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R.E.R.
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Arnim, Elizabeth von Vera EUR 5,99
  • Bewertung vom 17.05.2013
  • *****
    ausgezeichnet
  • Eine sehr treffende Beschreibung zur Auflösung von Ehen im letzten Jahrhundert wird Wallis Simpson zugeschrieben. Die Amerikanerin, die 1938 Edward VIII heiratete, der für sie auf den Thron verzichtet hatte, soll gesagt haben, dass eine Scheidung im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert einer Revolution gleichkam. Sie musste es wissen, hatte sie doch gleich zweimal eine solche überstanden.

    Man muss wissen, dass eine Ehe damals einen völlig anderen Stellenwert hatte als heute. Man muss wissen, dass eine Frau einem Mann regelrecht ausgeliefert war, wenn einmal die Bande der Ehe geschlossen waren. Besitz, Rechte, alles was ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht ging mit der Kontraktschließung auf den Ehemann über. Sich als Frau aus dieser Fessel zu lösen, war oft nicht nur schwer sondern fast unmöglich und beinahe immer gleichbedeutend mit gesellschaftlicher Ächtung. Nicht selten in Verbindung mit sozialer Not. In diesem Licht muss man “Vera” lesen. Den Roman den Elizabeth von Arnim nach ihrer eigenen gescheiterten zweiten Ehe mit einem englischen Lord geschrieben hat. Einer gescheiterten, keiner geschiedenen wohlgemerkt, denn eine Scheidung kam für beide Partner, aus den oben genannten Gründen nicht in Frage.

    Lucy Entwhistle hat ihren Vater verloren. Noch in frischer Trauer, lernt Sie Everard Wemyss kennen, dessen Frau gerade bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Der Witwer, dessen Schmerz sich in Grenzen hält, bemüht sich um das junge Mädchen. Wie selbstverständlich steht er ihr bei und macht sich unentbehrlich. Mit seiner unerschütterlichen Art, erscheint er dem unerfahrenen Mädchen als ritterlicher Held in den sie sich rückhaltlos verliebt. Noch ehe das Trauerjahr um ist, drängt Wemyss Lucy in die Ehe. Schon in den Flitterwochen wird ihr klar, dass die Ehe “anders war, als sie gedacht hatte”. Aber als sie mit wieder nach England zurückgekehrt und im Hause ihres Mannes lebt, wird ihr auf dramatische Weise der wahre Charakter ihres Mannes bewusst.

    “Vera” ist ein Roman der unter die Haut geht. Mitzuerleben wie die junge, unerfahrene Frau in eine Verlobung und später in die Ehe gerät. Fast ohne eigenes Zutun, schier willenlos und gegen jegliche Vernunft taub und blind. Besonders die Passagen, wenn die Tante das Geschehen quasi von Außen betrachtend für den Leser transparent macht. Die Fassungslosigkeit die einen ergreift, wenn man die Art des Bräutigams durchschaut, der seine neuste Eroberung möglichst schnell sichern will. Um von den eigenen Ungelegenheiten abzulenken: Die Unverschämtheit seiner ersten Frau, die sich ohne Rücksicht auf ihn umgebracht hat. Um möglichst schnell zu seinem gewohnten Leben zurück kehren zu können: Lucy ist für ihn eher Gegenstand als Lebewesen. Sie hat zu tun, zu denken, zu sagen, zu stehen und zu liegen wo er will, wann er will und wie er will. Die Müdigkeit die Lucy schon in den Flitterwochen plagt, ist durch die Seiten spürbar. Sie führt kein eigenes Leben mehr, sondern wird geführt.

    Elizabeth von Arnim wird nicht umsonst als Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben. Ihre Werke verbinden Humor mit scharfsinniger Beobachtungsgabe, philosophische Betrachtungen mit Unterhaltung und Verstand und Gefühl (um bei Jane Austen zu bleiben). Ehe, Liebe und Beziehungen spielen auch bei ihr eine zentrale Rolle. Sie entlarvt die Schwächen und Eigenheiten ihrer Figuren mit spitzer Feder und zeichnet dabei immer auch ein sehr genaues Sittengemälde ihrer Zeit .

    Am Ende prophezeit die weise Tante dem kaltherzigen Ehemann, dass es diesmal wohl keine fünfzehn Jahre dauern wird, bis diese Ehe seine zweite Frau das Leben kosten wird. Das eigene Entsetzen bei dem Gedanken, wie Recht sie hat, zeigt die literarische Güte von Arnims.
Boie, Kirsten Der Junge, der Gedanken lesen konnte EUR 14,95
  • Bewertung vom 17.05.2013
  • **
    weniger gut
  • “Alles hat seine Zeit”. Dieses Bibelzitat scheint Kirsten Boie bei Ihrem Friedhofskrimi für Kinder inspiriert zu haben. Eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben. Es geht viel um das Sterben in diesem Buch und das nicht nur, weil Valentin mit seiner Mutter in eine neue Wohnung direkt neben dem städtischen Friedhof zieht. Was passiert wenn ein geliebter Mensch gestorben ist? Wohin geht er oder sie? Wer ist schuld wenn ein Kind sterben muss? Wie tröstet man jemanden, der sich schuldig am Tod eines anderen fühlt? Kirsten Boies Roman für Kinder wirft viele Fragen auf.

