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Benutzername: R.E.R.
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Insgesamt 283 Bewertungen
Bewertung vom 02.02.2016
Super Sarah
Saddlewick, A. B.

Super Sarah


sehr gut

Sarah ist der Unglücksrabe vom Dienst. Jede AG ihrer Schule die sie bislang besuchte, hat sie alsbald wieder verlassen. Ihre Aktivitäten standen bislang unter keinem guten Stern. In der Koch AG setzte sie aus Versehen die Eistorte in Brand, in der Poesie AG schaffte sie es während einer dramatischen Lesung alle Bücherregale umzuwerfen und in der Bogenschieß AG mussten nach ihrer ersten Stunde die Verletzten mit Salben und Verbände verarztet werden. Die Turmspring AG verlässt sie daher auch noch vor ihrem ersten Einsatz. Als ihre beste Freundin Kelly jedoch bei einem Wettkampf auf dem Turm erstarrt eilt Sarah ihr zur Hilfe und landet dabei unfreiwillig im Wasser. Ihr Flug wieder willen erregt großes Aufsehen und plötzlich findet sich Sarah in einer ganz neuen AG wieder.

A.B.Saddlewick, das Pseudonym des britischen Autors Tim Collins wie ich dem Internet entnehmen konnte, hat bereits mit der Serie um „Monster Mia“ großen Erfolg. „Super Sarah“ ist nun der Beginn einer neuen Serie für weibliche Leser in der Altersgruppe 8 – 10 Jahre. Mir hat dieser erste Band sehr gut gefallen. Er hat allerdings einige Längen.

Der Anfang ist gut. Sarah „fällt“ vom Sprungturm und erhält trotzdem Traumnoten. Es wird nicht so ganz klar, was eigentlich während des Falls passiert ist, aber es muss außergewöhnlich gewesen sein. Ihr Klassenkamerad Ben lädt sie daraufhin in die AG „Fliegen lernen“ ein, die sich als Superhelden Lernanstalt herausstellt. Sarah soll getestet werden um herauszufinden, was genau ihre Superkraft ist. Hier beginnt es dann langweilig zu werden. Denn bis zum spannenden Showdown am Schluss wird nicht klar, was Sarah nun so besonderes kann. Und Sarah selber wird nicht müde zu betonen, dass sie nie und nimmer über irgendwelche Superkräfte verfügt. Stets betont sie nur wie tollpatschig sie ist und stellt dies auch in schöner Regelmäßigkeit unter Beweis. Und das wird mit der Zeit langweilig, denn das Buch zieht sich über 185 Seiten.

Der Schluss hat mich dann wieder versöhnt, denn es ist wirklich spannend zu lesen, wie Sarah mit ihren Freunden der Superhelden AG das große Musik-Event am Wasserstauwerk vor dem Bösewicht „Tsunami“ rettet. Und schließlich wird ganz am Ende auch klar, was ihre besondere Fähigkeit ist. Und die ist so außergewöhnlich, dass man tatsächlich gespannt ist, wie die Serie weitergeht.

Ich hatte überlegt „Super Sarah“ zum Vorlesen in der Grundschule einzusetzen, in der ich als ehrenamtlicher Lesepate tätig bin. Davon bin ich jedoch abgekommen, als ich zu Hause eine Probelesung gemacht habe. Der Erzählfluss eignet sich nicht gut zum Vorlesen. „Super Sarah“ ist eindeutig ein Buch zum selber Lesen. Ich würde es für Mädchen ab etwa 9 Jahren empfehlen.

Bewertung vom 09.09.2015
Sommer wie Winter
Taschler, Judith W.

Sommer wie Winter


sehr gut

Auf die Frage nach seinem prägendsten Erlebnis aus der Kindheit, erzählt Alexander Sommer dem Therapeuten wie sein Freund Georg einen Frosch an Kreuz genagelt hat. „Geekelt hat's mich vor dem Brett mit dem Frosch drauf, mit den Nägeln darin. Und geekelt hat's mich auch vor dem Georg, aber gleichzeitig hat mich sein Verhalten so fasziniert. Ein oder zwei Jahre später, wollte ich auch einmal so was machen. Aus lauter Wut auf den Vater und die Mutter, aus Protest sozusagen. Aber ich habe es nicht zusammengebracht“.

Nach einem traumatischen Autounfall, bei dem Alexander und seine Halbschwester Manuela schwer verletzt werden, müssen sich alle Familienmitglieder einer psychologischen Betreuung unterziehen. Anhand der Gesprächsmitschriften erfährt man was die unbändige Wut des Jungen ausgelöst hat. Judith W. Taschner erzählt in Form dieser Protokolle die düstere Geschichte einer Familie, die nur nach außen harmonisch, zufrieden und glücklich war.

