaiblinger eine spannende Handlung. Die Hausgeister sind eines Tages auf mysteriöse Weise verschwunden. Otto und Emily finden heraus, dass sie vom skrupellosen Besitzer eines Horrorgruselparks entführt wurden. Es gilt sie wieder zu befreien. Dabei sind die Kinder auf die besonderen Fähigkeiten von Harold angewiesen, der sich freut ihnen behilflich sein zu können. Gemeinsam entwickeln sie einen Plan, der mit (im wahrsten Sinne des Wortes) unheimlichen Tricks zum Ziel führen soll.

    Die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung, Ulrike Schultheiß, bezeichnete das Buch in Ihrem Artikel als Lesefutter für männliche Büchermuffel. Diesem Urteil kann ich mich nicht ohne weiteres anschließen. Ich sehe das Buch sowohl für Mädchen als auch Jungen. Allerdings bin ich im Zweifel ob ein echter Lesemuffel hier zugreift. Mit über 200 Seiten ist das Buch für ein Kind das nicht oder wenig liest, schlicht durch seinen Umfang abschreckend. Dazu kommt das schleppende Tempo mit der die Handlung in Gang kommt. Durch das erste Drittel des Buches habe ich mich mühsam gelesen. Der Funke wollte einfach nicht überspringen. Zu viele Dialoge, zu wenig Action. Ein Kind das nicht von Haus aus lesebegeistert ist, steigt hier wahrscheinlich einfach aus.

    Ich sehe “Scary Harry” eher als ein Buch zum Vorlesen oder für Eltern die Lesenachschub für Ihre Kinder (ab ca. 9 Jahren) herbeischaffen müssen. Ich selber werde “Von allen guten Geistern verlassen” auf jeden Fall in einer meiner nächsten Vorlesestunden testen. Wenn man den richtigen Einstieg findet und an einer spannenden Stelle aufhört, bin ich sicher, dass auch ein “Lesemuffel” neugierig wird und weiterlesen will.
  • Bewertung vom 23.02.2014
  •  
    ausgezeichnet
  • Die Schwestern der Familie Karlsson, Ulla, Molly, Ellen und Frieda leben in ganz Europa verstreut. Frieda, die Künstlerin hat als einzige keine Kinder und daher Zeit die Söhne und Töchter ihrer Schwestern für den Sommer aufzunehmen. Julia, die zwölfjährige Tochter von Ulla ist entsetzt. Ihr ist der letzte Aufenthalt bei ihrer "verrückten" Tante noch in denkbar schlechter Erinnerung. Außerdem hat sie keine Lust wochenlang auf ihre kleine Schwester aufzupassen. Auch das ihre Cousins George und Alex mit von der Partie sein sollen, stimmt sie nicht fröhlicher. George kennt sie nur als stummen Jungen, der vor Aufregung gerne mit den Ohren wackelt und von Alex weiß sie nichts, außer dass er für einen siebenjährigen recht gut kochen soll. "Das kann ja ein lustiger Sommer werden, dachte Julia. Und das wurde es wirklich!"

    Die beiden letzten Sätze aus dem ersten Kapitel nehmen vorweg, was kommt. Die erste Begegnung ist vielversprechend. George ist keineswegs stumm, sondern entpuppt sich als junger britischer Gentleman mit Sinn für Humor und einer leicht ironischen Ader. Alex ist ein munterer zwölfjähriger der, ganz der Sohn eines französischen Kochs, die kulinarische Versorgung in die Hand nimmt. Und Tante Frieda macht, was alle “guten” Erwachsenen in einem Kinderbuch machen: sie lässt den vieren ihre Freiheit.

    Diese Freiheit ist beim Lesen förmlich zu spüren. Auf der Insel ohne fließendes Wasser, Tiefkühltruhe, Fernsehen und Computer lernen sie schnell das Beste aus dem zu machen was sie umgibt. “Von jetzt an habt ihr Sommerferien, in denen jeder tun und lassen kann, was er will! Und hier auf der Insel gibt es jede Menge zu tun. Schwimmen, Spiele spielen, auf Bäume klettern und faul in der Sonne liegen, mit dem Boot aufs Meer rudern. Nur eins muss euch klar sein, dass ich nicht die Ferienmama bin, die alles für euch organisiert.” Diese Worte ihrer Tante sind für die Kinder der Startschuss zu einer herrlichen Zeit. “Von da an machten sie sich Gedanken darüber , was sie am liebsten tun wollten.” Und tun es dann einfach!

    Julia beschließt die gut gefüllten Bücherregale ihrer Tante zu plündern, Alex will seine eigenen Rezepte ausprobieren ohne das ihm seine Eltern reinreden, Hummel entdeckt den Garten und die Tiere der Insel für sich und George hat ein geheimes Hobby mit auf die Insel gebracht, von dem noch niemand etwas wissen soll. Dieser allumfassenden Idylle setzt Mazetti zwei spannende Kontrapunkte gegenüber. Tante Friedas Kunstwerke werden von einer dreisten Bande gefälscht und in Umlauf gebracht. Sie muss daher nach Stockholm reisen um der Sache, die ihren Lebensunterhalt gefährdet, Einhalt zu gebieten. Die Kinder bleiben derweil alleine auf der Insel. Dort gehen unterdessen mysteriöse Dinge vor. Einiges deutet darauf hin, dass sich noch jemand auf der Insel befindet, der dort nicht hin gehört.

    “Spukgestalten und Spione” ist denn auch der Untertitel dieses ersten Bandes der Kinderbuchreihe. In Schweden sind die Abenteuer der Karlsson Kinder bereits Bestseller und auch in Deutschland werden Band 2 und 3 demnächst erscheinen, was ich nach der Lektüre nur begrüßen kann. Katarina Mazettis “Die Karlsson Kinder” lesen sich wunderbar leicht und unbeschwert. Ich habe mich beim Lesen an eines meiner Lieblingsbücher von Astrid Lindgren erinnert: Ferien auf Saltkrokan”.

    In diesem (leider) weniger bekannten Kinderbuch der großen schwedischen Autorin, verbringt der Witwer Melcher Melchersson, ein ebenso liebenswerter wie erfolgloser Schriftsteller, mit seinen vier Kindern die Sommerferien auf einer entlegenen schwedischen Schäreninsel. Dort freundet sich die Stockholmer Familie mit den Einheimischen an und der endlose schwedische Sommer birgt für alle (vor allem für die Leser, große wie kleine) herrliche Erlebnisse und jede Menge Abenteuer. "Die Karlsson Kinder" scheinen davon inspiriert und man kann sie Kindern ab 10 Jahren und deren Eltern als Lektüre nur wärmstens an Herz legen.
««« zurück1234vor »

Lieblingslisten