    Valentin ist mit seiner Mutter von Russland nach Deutschland gekommen. Sein Vater ist bei seinem Bruder Artjom in Kasachstan geblieben. In den großen Ferien ist Valentin den ganzen Tag allein, weil die Mutter arbeiten muss. Neugierig beginnt er die neue Umgebung zu erkunden. Gleich bei seinem ersten Streifzug landet er auf dem nahegelegenen Friedhof. Er lernt Bronislaw, den freundlichen Friedhofsgärtner aus Polen kennen. Und das Ehepaar Schilinsky, dass anstelle eines Schrebergartens eine Grabstelle gekauft hat und dort jeden Tag picknickt. Valentin freundet sich dort auch mit dem alten Herrn Schmidt an, der mit seinem Hund täglich das Grab seiner Frau Else besucht. Auch für die obdachlose und geistig verwirrte Dicke Frau hat Valentin immer ein freundliches Wort übrig. Eines Tages findet Valentin Bronislaw niedergeschlagen auf der Friedhofstoilette. Es scheint als hätte jemand auf dem Friedhof Geheimnisse. Valentin jedoch hat erst vor kurzem eine ganz besondere Gabe an sich entdeckt: Er kann Gedanken lesen. So sollte der Übeltäter also schnell gefunden sein. Aber einen Verbrecher jagen, ist nicht so einfach wie gedacht. Und so ist Valentin bald selber in Lebensgefahr.

    Kirsten Boie verbindet in dieser Geschichte für Kinder ab etwa 10 Jahren einen Krimistoff um Juwelendiebstahl mit Gedanken zum Thema Tod. Die Kombination ist ungewöhnlich. Es wird schnell klar, dass der einfühlsame Valentin nicht nur eine besondere Gabe sondern auch einen besonderen Kummer hat. Es dauert eine Weile, bis er sich dem alten Herrn Schmidt anvertraut. Dieser ist es dann auch, der ihn mit einfachen Worten beruhigt. Eben mit jenen, die ich anfangs erwähnte. “Alles hat seine Zeit”. Aber nicht nur der alte Herr hilft dem Ich-Erzähler Valentin. Auch die Freundschaft zu dem gleichaltrigen Nachbarsjungen Mesut bringt ihn weiter. Hier ist ein Gleichaltriger dem er sich öffnen kann und der gleichzeitig seine Trauer lindert und sich mit ihm auf Verbrecherjagd macht.

    Ich fand das Buch nicht schlecht, obwohl ich die Kombination aus Krimi und Lebens- bzw. Sterbensphilosophie nicht wirklich gelungen fand. Mir wäre ein entschiedenen entweder oder lieber gewesen. Also entweder Krimi oder Mutmachbuch zum Thema Tod. Es gibt mit Sicherheit viele Kinder, denen es wie Valentin geht. Die mit Trauer oder Verlust umgehen müssen. Aber wie viele davon bekommen die Gelegenheit sich anhand der Aufklärung einer Diebesserie selbst zu therapieren in dem sie in Lebensgefahr geraten? Sicher nicht allzu viele. Das Identifikationspotential ist daher sicher gering.

    Was die Identifikation und damit das Interesse zusätzlich erschweren dürfte: Valentin ist einfach “uncool”. Seine Sprache ist um einiges zu ernst bzw. zu erwachsen. Das Buch hat unnötige Längen, die selbst mich als Erwachsenen Leser um die Geduld brachten. Mein Fazit: Ich habe das Buch aus der Bibliothek entliehen, würde es aber nicht kaufen oder im Rahmen meiner Tätigkeit als Vorlesepatin verwenden.
Roger, Marie-Sabine Der Poet der kleinen Dinge EUR 9,95
  • Bewertung vom 23.04.2013
  • ****
    sehr gut
  • Alex arbeitet in einer Hühnerfabrik in der Normandie. Sie wohnt zur Untermiete bei Marlène und Bertrand. Mit im Haus wohnt Bertrands geistig und körperlich behinderter Bruder Gérard, den Alex liebevoll Roswell nennt. Marlène ist die Belastung durch Gérard leid. Lieber heute als morgen möchte Sie ihn loswerden. Alex, die Gérard ins Herz geschlossen hat, möchte das verhindern. Gemeinsam mit Cédric und seinem Freund Olivier, zwei gestrandeten Existenzen, entwickelt Sie einen Rettungsplan.

    “Der Poet der kleinen Dinge” ist eine einfache, aber ergreifende Geschichte. Zwei Erzähler wechseln sich in der Ich Form ab. Alex, die junge Hilfsarbeiterin und Cédric, der mit seinem Kumpel Olivier dem “Zackenfisch” am Kanal lebt. Beide haben einen guten Blick für Ihre Umgebung, für die Menschen und für die Sorgen, Nöte und Wahrheiten des Lebens. Marie-Sabine Roger macht keine großen Worte. Aber die ebenso kurzen, wie eingängigen Sätze prägen sich umso tiefer ein.

    “Es war nie mein Traum, Hühnereier mit Formaldehyd zu begießen, um Bakterien abzutöten. Kennen sie irgendjemanden, dessen Traum das wäre? Sein Leben mit beiden Füßen in der Scheiße zu verbringen, im Höllengestank einer Hühnerfarm? Aber da ich an Schicksal glaube, sage ich mir, dass es irgendwo einen großen Plan geben muss, hoch über meinem Kopf. Dass es für das alles einen Grund gibt”.

    Dieser Grund scheint Roswell zu sein. Alex ist die einzige, die ihn ernst nimmt, ihm zuhört, ihn versteht. Sie schafft es in seine scheinbar abgeschlossene Welt einzudringen. Sie erkennt, dass er noch immer die Gedichte rezitieren kann, die er von seiner ihn über alles liebenden Mutter gelernt hat. “Er konzentriert sich, zischt und spuckt, zerhackt die Wörter, aber ich bin mir sicher, dass er genau versteht, was er sagt.” Sie bemerkt auch seine Sehnsucht nach draußen zu kommen. Kurzerhand packt die junge Frau den zum Laufen nicht fähigen in einen alten Bollerwagen und fährt mit ihm spazieren.