Alexander Sommer kommt Anfang der 1970er Jahre als Pflegekind zur Familie Winter. Diese betreibt in Tirol eine Gästepension. Statt den vollverwaisten kleinen Jungen zu adoptieren, macht der Vater aus ihm und seinem Namen eine Touristenattraktion: Sommer wie Winter! Um die Gäste bei Laune zu halten ist jeder Kalauer recht, auch wenn der sensible Junge sichtlich unter dem darunter leidet. Die Kinder, neben Alexander die drei leiblichen Töchter Anna, Martina und Manuela, werden ohnehin eher als billige Arbeitskräfte betrachtet und dementsprechend ausgenutzt. Alexander hat besonders unter der Lieblosigkeit seiner Pflegemutter zu leiden, die dagegen war ein fremdes Kind anzunehmen. Der Vater wollte unbedingt einen Sohn ins Haus holen. Doch auch er kann keine Gefühle für den Jungen entwickeln.

Taschner's Sprache ist einfach und darum umso eindringlicher. Die Sätze sind kurz und prägnant, die erinnerten Dialoge messerscharf. Für jedes Familienmitglied findet die Autorin einen Tonus, der die Figur unverwechselbar und spannend macht. Die resignierte Mutter, die rebellische Manuela, die abgeklärte Martina, die scheinheilige Anna, der traumatisierte Alexander. Alle Personen tragen durch ihre Aussagen Teile eines schrecklichen Geheimnisses zusammen, das letztendlich in dem tragischen Unfall sein Ventil und seinen Weg nach außen findet.

Mir hat das Buch meine örtliche Buchändlerin empfohlen und ich kann diese Empfehlung nur weitergeben. Es ist leichte Lektüre mit Tiefgang. Man kann das Buch flott herunterlesen. Es bietet aber dennoch genug Stoff zum Nachdenken. Wer das Buch gelesen hat, wird wohl im Urlaub demnächst auch seinen Suppenteller kritischer betrachten. Denn das eingangs erwähnte Scheitern beim Kreuzigen des Frosches hält den Jungen nicht davon ab, sich etwas anderes, nicht weniger schauriges, auszudenken.

Bewertung vom 06.09.2015
Schöne Seelen
Tingler, Philipp

Schöne Seelen


sehr gut

„Sah auch schon mal besser aus, mit ihrem letzen Gesicht.“ Es ist das reinste „Wortgift“, das Philipp Tengler in seinem Roman "Schöne Seelen" verspritzt. Oder eher sprachliches Botox. Denn zu Beginn haucht Millvina von Runkle ihr Leben in einer vornehmen Schönheitsklinik aus. Ihr Name ist nur eines der vielen schönen Wortspiele mit denen Tingler seine Protagonisten benennt. Runkle anstelle des englischen Rinkle (Falte): Millvina hat schließlich zeitlebens gegen ihre „rinkles“ und sonstigen Schönheitsfehler angekämpft, was sie nun das Leben kostet, denn die letzte Schönheits OP ist gründlich schiefgegangen. Ihr letzter Gedanke gilt dennoch ihrer Figur. Denn sie fragt, ob die Infusion "fett macht".

In dieser Spielart geht es munter weiter. Wortgewandt und ironisch seziert der Autor das Leben der Schönen und Reichen sowie deren „vermessene Versuche, die äußere Scheinwelt durch die innere Wunschwelt zu ersetzen“. Bitterböse Spitzfindigkeiten und ebenso spritzige, wie witzige Dialoge lassen das Buch zu einem echten Lesevergnügen werden. Die eine oder andere inhaltliche Länge sollte man einfach locker überlesen. Besonders amüsant fand ich den trockenen Humor der Hauptfigur, des Schriftstellers Oskar Canow. »Oskar, Liebes!«, rief sie während sie anhob, die Luft über Oskars Wangenknochen zu küssen. »Wo warst du, in Antibes? Du siehst fabelhaft aus!« »Danke«, erwiderte Oskar, »das ist ein originelles Kompliment für eine Begegnung in der Schönheitsklinik."

Originell ist auch dieser Roman. Wer beim Friseur nomalerweise die Gala liest, kann beim nächsten Mal „Schöne Seelen“ mitnehmen und vergleichen, wen er aufgrund der Beschreibungen wiederzuerkennen glaubt. Und sich darüber freuen, dass man nicht die Probleme der Menschen hat, die über zuviel Geld und zuviel Zeit verfügen dabei aber zu wenig sinnvolles zu tun haben.