    Während dieses Spazierganges sinniert Alex das erste Mal über ihr besonderes Verhältnis zu Gérard. “Es gibt nichts an ihm, das nicht missraten, entstellt, erschreckend oder lächerlich wäre. Nichts bis auf seinen Welpenblick, der so sanft ist, dass man es gar nicht beschreiben kann. Nichts bis auf sein schallendes Lachen, voller Leben und Humor. Aber dieses Nichts reicht aus, um etwas in mir zu wecken. Gefühle, die ich nicht verstehe. Die Lust ihm zuzuhören, ihn am Kanal entlang zu fahren. Scheiß auf die Deppen, die loslachen, wenn Sie Roswell sehen. Die wahren Monster sind sie.”

    Zwei dieser “Monster” lernen Sie auf den Spaziergängen kennen. Cédric und Olivier werden im Verlauf der Geschichte jedoch zu Freunden und Helfern. Gemeinsam ringen die drei dem Lauf des Schicksals eine gute Wendung für Gérard und schließlich auch für sich selbst ab.

    Gründe für die Lektüre dieses Buches gibt es einige. Einer könnte sein zu erkennen, dass das “Monster” der Intoleranz, der Ablehnung, der Gleichgültigkeit und oft auch der Herzlosigkeit in uns allen schlummert. Das es aber oft nur wenig braucht um das zu ändern. Ganz wie Alex an einer Stelle bemerkt: “Und ich sagte mir, dass es doch sehr wenig braucht, damit Leute anfangen zu leben”. Den “Poet der kleinen Dinge” zu Lesen, wäre ein guter Anfang.
Bingül, Birand Der Hodscha und die Piepenkötter EUR 8,99
  • Bewertung vom 22.04.2013
  • ****
    sehr gut
  • Als der neue Imam des Moscheevereins Gabrielstraße Nuri Hodscha seine zukünftige Wirkungsstätte besichtigt ist er ob deren heruntergekommenen Zustand entsetzt. Da er dort vom örtlichen Klatschreporter Bob Winter erwartet wird, beschließt er die Gunst der Stunde zu nutzen und seine Ankunft in der mittelgroßen deutschen Stadt mit einem Paukenschlag kundzutun. “Neuer Imam fordert repräsentative Großmoschee” lautet die Schlagzeile die am nächsten Morgen für Aufregung sorgt und Ursel Piepenkötter, die Oberbürgermeisterin, dazu veranlasst erst einmal die Salami Taktik anzuwenden: Verzögern, tricksen, tarnen, täuschen. Bald schon muss sie jedoch erkennen, das auch der neue Hodscha die Handhabung dieser Vorgehensweise beherrscht.

    Was nun folgt ist ein unterhaltsamer Schlagabtausch zweier Dickköpfe. Auf der einen Seite die konservative Vollblutpolitikerin Ursel Piepenkötter, die in sechs Wochen erneut zur OB gewählt werden will. Das letzte was sie auf der Zielgeraden zur Wiederwahl brauchen kann, ist die öffentliche Kontroverse um den Bau einer Moschee. Auf der anderen Seite der, nur auf den ersten Blick, behäbig wirkende Nuri, dessen Zwangsversetzung nach Deutschland seine letzte Chance darstellt sich als Hodscha zu profilieren und zwar mit dem Neubau einer Moschee.

    Die beiden Kontrahenten kommen auf die absurdesten Ideen. Nuri macht Ursel bei ihrer ersten Begegnung vor der Presse lächerlich. Sie setzt ihm als Retourkutsche ein überlebensgroßes Kreuz vor die islamische Kirche. Sie schrecken auch nicht davor zurück die eigenen Kinder als Spione gegeneinander auszuspielen. Hülya, die sechzehnjährige Tochter Hodschas geht in dieselbe Klasse wie Ursels Sohn Patrick. Beide verlieben sich und geraten unfreiwillig zwischen die Fronten. Was zu diversen Verwicklungen führt, die der Autor witzig aber, in Bezug auf die Liebenden, sehr feinfühlig umsetzt.

    Eine Podiumsdiskussion zur Stellung der Frau im Islam (zu der Ursel bei einem Kaffeekränzchen der Frauenunion genötigt wird), ein multikonfessionelles Fußballturnier (bei dem ein afrikanischer Oberligaspieler kurzfristig zum Islam konvertieren muss um Nuris Mannschaft ins Finale zu schießen) und die gemeinsame Jagd auf einen radikalen Hassprediger (bei dem sich Osman der stille Hausmeister der Moschee als Computergenie erweist und Ursel und Nuri den Hintern rettet) sind weitere Stationen auf dem Weg der Streithähne. Das sie alleine immer öfter in Sackgassen geraten, treffen sie sich nachts in Ursels Gartenlaube, wo sie sich in fröhlicher Feindseligkeit diverse Feldzüge ausdenken um die Gegenparteien in Schach zu halten. Die Option den anderen dabei zum eigenen Vorteil auszuschmieren, halten sich beide aber immer offen.