Bewertung vom 30.07.2015
Funkenflieger
Falk, Rita

Funkenflieger


ausgezeichnet

„Mit der Liebe ist es wie mit dem Licht. Verliebtsein, das ist doch wie ein Feuerwerk. Sprühend und funkelnd und strahlend und hell. Wunderschön, aber eben leider auch sehr schnell vorbei. Eine kleine Kerze dagegen brennt schon viel länger. Am besten aber sind Energiesparlampen. Die brauchen zwar ein wenig Zeit, bis sie richtig leuchten, dafür verbrauchen sie wenig und geben viel Licht. Und genau so muss eine gute Ehe sein, verstehst du“.
Marvin, genannt Locke, versteht nicht, was der türkische Gemüsehändler ihm mit diesen Worten sagen will. Das liegt daran, dass er der falsche Adressat ist. Der Vater von Aicha will eigentlich an Kevin, den großen Bruder von Marvin appellieren, seine Tochter ihn Ruhe zu lassen. Ein Appell der zu spät kommt. Denn Aicha ist bereits schwanger und weder sie noch Kevin haben die Absicht ihre Liebe bzw. das erwartete Kind aufzugeben.
Rita Falk, bekannt und berühmt durch ihre „Eberhofer“ Krimis hat nachgelegt. Nach „Hannes“, dem ersten Roman der sich nicht um Mord und Totschlag in Niederkaltenkirchen drehte, hat sie nun wieder eine Geschichte aus dem „normalen“ Leben geschrieben. Und Sätze, wie die eingangs zitierten, sind es die diese Autorin so besonders machen. Denn die „Energiesparlampe“ fliegt dem türkischen Vater am Ende um die Ohren. Ich will hier nicht zuviel verraten, aber es ist eine dieser legendären „Falk-Stellen“, die einen erst einmal zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen. Wie so vieles in diesem Buch.
Die Familie von Marvin ist „erbärmlich“. So bezeichnet es der Ich-Erzähler zumindest selbst. Die Mutter Elvira, alleinerziehend und arbeitslos, hockt den ganzen Tag auf dem Sofa. Sie gibt sich ihren Depressionen hin und hat keine Ahnung vom Leben ihrer Söhne. Zum Beispiel das Robin, der mittlere Bruder, in die Fänge falscher Freunde geraten ist, die ihn erpressen und terrorisieren. Oder das der sonstige Vorzeigesohn Kevin in großen Schwierigkeiten steckt. Er steht kurz vor dem Abitur, seine minderjährige Freundin ist schwanger und ihre Eltern drohen damit, sie in die Türkei abzuschieben, wenn sie sich nicht von dem Kind und dem dazugehörigen Erzeuger verabschiedet.
Eine vertrackte Ausgangssitution die Rita Falk in gewohnt humorvoller Weise entspannt. Schicksalsschläge und Katastrophen führen bei ihr nicht zu noch mehr Elend, sondern aus so manchem „Schlechten“ erwächst bei ihr Gutes. Aus Hass wird Freundschaft, aus Depressionen neuer Lebensmut. Das dies nicht von allein geht versteht sich von selbst. Und so bevölkern auch diesen Roman jede Menge liebevoll skizzierte Originale. Wie der dicke Kunstlehrer Conradi, der im Unterricht nicht nur die Liebe zur Malerei vermittelt, sondern seinen Schülern auch im richtigen Leben zur Seite steht. Oder die Krankenschwester Annemarie und ihr Bruder, der Polizist. Ein resolutes Geschwisterpaar, das nicht nur die träge Elvira auf Vordermann bringt.
„Funkenflieger“ hat mir zwar nicht so gut gefallen wie „Hannes. Locke erinnert sprachlich sehr an Franz Eberhofer. Diese Sprache passt aber, wie ich finde, nicht zu einem Sechzehnjährigen. Dazu kommt, dass die Geschichte sehr in Richtung „Friede, Freude, Eierkuchen“ tendiert. Oder besser in Richtung Eierlikörkuchen. Denn das eine Krankenschwester, die Vollzeit arbeitet, Zeit hat täglich einen Kuchen zu backen um damit jeden Nachmittag eine sozial benachteiligte Familie zu beglücken, ist wohl eher Wunschdenken als realistisch.
Sei's drum. „Funkenflieger“ ist auf jeden Fall ein einfühlsamer Roman indem Rita Falk einmal mehr ihr Gespür für Menschen und Geschichten unter Beweis stellt. Gutes Ende inklusive. Und davon kann man schließlich nie genug haben.

Bewertung vom 30.05.2015
Alles Liebe vom Tod / Inspector Wexford Bd.1 (eBook, ePUB)
Rendell, Ruth

Alles Liebe vom Tod / Inspector Wexford Bd.1 (eBook, ePUB)