    Jedes Kapitel ist mit einem Hinweis zum Inhalt übertitelt. Beispielsweise: “Wie der Hodscha und die Piepenkötter wegen der Frau im Islam aneinandergerieten”. Die Abschnitte in den Kapiteln sind mit dem Datum und der Anzahl der verbleibenden Tage bis zur Wahl gekennzeichnet. Das erleichtert nicht nur den zeitlichen Überblick sondern vermittelt auch die spezielle Dynamik. Je weniger Zeit bis zum Wahlsonntag desto verzweifelter die Maßnahmen. Das dieser am Ende einige Überraschungen zu bieten hat verwundert nicht.

    Birand Bingüls “Der Hodscha und die Piepenkötter” ist eine geistreiche Auseinandersetzung mit einem Thema das derzeit die deutsche Öffentlichkeit beschäftigt, nachdem in der letzten Woche der neue Innenminister Friedrich die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland öffentlich hinterfragte. Mit seinem satirischen Roman blickt er auf unterhaltsame Weise hinter die Fassade. Und in den Zwiegesprächen die Nuri mit Allah führt um sich dessen Beistand zu sichern, schenkt er uns sogar ein wenig göttliche Weisheit.
Krasemann, Barbara Geschenke aus meinem Garten EUR 14,99
  • Bewertung vom 18.04.2013
  • *****
    ausgezeichnet
  • “Ich erwarte nicht, dass ihr wirklich die Schönheit des leise brodelnden Kessels mit seinen schimmernden Dämpfen zu sehen lernt, die zarte Macht der Flüssigkeiten, die durch menschliche Venen kriechen, die den Kopf verhexen und die Sinne betören. Ich kann euch lehren, wie man Ruhm in Flaschen füllt, Ansehen zusammenbraut und sogar den Tod verkorkt.” Dieses Zitat stammt nicht etwa von Barbara Krasemann. Joanne K. Rowling hat es Professor Snape, Harry Potters Lehrer für Zaubertränke, im ersten Buch über den wohl berühmtesten Zauberlehrling der Welt in den Mund gelegt.

    Barbara Krasemann, die bekannte Gartenexpertin der Sendung “Querbeet” des bayerischen Fernsehens verkorkt in ihrem neuen Buch “Geschenke aus meinem Garten” nicht den Tod. Im Gegenteil: Ihre dampfenden Kessel verströmen den Duft gesunder Aromen. Dennoch schien mir der Einstieg passend. Auch Krasemann zeigt wie man aus Gartenkräutern schimmernde Dämpfe des Wohlbefindens erzeugt. Oder aus zarten Pflänzchen wohltuende Flüssigkeiten mit und ohne Alkohol destilliert. Sie füllt den Ruhm ihres Gartens in Flaschen und stärkt brauend ihr Ansehen als Meisterin der Gartenträume.

    Barbara Krasemann hat in fündundzwanzig Jahren mühevoller Kleinarbeit den Garten ihrer Träume auf 8.500 Quadratmetern wachsen lassen. Die Geschichte Ihres Gartens kann man in Ihrem ersten Buch “Wo Träume wachsen” nachlesen. Eine Reise durch zwölf Gartenzimmer wie sie unterschiedlicher und nutzbringender nicht sein können. Man vermeint die Stimme der Autorin zu hören, wenn die liebevoll gestalteten Seiten aus Bildern und Text erzählen. Hier wird nicht mit profundem Wissen geprotzt, sondern reiche Erfahrung lebendig weitergegeben.

    Der Schwerpunkt des ersten Buches lag auf der Entstehung des Gartens. Die Nutzung seiner Pflanzen ist nun die logische Fortsetzung. Barbara Krasemann ordnet ihre Rezepte nach den Jahreszeiten. Im Frühling lockt “Zartes Grün zum Verlieben” mit herzhaft eingelegten Farnwedeln, Blumen-Schokolade mit Fliederblüten, duftendem Badesalz oder Frühlings Potpourri. Der Sommer präsentiert den “Garten in Hochform” mit Rosen Sirup, Rosen Pesto, Weingummi aus Johannisbeeren oder einer Frauenmantel Tinktur. Im Herbst lockt der “bunte Fruchtgenuss” dem der Winter mit “Geschenken zum Verwöhnen folgt. Der Weihnachtslikör aus heimischen Kiwi sorgt mit Sicherheit für Spaß unterm Christbaum.

    Jedes Rezept wird auf einer Doppelseite in Wort und Bild erklärt. Zutaten, besondere Hilfsmittel, Schritt für Schritt Anweisungen und besondere Hinweise (“das ist wirklich wichtig”) werden einfach aber detailliert beschrieben. Die Bandbreite reicht von einfachen Rezepten wie Löwenzahnbutter bis zur anspruchsvollen Herstellung von Duftseifen.

    “Geschenke aus meinem Garten” bietet sich als Geschenk für Gartenbesitzer an, von denen man weiß , dass Sie die die Produkte ihrer grünen Oase gerne kreativ verarbeiten. Oder man beschenkt sich selbst damit, egal ob man mit einem Garten gesegnet oder nur Besitzer eines kleinen Balkons bzw. einer sonnigen Fensterbank ist. Viele Kräuter und Gewürze lassen sich schon im kleinsten Blumentopf kultivieren. Und die Rezepte von Barbara Krasemann machen Lust aufs Ausprobieren. Wie Sie schon im Vorwort zu ihrem ersten Buch schrieb: “Der Weg ist das Ziel”. Diesem Weg kann man begeistert folgen.
Feibel, Thomas Like me - Jeder Klick zählt, m. E-Book EUR 6,99
  • Bewertung vom 16.04.2013
  • ****
    sehr gut
  • "Da traf mich der Schlag: Jana hatte das Foto von mir und meinem Stoffhasen gepostet und darunter »Karo will doch nur kuscheln« geschrieben. Und ich konnte überhaupt nichts dagegen tun! Bis heute gibt es ja auf ON keine richtige Löschfunktion. Schlagartig wurde mir schlecht. Und dann noch all die hämischen Kommentare!"