sehr gut

Am 2. Mai dieses Jahres ist Ruth Rendell im Alter von 85 Jahren in London gestorben. Für mich ein Grund zu meinen alten Inspektor Wexford Krimis zu greifen um mich dieser großartigen Schriftstellerin lesend zu erinnern. Die Fälle des Kommissars aus dem fiktiven Ort Kingsmarkham in der englischen Grafschaft Sussex, gehörten Anfang der 1990er Jahre zu meiner bevorzugten Lektüre. In meinem Bücherregal stehen fast alle Bände dieser Reihe, bunt durcheinander gelesen vor über über zwanzig Jahren. Jetzt habe ich beschlossen diese noch einmal zu Lesen. Und zwar in der Reihenfolge des Erscheinens. „Alles Liebe vom Tod“ also, einen nach dem anderen.
„From Doon with Death“ erschien 1964 und war Ruth Rendells erster Kriminalroman. Man merkt dem Roman seine Jahre an. Im guten Sinne, wie ich finde. Man hat das Vergnügen neben der spannenden Frage „whodunnit“ ein zeithistorisches Dokument zu lesen. Ruth Rendell schreibt nicht über diese Zeit, sondern steckt beim Schreiben mitten darin. Mehr Authentizität geht nicht.
Die Spurensuche des britischen Ermittlerduos wirkt heute natürlich antiquiert. Aufwändige Spurensicherungen, DNA Tests, pathologische Untersuchungen oder sonstige moderne Hilfsmittel sind hier nicht zu finden. Die Lösung des Falles gelingt ohne technischen Firlefanz. Eine Kiste mit wertvollen Büchern, Klassikern der Weltliteratur, stellt sich als Schlüssel heraus dem ein, für die damaligen Verhältnisse, gesellschaftliches Tabu zu Grunde liegt. Hier zeigt sich, wie ich finde, wie weit Ruth Rendell ihrer Zeit voraus war. Sowohl was Thematik als auch die Mittel betrifft. Ihr Erstling mündet in dem Satz: „Ein Provinzpolizist hatte verstanden, ohne zu lachen und ohne sich abgestoßen zu fühlen.“ Wexford ist mit diesem Provinzpolizisten gemeint und spätestens jetzt ahnt man, welche psychologische Tiefe die Romane im Laufe der Jahre noch erlangen werden.
Dazu kommt der idyllische Schauplatz. Nur zu gerne geht man mit den beiden Kommissaren zum Essen ins feudale „Olive and Dove“ (auch wenn einen die Speisenauswahl manchmal schaudern lässt; Ente und Rotkraut bei 30° im Schatten gefolgt von gedecktem Apfelkuchen und Kaffee mit Kondensmilch!) oder auf ein Pint ins „Carousel“. Ruth Rendell legt Wert auf Details. Häuser, Straßen, Geschäfte, Bars, Restaurants und Sehenswürdigkeiten. Alles wird bildhaft geschildert. Es war und ist für mich „anheimelnd“ der Verbrecherjagd in Kingsmarkham und Umgebung zu folgen. Je mehr man liest, desto heimischer fühlt man sich. Eine Affinität zum britischen Landleben mal vorausgesetzt.
Es steckt viel in diesem Erstling. Vor allem das Vermögen menschliche Handlungsweisen klug zu erfassen und sprachlich elegant aufzuzeigen. Nicht die Suche nach dem Täter steht im Fokus, sondern die Umstände die zur Tat geführt haben, auch wenn diese seltsam aus der Zeit gefallen scheinen.Das Aufzeigen menschlicher Tragödien ist ohnehin zeitlos. So wie die Kunst Ruth Rendells.
Wer will kann mir folgen zum zweiten Band der Reihe. In „Mord ist ein schweres Erbe“ muss Inspektor Wexford zu seinem „ersten Fall“ zurückkehren. Ein Mord dessen Unheil noch Jahre später streut, obwohl der Täter bestraft und das Opfer gesühnt wurde. Die Rezension demnächst hier!

Bewertung vom 30.05.2015
Mord ist ein schweres Erbe / Inspector Wexford Bd.2 (eBook, ePUB)
Rendell, Ruth

Mord ist ein schweres Erbe / Inspector Wexford Bd.2 (eBook, ePUB)


sehr gut

„A new lease of Death“ ist Ruth Rendells zweiter Fall für Inspektor Wexford. Salopp übersetzt „ein aufgefrischter Todesfall“. In Deutschland wurde der 1969 erschienene Krimi unter dem Titel „Mord ist ein schweres Erbe“ auf den Markt gebracht. Beides kommt dem Inhalt nah. Es ist tatsächlich ein Todesfall der, wieder aufgerollt, das Erbe eines Nachkommen erleichtern soll. Es geht jedoch nicht um finanzielle Hinterlassenschaften sondern um genetische Vererbung. Fließt zwangsläufig böses Blut in den Adern der Tochter eines verurteilten Mörders?
Chief Inspektor Wexford ist sicher vor 15 Jahren den richtigen Täter gefasst zu haben. „Es gab nichts Rätselhaftes an dem Fall. Painter war es, keine Frage.“ Dennoch muss sich Wexford erneut mit dem Mord an Rose Primero befassen. Die alte Dame war von ihrem Hausangestellen brutal erschlagen und beraubt worden. Mr. Archery, ein anglikanischer Priester und Freund von Wexfords Vorgesetzten, bittet darum die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Er hat begründete Zweifel an der Täterschaft Painters. Ist Wexford tatsächlich ein so folgenschwerer Fehler unterlaufen?
So gern man Archery Uneigennützigkeit zu Gute halten möchte, die Motivation des Gottesmannes den alten Mordfall wieder auszugraben sind rein persönlicher und leider nicht eben sympathischer Natur. Sein Sohn möchte die Tochter des damaligen Mörders heiraten. Archery fürchtet um seinen Ruf in der Gemeinde. Dazu kommt die diffuse Angst vor blutrünstigen Enkeln die von der genetisch nicht einwandfreien Schwiegertochter geboren werden könnten. In dem beschaulichen Krimi geht es dann aber nicht um Genetik. Es ist auch nicht die Arbeit des Ermittlerduos Wexford und Burden die man verfolgt. Vielmehr begleitet man den Pfarrer auf seinem Weg Versäumnisse in der Arbeit Wexfords zu finden.
Archery hat sich im sommerlich heißen Kingsmarkham eingenistet hat und sucht dort nach Spuren. Dabei lässt er sich alle Zeit der Welt. So könnte man auch das Tempo und die Stimmung des Romans beschreiben. Lethargische Hitze. Es gibt zwar kaum Spannung in der Handlung, trotzdem habe ich mit gespannter Aufmerksamkeit gelesen. Das liegt an den interessanten Figuren, die Rendell mit diversen kleinen und größeren persönlichen Problemen (um nicht zu sagen „Macken“) ausstattet.
Kann Roger Primero, der Enkel des damaligen Opfers, mit seinen blutunterlaufenen Augen und dem neureichen Gehabe wirklich unschuldig sein? Was verbirgt die berechnende Nachbarin Mrs. Crilling, deren Stimmungsschwankungen bizarr und verstörend sind? Was weiß Alice, die traumatisierte Tochter von Mrs. Crilling, über die Ereignisse? Kann dieses Wissen, das sie mit Drogen und Alkohol unter Kontrolle zu halten versucht, jemandem gefährlich werden? Fragen denen sich Rendell aus den Blickwinkeln verschiedener Figuren nähert. Das macht den Reiz des Krimis aus und zeigt die Kunst der Autorin sich in unterschiedlichste Charaktere einzufühlen.
Auf die eingangs gestellte Frage, findet Ruth Rendell eine Lösung, die man lange vor dem Ende erahnen kann. Das tut dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch. Es ist nicht wirklich die Frage nach dem wahren Mörder die hier die wichtigste Rolle spielt, sondern die nach dem eigenen Selbst. Nicht nur für Patrick und Tess, dem Möchtegern Brautpaar, steht einiges auf dem Spiel. Besonders Archery, der Schwiegervater in spe, wird von den Ereignissen überrollt und in einen seltsamen Bann geschlagen. Beinahe verliert er sich darin. Die Stärke des Buches liegt darin, ihn (und somit auch vom Leser) über dem Abgrund kreisen aber nicht hineinstürzen zu lassen.

Bewertung vom 21.03.2015
Die sieben Spiegel der Lady Frances
Arnim, Elizabeth von

Die sieben Spiegel der Lady Frances


ausgezeichnet

Ein handfester Beweis für einen Bestseller, ist die Verfilmung desselben. Hohe Verkaufszahlen erfreuen den Verleger und das eigene Bankkonto. Ein Staraufgebot, “nach dem Roman von” auf Zelluloid gebannt, hebt einen Schriftsteller in den Olymp. Elizabeth von Arnims letztes Buch “Die sieben Spiegel der Lady Frances” ist ein solcher, heute leider fast in Vergessenheit geratener, Bestseller des vergangenen Jahrhunderts. Erschienen ein Jahr vor dem Tod der berühmten “Garten-Gräfin” 1940, kam der Film “Mr. Skeffington” bereits 1944 in die Kinos und bescherte Bette Davis in der Hauptrolle eine Oscar Nominierung.

Lady Frances Skeffington war einst eine gefeierte Schönheit. Jetzt, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, ist von dieser Schönheit nicht mehr viel übrig. Die zierliche Blondine ist, nach schwerer Krankheit, nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Zu allem sichtbaren Übel gesellt sich auch noch eine überreizte Phantasie. Sie bildet sich ein ihren geschiedenen Mann zu sehen. Der eilig konsultierte Nervenarzt rät dazu, eben jenen Hiob wieder real in ihr Leben zu holen. Ihn sozusagen als Ehemann zu recyceln. Ein Rat, der die empörte Fanny aus der Praxis stürmen und ihre Verehrer von einst wieder aufsuchen lässt, um sich dort Hilfe zu suchen.

Elisabeth von Arnims letztes Buch ist zwar ein Roman, könnte aber ebenso gut als autobiographisches Dokument der “Männer ihres Lebens” durchgehen. Denn auch hier, wie in all ihren Werken, spiegelt das Buch Erlebnisse die eng mit dem Leben der Autorin verknüpft sind. “Sätze werden der Fünfzigjährigen mit dem Herzen einer Dreißigjährigen und allen äußeren Merkmalen einer weit Älteren (nämlich denen ihrer gut siebzig Lebensjahre zählenden Schöpferin) in den Mund gelegt, die wirklich Fünfzigjährigen Schauder des Entsetzens über den Rücken jagen. Hat man sich allerdings vom ersten Schock erholt, so verspricht das Buch einen Lesespaß der ganz besonderen Art”. So beschreiben es Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck in ihrer von Arnim Biographie. Und sie haben Recht.