    Die Entrüstung über den vermeintlichen Verrat der Freundin hält bei der Ich-Erzählerin Karo allerdings nicht vor. Schon kurze Zeit später versöhnt sie sich in der Schule wieder mit Jana. Denn diese macht ihr drastisch klar dass, wenn sie wirklich Moderatorin bei der neuen ON Internet Show werden will, sie noch viele Punkte braucht. Und das ist schließlich nur mit "Post the most", also posten und teilen zu schaffen. Koste es was es wolle: Vertrauen, Privatsphäre, Freundschaft.

    Thomas Feibel bereitet mit "Like me" ein ebenso hochaktuelles wie hochbrisantes Thema spannend auf. Soziale Netzwerke - Fluch oder Segen? Diese Frage treibt momentan nicht nur besorgte Eltern um. Die Romanfigur Karo schafft es auf wenigen Seiten, die Problematik deutlich werden zu lassen. Netzwerk "Freunde" gewinnt man nur mit möglichst peinlichen Veröffentlichungen. Zu wessen Lasten sie gehen ist unerheblich, allein die Klick Resonanz zählt.

    Mit Karo, Jana, Eddi und Ivo hat der Autor Figuren geschaffen, die zwar für Stereotype stehen, mit denen man sich aber gut identifizieren kann, weil sie einfach interessant in Szene gesetzt werden. Die naive, eher gutmütige Karo, die beim Punkte sammeln auf ON zunächst einzig aus dem Grund mitmacht um der neuen Klassenkameradin Jana zu imponieren. Ebenso wie Eddi ihr heimlicher Schwarm, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat und sich leider mehr für die gutaussehende Neue als für Karo interessiert. Jana der Prototyp der frühreifen, obercoolen Sirene. Lange blonde Locken, immer stylisch gekleidet, perfekt geschminkt und an nichts außer sich selbst interessiert. Ivo, der Nerd, der sich aus sozialen Netzwerken komplett heraushält und die anderen zu bekehren versucht.

    Die Geschichte kommt schnell in Fahrt, denn das eingangs erwähnte Posting gehört zu den harmlosesten. Im Verlauf der Handlung sinkt die Hemmschwelle bei den drei Achtklässlern stetig. Besonders Jana agiert ohne Rücksicht auf Verluste und fingiert so manches schlimme Foto. Erst als eine Lehrerin einen Nervenzusammenbruch erleidet, ein Klassenkamerad in psychiatrische Behandlung muss und ihnen der Schulverweis droht, wachen Karo und Eddi auf. Sie erkennen, dass eine Grenze überschritten wurde und ziehen die Notbremse. Nicht so Jana, die gnadenlos gegen sich und andere im Internet Erfolg sucht.

    “Like me” ist eine locker erzählte Geschichte, die von der Spannung der immer neuen makaberen Veröffentlichungen lebt. Was lassen sich die Kinder als nächstes einfallen um im Netz aufzufallen? Wer bleibt als nächstes auf der Strecke? Das sind die Fragen, die einen durch die Seiten treiben.

    Meine Ambition durch die Lektüre ein besseres sachliches Verständnis für die Funktionsweise von sozialen Portalen zu bekommen, hat sich jedoch nicht erfüllt. Karo schreibt an einer Stelle: “Außerdem erhielten alle Eltern einen Rundbrief von Direktor Klaasen, in dem er das unerbittliche Handyverbot begründete und allen Eltern praktisch befahl ihren Kindern die Teilnahme an ON SHOW zu verbieten. Dann folgte für die Ahnungslosen eine umständliche Beschreibung dessen, was ON SHOW überhaupt war. Die ganzen falschen Ausdrücke kamen mir schon lustig vor.“ Was das betrifft gehöre ich noch immer zu den Ahnungslosen. In dieser Hinsicht brachte mir das Buch keinen Kenntnisgewinn.

    Was es auf jeden Fall bewirkt, ist die Sensibilisierung dafür, was Kinder dazu treibt sich öffentlich zu "entblößen". Man versteht es vielleicht selber nicht und kann dennoch Verständnis entwickeln. Das Ende fand ich schwach. Die Wahrheit über Jana erfüllt sämtliche Klischees. Ich hätte mir ein mutigeres Ende gewünscht, eines dass auch Kindern wie Jana weiterhilft.
Ende, Michael Momo, Neuausgabe EUR 14,95
  • 1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.
  • Bewertung vom 15.04.2013
  • *****
    ausgezeichnet
  • Manchmal dauert es ein halbes Menschenleben bis man ein Buch zu schätzen weiß. Man muss wachsen und reifen um seinen Wert zu begreifen. Das Buch “Momo”, das in diesem Jahr seinen vierzigsten Geburtstag feiert, ist so ein Fall. Zumindest für mich. Vor dreißig Jahren, als zehnjährige, las ich es zum ersten Mal. Es hat mich damals nicht nachhaltig beeindruckt.

    Angeregt durch die Silvesterpredigt unseres Pfarrers, der aus “Momo” vorlas um den Wert der Zeit zu verdeutlichen und bestärkt durch meinen Sohn, der das Hörbuch auswendig kann, las ich “Momo” erneut. Diesmal habe ich verstanden, was für ein wundervolles Geschenk Michael Ende seinen Lesern mit diesem Buch gemacht hat.