Elisabeth von Arnim zieht Bilanz. Was macht das Leben aus? Männer, Reichtum, Schönheit? Gerade dieser letzten Problematik widmet sie sich schonungslos und offen. Wo heute mit Botox, Straffungen und Facelifts Falten, Altersflecken und sonstigen Makeln zu Leibe gerückt wird, gab es in den 1940er Jahren weit weniger Möglichkeiten den nagenden Zahn der Zeit äußerlich unkenntlich zu machen. Ich gehe davon aus, dass von Arnim wusste wovon sie schreibt, wenn sich ihre Lady in die kundigen Hände von “Hèlenes Spezialbehandlung” begibt. Aber mehr als ein bisschen dekorative Kosmetik um die schlimmsten Falten zu überdecken, wird es wohl nicht gewesen sein. Weshalb Fanny an einer Stelle seufzend bemerkt: “Ehemänner mussten in guten und bösen Tagen zu einem halten, egal ob man Runzeln hatte oder eine glatte Haut.”

Dass Fanny ob ihrer ständigen Besorgnis um ihr Aussehen nicht oberflächlich wirkt, liegt an der Art die von Arnim ihr verleiht. Es ist Humor und Selbstironie, die diese Frau so sympathisch macht. Vor allem im Hinblick auf die männlichen Ex-Liebhaber des Buches, die sich allesamt als Luftnummern entpuppen. Der selbstgefällige Lord, der seine Bequemlichkeit und das Leben mit einer einfältigen Frau vorzieht. Der Geistliche, der ihre Seele durch Entmündigung retten will. Der Rechtsanwalt, der ihr rät sich mannhaft alleine um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Der Student , der lieber eine dralle Kommilitonin küsst und der heruntergekommene Gigolo, der sie heiraten will, um mit ihrem Geld seine Schulden zu zahlen.

Fanny erkennt dass das Interesse dieser Männer nur ihrer Schönheit galt und sie ihnen nicht nachtrauern muss. Sie lernt, dass ihre wahre Schönheit in ihrer reinen, kindlich unschuldigen Seele liegt. Als Hiob am Ende wiederkommt, verarmt und zermürbt von der Verfolgung in Deutschland, ist er als Einziger in der Lage dies zu erkennen, obwohl oder gerade weil er blind ist.

Bewertung vom 18.03.2015
Jagd / Annika Bengtzon Bd.10
Marklund, Liza

Jagd / Annika Bengtzon Bd.10


sehr gut

Ingemar Lerberg wird übel mitgespielt. Der Ex-Vorsitzende der schwedischen Bibelpartei wird in seinem Haus in einem schmucken Vorort von Stockholm brutal überfallen. Wer hat den Mann, der sich seit einem Steuerskandal aus der Politik zurückgezogen hatte, so zugerichtet? Warum hat er vor dem Überfall seine drei kleinen Kinder zu seiner Schwester gebracht? Und wo ist seine Frau Nora? Nicht nur die frischgebackene Kommissarin Nina Hoffmann stellt sich diese Fragen. Auch Annika Bengtzon, der hartnäckigen Reporterin des Abendblattes, lässt dieses rätselhafte Verbrechen keine Ruhe.

Liza Marklund erzeugt von der ersten Seite an Spannung. Anders als die ahnungslosen Reporter weiß der Leser das Lerberg gefoltert wurde um den Aufenthaltsort seiner Frau Nora preiszugeben. Was hat es mit dem Verschwinden dieser Frau auf sich, dass Profikiller ihren Mann fast zu Tode quälen um den Aufenthaltsort einer typischen Hausfrau und Mutter herauszufinden? Wobei die Betonung auf “fast zu Tode quälen” liegt. Denn so ist “die Titelseite, die den Mann etwas voreilig bereits für tot erklärte” natürlich obsolet. Was Annika Bengtzon ihrem Nachrichtenchef gegenüber zu der provokativen Frage veranlasst: “Sollen wir jemanden ins Söder-Krankenhaus schicken und ihn abmurksen lassen?. Derart bissige Kommentare behält sich Marklund jedoch nur für besonders unliebsame Zeitgenossen vor.

Ansonsten ist der Krimi wohltuend menschlich, einmal abgesehen von den sehr deutlich beschriebenen Folterszenen. “Jagd” ist für mich einer der besten aus der Annika Bengtzon Serie. Das liegt zum einen an den interessanten Themen die Marklund im Rahmen der Ermittlungen abhandelt. Sie gewährt Einblick in die schwedische Parteien- und Politikstruktur, schildert die Uniformität der privilegierten “Latte-Macciato-Mütter“, regt das Nachdenken über ethische Grundsätze von Internetforen und Blogs an und schafft es in einigen kurzen Sätzen vielschichtige soziale Probleme verständlich anzureißen. Zum Beispiel in Form einer Artikelserie die Annikas Kollegin Berit “über die neue schwedische Unterschicht“ schreibt.

Interessanter jedoch fand ich das zum ersten Mal, wie ich meine, ein literarischer Vergleich zugrunde liegt. Mir fiel erst im Laufe der Handlung auf, dass der Name Nora für die Frau von Lerberg wohl nicht zufällig ausgewählt wurde. Ich denke hier wird auf “Nora” von Henrik Ibsen angespielt. Diese große Frauenfigur des norwegischen Schriftstellers verlässt (vereinfacht dargestellt) Mann und Kinder, weil sie erkennt, dass sie von ihrem Mann keinen Rückhalt zu erwarten hat, obwohl sie ihm einst das Leben rettete. Sie verlässt das Haus und geht in eine ungewisse Zukunft. Was heute nicht weiter spektakulär klingt, war zu Zeiten der Uraufführung des Theaterstückes im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Skandal, der die Grundfeste der Gesellschaft erschütterte. Anfangs beispielsweise durfte das Ende des Stückes auf der Bühne gar nicht gezeigt werden. Eine solche Empörung wird Marklunds “Nora” nicht auslösen. Für mich scheint aber offenkundig, dass die Autorin hier “Anleihen” genommen hat. Das finde ich bemerkenswert gut, denn es zeigt die zeitlose Aktualität der Stoffe, des berühmten norwegischen Dramatikers.


Für regelmäßige Leser der Serie sei noch erwähnt, dass die Handlung wie gewohnt an den letzten Fall anschließt und wie immer auch “alte Bekannte” auftauchen. Die Kriminalkommissarin Nina Hoffmann, die bereits im Krimi “Lebenslänglich” aus dem Jahr 2010 mit Annika Bengtzon ermittelte, ist wieder mit von der Partie. Annikas Ex-Mann Thomas kämpft nach seiner traumatischen Entführung in Nairobi mit den Nachwirkungen. Ihm wurde im letzten Fall die linke Hand abgehackt und er kann sich nach wie vor nicht an die Prothese gewöhnen. Innerlich zerfrisst ihn der Hass auf seine Ex-Frau. Annika hatte ihn nach seiner Freilassung verlassen. So gibt es auch im Privaten viel interessanten Lesestoff.

Bewertung vom 02.02.2015
Stark für einen Tag
Kirkegaard, Ole Lund

Stark für einen Tag


sehr gut

Ivan Olsen ist klein, dünn und schwach. Er kann nicht auf Bäume klettern, nicht Fahrrad fahren, nicht Fußball spielen und Buchstaben sind für ihn wirre Ameisenkleckse. Selbst weit spucken kann er nicht. Täglich wird er von den großen Jungs an seiner Schule getriezt. Sie verprügeln ihn oder verpassen ihm eine Ladung “Hosenwasser”. Seine Eltern sind ihm auch keine große Hilfe. Sein Vater nennt ihn so gar “Gummi Tarzan”. Eines Tages begegnet Ivan einer Hexe und darf sich etwas wünschen. Er denkt sich einen so großen aus, dass die Wunschkraft nur für einen, ganz besonderen, Tag reicht.

Ich bin über das Titelbild auf das Buch gekommen. Die Illustration der beiden schrägen Typen erinnerte mich stark an die beiden Ganoven aus Astrid Lindgrens “Pippi Langstrumpf”: Donner Karlsson und sein Freund Blom. Ich fing noch in der Buchhandlung zu Lesen an und dachte mir, dass könnte etwas zum Vorlesen für meine Grundschulkinder sein.

“Stark für einen Tag” ist ein Kinderbuchklassiker aus Dänemark, aus den frühen 1970er Jahren. Ein wunderbares Beispiel dafür wie Literatur für Kinder damals funktionierte. Weitab von “politischer Korrektheit” und des “pädagogischen Zeigefingers” wird hier herrlich subversiv erzählt. Die Geschichte eines Jungen, der “eigentlich” ein “armes Opfer” ist, dies aber so gar nicht akzeptiert und daher “eigentlich” so gar nicht bemitleidenswert wirkt.

Ole Lund Kirkegaard stattet seinen Helden mit drei Dingen aus, die es ihm ermöglichen unbeschadet zu bleiben. Einer schier unerschütterlichen Gelassenheit, Sinn für Humor und einem gesunden Selbstbewusstsein (trotz aller Niederlagen und Demütigungen). Wenn die großen Jungs ihn erniedrigen, schreit er sie an und er verlässt den Ort seiner Schmach aufrecht, auch mit Hosenwasser. Wenn sein Vater ihn zu Hause einen Schwächling nennt und ihn drängt selber gewalttätig zu werden, antwortet er ganz schlicht das er das nicht könne und schlendert entspannt von dannen. Diese Lockerheit hat mir besonders imponiert. Ivan lässt sich nicht verunsichern und nicht aus der Ruhe bringen.

Durch den Wunsch, dem ihm die Hexe erfüllt, wendet sich sein Schicksal für einen Tag. Alles was ihm bisher misslang, funktioniert nun ausgezeichnet. Plötzlich kann er seine Peiniger in Schach halten, seinen Lehrer beeindrucken aber auch seinem rechthaberischen Vater eine Lektion erteilen. Am Ende bleibt zwar alles wie bisher, aber diesen einen Tag kann ihm niemand mehr nehmen. “Carpe diem” in seiner besten Form sozusagen.