    “Es gibt ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit. Es gibt Kalender und Uhren, um sie zu messen, aber das will wenig besagen, denn jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen - je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.”

    Zu Beginn ist es die Beschreibung der Gabe des Zuhörens die Momo besitzt. Sie schenkt jedem ihre volle Aufmerksamkeit bis nach und nach das wahre Wesen unter der Oberfläche hervorbricht. “Momo konnte so zuhören, dass auf einmal Gedanken auftauchten, von denen man nie geahnt hatte, dass sie in einem stecken”. Wer wünscht sich nicht einen solchen Zuhörer und was könnte man wohl in sich entdecken?

    Dann sind es die Möglichkeiten die entstehen wenn Zeit im Überfluss anderen zu Gute kommt. Die Geschichten des flatterhaften Fremdenführers Gigi, die durch Momo Flügel bekommen. Die Spiele der Kinder, die durch Momo wirklicher werden als die Realität ringsum. Die Weisheit des Straßenkehrers Beppo, die durch Momos Geduld sichtbar wird. Wer wünschte sich nicht eine solche Freundin und welche Gaben würde sie in einem selbst zum Vorschein bringen?

    Schließlich Meister Hora und sein Nirgend Haus. Wenn Momo die Quelle der Zeit kennen lernt und der Meister sie lehrt die Melodie der Lebens zu hören,. Wenn Momo vor der Unermesslichkeit der Zeit erschrickt bis Hora sie erkennen lässt, dass es ihr eigenes Herz ist, dessen Größe sie überwältigt. Wer möchte nicht in diesem Moment die Größe des eigenen Herzens sehen? Auch auf die Gefahr hin ob der möglichen Enge zu verzweifeln?

    Was finden sich hier für philosophische Schätze zwischen zwei Buchdeckeln. Michael Ende hat die Zeichen der Zeit erkannt und hält jedem von uns den Spiegel vor. Aus der Idylle wird das Grauen. Nicht umsonst sind es “graue Herren” die den Menschen ihren Lebenssaft rauben: die Zeit. “Täglich wurden im Rundfunk, im Fernsehen und in den Zeitungen die Vorteile neuer zeitsparender Einrichtungen erklärt und gepriesen, die den Menschen dereinst die Freiheit für das richtige Leben schenken würden”. So wird Gigi zum Lügner, der Geschichten plagiiert. So werden die Kinder zu “Lochkarten” die in Depots sicher verwahrt werden. So wird aus Beppo ein Fall für die Psychiatrie.

    Märchen enden gut, so ist die Regel. Auch hier. Die grauen Herren werden von dem kleinen Mädchen besiegt. Die Zeit kehrt in die Herzen der Menschen zurück. Momo kann ihre Freunde und sich selbst retten. Was ich als Kind nicht erkannte, nicht erkennen konnte, war der Umstand dass “Momo” auch den Leser retten kann. Leben kann man nicht irgendwann und die Zeit dafür lässt sich nicht ansparen. Wer die Größe hat auf sein Herz zu hören, wird darin die Melodie seines Lebens finden. Und hoffentlich auch manchmal darauf hören. Denn “Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen”.
Price, Lissa Starters / Callie Bd.1 EUR 15,99
  • Bewertung vom 11.04.2013
  • ****
    sehr gut
  • Callie Woodland lebt mit ihrem Bruder Tyler auf den Straßen von Los Angeles. Während der “Sporenkriege” haben sie beide Eltern verloren und leben nun als “Starter” ohne Angehörige vogelfrei in den heruntergekommenen Teilen der Stadt. Täglich auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf, Trinkwasser und ein wenig Nahrung aus Mülltonnen ist ihr Dasein zu einem immerwährenden Überlebenskampf geworden. Um dem lungenkranken siebenjährigen Medikamente, gutes Essen und ein Dach über dem Kopf bieten zu können, beschließt Callie einen Kontrakt mit der Firma Prime Destination einzugehen. Sie vermietet ihren Körper an deren Body Bank, die diesen gegen ein hohes Honorar an “Ender” vermittelt , die noch einmal für kurze Zeit jung und schön sein wollen.

    Lissa Price “Starter” erinnerte mich anfangs unwillkürlich an die “Tribute von Panem”, den Weltbestseller von Suzanne Collins. Auch hier ein Amerika in einer nicht näher definierten Zukunft. Auch hier das Land und die Menschen durch einen Krieg gespalten und zerstört. Auch hier auf der einen Seite bittere Armut und der Kampf ums tägliche Überleben und auf der anderen Seite unermesslicher Reichtum der kaum weiß wohin mit Geld, Zeit und Luxus. Auch hier ein sechzehnjähriges Mädchen, das sich tapfer für ein kleines Geschwisterchen aufopfert. Auch hier ein besonderes Auswahl- und Verschönerungsverfahren, für das die junge Callie dank spezieller Fähigkeiten besonders geeignet ist. Soweit die Parallelen.

    Während die Heldin der Tribute, Caitlin, bei den Hungerspielen ihren Tod billigend in Kauf nimmt, um das Überleben ihrer Familie zu sichern, ist bei Callie das genaue Gegenteil der Fall. Sie verpflichtet sich, ihren Körper für drei “Ausleihen” reichen “Endern” gegen ein immenses Honorar zur Verfügung zu stellen. Die Body Bank sichert ihr vertraglich zu, dass sie dadurch weder physische noch psychische Nachteile erleidet. Die Bezahlung wird ihr und ihrem Bruder ein sorgenfreies Leben bis zu ihrer Volljährigkeit gestatten. Danach hat sie legal wieder das Recht zu arbeiten.