An anderer Stelle las ich in einer Kritik die Frage, was eigentlich der “Sinn” dieser Geschichte sei? Auf was der Autor hinauswolle? Beginn und Ende seien schließlich von Hoffnungslosigkeit geprägt, da sich für den “armen” Ivan ja nichts ändere. Mir fehlt dieser sogenannte “Sinn” nicht. Gerade die “Sinnlosigkeit” macht das Buch für mich besonders. Es macht auch keinen “Sinn”, dass ein Mädchen mit Superkräften allein in einer Villa am Stadtrand lebt und ein Pferd auf der Veranda hat (um bei der eingangs erwähnten Pippi Langstrumpf zu bleiben). Es ist wohl gerade dieser “Unsinn” der Kinder begeistert und dazu führt, dass die Werke von Ole Lund Kirkegaard noch immer gern gelesen werden und zwar nicht nur in Dänemark.

Bewertung vom 27.01.2015
Eine Handvoll Worte
Moyes, Jojo

Eine Handvoll Worte


sehr gut

Bestseller von Yoyo Moyes sind für mich typische “Bahnhofsbücher”. Das heißt, wenn ich kurz vor der Abfahrt zu einer längeren Zugfahrt noch dringend ein Buch brauche, damit mir auf der Fahrt nicht langweilig wird, kann ich ohne zu zögern in der Bahnhofsbuchhandlung zugreifen. Mit einem Schmöker der britischen Autorin liegt man (wie ich meine) immer richtig, wenn man eine Geschichte für Herz und Verstand sucht, ohne den letzteren zu sehr anstrengen zu müssen.

Als ich “eine Handvoll Worte” in unserer örtlichen Bücherei auslieh, überreichte mir die Bibliothekarin das Buch allerdings mit den Worten: “Ich bin ja gespannt, ob es dir gefällt. Ich kam einfach nicht in die Geschichte hinein!” Als ich das Buch nach einigen Tagen wieder zurückbrachte, traf ich an der Eingangstür eine Bekannte. Sie sah das Buch unter meinem Arm und fragte wie es mir gefallen habe. Sie selber sei “einfach nicht in die Geschichte hineingekommen”. Keine der beiden konnte jedoch erklären, was gestört hat. Das machte mich stutzig.

Ich selber habe das Buch in einem Rutsch gelesen und es hat mir gefallen. Ich bin problemlos in die “Geschichte hineingekommen”. Ellie eine aufstrebende Journalistin hat eine Affäre mit einem verheirateten Bestsellerautor. Die unabhängige und beruflich erfolgreiche Frau, wünscht sich sehnlich eine feste Beziehung mit ihm, ist sich aber seiner Gefühle nicht sicher. Ausgerechnet in dieser verzwickten Situation findet sie, im Rahmen einer Recherche, einen vierzig Jahre alten Liebesbrief, dem auch eine verbotene Liebe zugrunde liegt. Diese wird nun vor dem Leser ausgebreitet.

Jennifer, eine verheiratete Frau, die aufgrund eines schweren Verkehrsunfalls ihr Gedächtnis verloren hat, kämpft sich mühsam in ihr Leben zurück. Was ihr, nicht nur im übertragenen Sinne Kopfschmerzen macht, ist die Tatsache, dass sie ihren besorgten Ehemann nicht zu lieben scheint. Langsam beginnt sie sich zu erinnern. An ihre große Liebe zu einem fremden Mann, der sie anscheinend immer noch liebt.

Interessanter als die Liebesgeschichte, fand ich den Stoff der dahintersteckt. Nur allzu leicht vergessen wir, in welch freien Zeiten wir leben. Heutzutage wird niemand mehr schuldig geschieden. Frauen sind berufstätig, verdienen ihr eigenes Geld und können, Dank vielfältiger Verhütungsmethoden, entscheiden, ob und wann sie ein Kind bekommen. Jenni hat diese Wahl in den 1960er Jahren nicht.

Sie wird als junges Mädchen mit einem älteren Mann verheiratet, weil er eine gute Partie und ihrer Kreise würdig ist. Sie wurde dazu erzogen, eine schöne Fassade zu bieten. Das sie als Frau auch über Intelligenz und eine eigene Meinung verfügt, interessiert niemanden. Am wenigsten ihren Ehemann, der sie offen zurechtweist, wenn sie doch einmal wagt den Mund zu öffnen. Jenni weiß dass, wenn sie ihren Ehemann verlässt, sie alles verliert. Dennoch wagt sie den Schritt. Mit fatalen Folgen.

Der Handlungsbogen reicht von den Swinging Sixties bis in das London der heutigen Zeit. Zusätzliche Spannung zieht der Roman durch die berufliche Tätigkeit von Jennis Ehemann. Seine Firma verarbeitet und handelt mit Asbest. Eine der tragischen Komponenten die den Erzählverlauf dramatisch erhöhen.

Als ich das Buch zurückbrachte erzählte ich einer anderen Bibliothekarin, die den Roman noch nicht gelesen hatte, von den beiden eingangs erwähnten Gesprächen. Sie meinte der Grund für das “nicht hineinkommen“ könne an den verschiedenen Handlungssträngen liegen. Diese seien für viele Leser oft verwirrend. Moyes dualer Handlungsverlauf ist jedoch (wie ich meine) gut verständlich und sehr stringent erzählt. Am Ende bringt sie beide Teile auch nonchalant zusammen. Das Leben und Lieben der beiden Frauen ist auf jeden Fall mehr als eine “Handvoll Worte”.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.