    Anfangs beschreibt die Ich-Erzählerin ihren ersten Besuch in der Body Bank. Ebenso drastisch wie plastisch schildert Sie die Diskrepanz zwischen der dreckigen, hungrigen Göre von der Straße, die sich einen letzten Rest Würde bewahrt hat und den auf jung getrimmten Alten, die tatsächlich wie geldgeile Banker wirken. Nur das Sie auf “Körperkapital” aus sind. Auch die Darstellung wie aus Callie in einer Art “Menschenwaschstraße” ein perfektes Mietobjekt gemacht wird, verdeutlicht das erzählerische und fantasiebegabte Talent der Autorin. Am Ende der Prozedur ist Callies Schönheit makellos. Nach zwei unproblematischen “Mietreisen” (ermöglicht durch ein elektronisches Implantat am Hinterkopf) wacht die sechzehnjährige eines Abends auf dem Boden eines Nachtclubs auf , wo zu diesem Zeitpunkt eigentlich ihre “Mieterin” sein sollte.

    Callies Geschichte besticht durch unvorhergesehene Wendungen, Nervenkitzel und interessante Figuren. Die skurrile 125jährige übergewichtige Rhiannon, die im Körper der zierlichen Madison das Nachtleben unsicher macht ist so ein Beispiel. Bei der Beschreibung der technischen Raffinessen (sie kann sich ihre Lieblingsschauspieler per Knopfdruck zum Plausch ins Wohnzimmer holen) im Luxusdomizil der reichen Seniorin verschlägt es einem die Sprache. Oder die Waise Sarah, die in ihrer großmütigen Selbstlosigkeit trotz bitterster Armut und größtem Unrecht an eine Figur aus dem Charles Dickens Universum erinnert. Selbst die Romantik kommt nicht zu kurz. Callie verliebt sich in Blake, den ebenso gutaussehenden wie sensiblen Enkel eines einflussreichen Senators. Dieser setzt jedoch alles daran, die unpassende Partie loszuwerden.

    Das alles in einer gut lesbaren, leichtfüßigen Sprache und vor allem ohne nennenswerte Brutalität oder Blutvergießen. Price setzt atmosphärische Reize und spielt mit dem psychologischen Faktor. Sehr empfehlenswerter Erstling einer Autorin von der man gern noch mehr lesen will.
  • Bewertung vom 10.04.2013
  • ****
    sehr gut
  • “Diese Geschichte ist nicht schön, auch nicht sonderlich lustig. Sie handelt vom Machtmissbrauch gegen solche, die sich nicht wehren können. Gegen Tiere, aber auch gegen schwache Menschen”. So schreibt Nicola Förg in ihrem Nachwort zu “Mordsviecher”. In ihrem neusten Krimi hat Kommissarin Irmi Mangold es mit kranken Tiersammlern zu tun, sogenannten Animal Hoardern. “Es ist ein Krankheitsbild, bei dem Menschen Tiere in einer großen Anzahl halten, sie aber nicht mehr angemessen versorgen. Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege. Die Halter erkennen nicht, dass es den Tieren in ihrer Obhut schlecht geht”.

    Es scheint unglaublich, dass ausgerechnet der Daunenjackenhersteller Kilian Stowasser, der für “seine tierschutzgerechte Produktion” schon mit Preisen ausgezeichnet wurde, sich als ein solcher Tierquäler herausstellen soll. Und doch findet man den Erfolgsunternehmer tot in einem abgelegenen Gnadenhof. “Inmitten einer unüberschaubaren Anzahl von Tieren, die in einem erbärmlichen Zustand waren”. Unter anderem gehörten jede Menge giftige Reptilien zu den Schützlingen des Opfers. Für Irmi Mangold stellt sich nun die Frage ob es sich um “einen Unfall mit seinen giftigen Spielzeugen” handelte oder um einen perfide getarnten Mord.

    Der Beginn des Buches ist schwer zu verkraften. Als der Kollege Sailer seine Vorgesetzte auf den Gnadenhof ruft, bringt er nicht mehr als die hilflosen Worte heraus: “Sie müssen kommen. Sofort. I schaff des ned, und so was schafft sowieso keiner allein”. Irmi Mangold sagt später zur ihrer Assistentin Kathi: “Es klang wie aus der Hölle”. Und genau so liest es sich auch. Nicola Förg spart nicht mit drastischen Beschreibungen um den erbarmungswürdigen Zustand der Tiere deutlich zu machen. Mehr als einmal muss man den Kloß im Hals mit Tränen herunterschlucken. Der Autorin war es wichtig auf diesen Irrsinn aufmerksam zu machen. Das ist ihr gelungen.

    Trotz des grauenvollen Einstieges ist der gesamte Roman, wie immer bei Förg, von einer spannenden Handlung mit viel Verständnis für menschliche Schwächen geprägt. In kürzester Zeit sieht sich die Kommissarin einer Fülle potentieller Verdächtiger gegenüber. Die Bandbreite reicht vom Vorsitzenden des örtlichen Tierschutzvereins Max Trenkle (der Stowasser Betrug bei seiner tierschutzgerechten Produktion vorwarf) über die Journalistin Tina Bruckmann (die wegen kritischer Berichterstattung über Stowasser degradiert wurde) bis hin zu Veit Hundegger (einem Konkurrenten, dem Stowasser einen begehrten Preis und damit viele Aufträge weggenommen hat).

    Handlungsverlauf und Figuren sind interessant und hintergründig. Vom Ambiente bis zu den Dialogen ist alles stimmig. Man merkt, dass die Autorin weiß wovon sie schreibt. Sie beschreibt ihre Heimat und die Menschen die darin leben, mit ihren Stärken und Schwächen. Mit allen Macken, Eigenheiten, liebens- und verabscheuenswerten Eigenschaften. Das ist die besondere Stärke von Nicola Förg. Trotz des oft traurigen und belastenden Inhaltes ist das Buch gut zu lesen. Weil die Autorin es versteht das Leben, so wie es eben ist, zwischen Buchdeckeln zu verewigen: “Mal lustig, mal tragisch-komisch, mal traurig, mal irrsinnig”.
Siepen, Stefan aus dem Das Seil EUR 14,90
  • Bewertung vom 09.04.2013
  • ****
    sehr gut
  • Ein beschaulicher Abend im Spätsommer. Ein Bauer, die Pfeife im Mund, wandert zufrieden über die Felder die bald abgeerntet werden müssen. Die Dämmerung lässt den Tag zufrieden entschwinden. Auf der Wiese vor dem das Dorf umgebenden Wald findet der Bauer ein Seil im Gras liegen, das in leichten Windungen in den Wald führt und sich zwischen den Bäumen verliert. Daumendick und von guter Qualität. Wer lässt einen solchen Schatz achtlos liegen? Am Morgen des darauffolgenden Tages machen sich die ersten beiden Männer auf den Weg das Geheimnis des Seiles zu lüften bzw. sein Ende zu finden.

    Im Klappentext heißt es: “In einer glänzend geschriebenen Parabel schildert Stefan aus dem Siepen den Einbruch des Unbegreiflichen und Chaotischen in eine wohlgeordnete Welt. Eindringlich erzählt er von menschlicher Obsession und dem Verhängnis des Nicht-Aufhören-Könnens”. Eine Art Gleichnis also, das Fragen aufwirft, die zum Nachdenken anregen sollen. Die augenscheinlichste Frage im vorliegenden Fall ist sicher: “Wo endet das Seil bzw. wo kommt es her?“ Sie wird selbstredend nicht beantwortet, denn es geht ja um wichtigere Dinge. Den tieferen Sinn hinter dem Symbol. Die Suche nach dem Ende (oder dem Ursprung, je nachdem wie man es sehen will) und was diese Suche aus den betroffenen Menschen macht.

    Siepen lässt seine Figuren gnadenlos ins Verderben laufen. “Das Seil übte eine Wirkung auf sie aus, die stärker als ihr Wille war, sie hingen an ihm wie an einem klebrigen Faden eines Spinnennetzes, ohne Aussicht auf Entrinnen.“ Die ersten beiden Abenteurer kehren nach einer, für die Wartenden, unglaublich langen viertel Stunde zurück. Einer der beiden, der schöne und eitle Ulli, schwer verletzt. Der Angriff eines Wildschweins hatte die Suche beendet. Beide berichten den ungläubig lauschenden Zuhörern, dass Sie das Ende des Seiles nicht finden konnten. Am nächsten Tag machen sich alle Männer des Dorfes auf den Weg. Zurück bleiben Frauen, Kinder, Alter und Kranke sowie der unfähige, törichte Johannes, der als Quotenmann für Ruhe und Ordnung im Dorf sorgen soll.

    Basierend auf dieser Ausgangslage entwickelt Siepen sein Lehrstück. Die Suchenden sind “von dem Gefühl durchdrungen, etwas zu erleben, das in der Geschichte des Dorfes niemals da gewesen war. Das Seil zerrte die Bauern jetzt aus allem heraus, es weckte eine Sehnsucht in Ihnen, die bisher in unzugänglichen Bezirken der Seele verborgen war: ein Mal ihrer angestammten Kleinwelt zu entrinnen, die tausend Fäden, mit denen sie an Haus und Dorf gefesselt waren, lustig-irrsinnig zu kappen”. Eine sarkastische Metapher des Autors ausgerechnet anhand eines Seiles Fesseln zu lösen! Der verkrüppelte Lehrer Rauk, ein eloquenter Redner mit Klumpfuß, wird zum Führer der Gruppe. Wann immer die Moral der Truppe sinkt, erinnert er an die Wichtigkeit der Mission und bringt die Bauern dazu weiterzugehen. Ernte, Dorf, Familien und Verpflichtungen als zweitrangig gegenüber dem wichtigsten Ziel anzusehen. “Alle waren von seiner Beredsamkeit zugleich gefesselt und verwirrt: Es gab dies und das, was sie nicht vollkommen verstanden hatten, und doch waren sie sich sicher, dass er im Großen und Ganzen nur recht haben könne.”

    Die Stimmung der Zurückgebliebenen wechselt von angenehmer Spannung zu Ratlosigkeit. Angst, Schweigen und Unverständnis wechseln sich ab, bis ein Punkt erreicht ist an dem alle spüren “dass die Zeit gekommen war, dem verquälten Warten ein Ende zu machen, niemand wollte nur einen weiteren Tag so zubringen.” Während die Männer im Wald zunehmend verrohen und sich der Gewalt durch reine Gier hingeben, kämpfen die Dorfbewohner in existenzieller Not einen aussichtslosen Kampf gegen die Gewalt der Natur. Zu lesen wie und warum beide den Kampf verlieren ist in seiner Düsterheit fesselnd. Während die Dörfler aber zumindest ihre menschliche Würde bewahren, verlieren die Männer alles. Die Einzelheiten die dazu führen sind erbarmungslos und werden auch genau so geschildert. Des Nachdenkens wert.
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