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Bewertungen

Insgesamt 151 Bewertungen
Bewertung vom 26.04.2017
Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution
Wensierski, Peter

Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution


ausgezeichnet

Lebendig erzählte deutsche Geschichte

Peter Wensierski hat als Journalist über die DDR, speziell über die wachsende Opposition berichtet. Nach eigener Aussage hat ihn fasziniert, dass auf den Fotos und in Filmbeiträgen von den Demonstrationen in Leipzig 1988/89 immer wieder eine Gruppe junger Menschen in der ersten Reihe zu sehen war. Ihre Geschichte wollte er kennenlernen, und nach umfangreichen Recherchen und nächtelangen Interviews hat er viel Material zusammen getragen, und in diesem Buch die Geschichte der jungen Bürgerrechtler aufgeschrieben.
Die Rebellion vor dem später Wende genannten Zusammenbruch der DDR wird hier aus der Sicht junger Leipziger geschildert, die auf die Straße gingen, nachdem sie sich zuvor bei erfolgreichen Widerstandsaktionen den nötigen Mut geholt hatten. Die Protagonisten hatten nach eigener Aussage die Nase voll davon, eingesperrt zu sein. Sie lebten in besetzten Häusern im maroden Leipziger Osten, trafen sich in Hinterhöfen, diskutierten die Nächte durch. Untergrundzeitungen zirkulierten, es wurden Druckereien für Flugblätter eingerichtet, oder die Infrastruktur befreundeter Pastoren genutzt.
Die verschiedenen Gruppe vernetzten sich, provozierten die Staatsmacht und machten eine politische Radikalisierung durch. Die später berühmt gewordenen Treffen in der Nikolaikirche waren die Keimzelle, die jungen Leute eroberten sich die Straßen von Leipzig, und brachten mit Gleichgesinnten in der ganzen DDR das System schließlich zum Einsturz.
Die Rolle der Gruppen in Leipzig sollte nicht zu hoch angesetzt werden, aber für das Zusammenbrechen der kommunistischen Diktatur hatte die Messestadt mit ihrer besonderen Bedeutung für den Handel und das internationale Ansehen der DDR schon eine herausgehobene Bedeutung. Der Autor schildert auf wunderbar lebendige Weise das damalige Geschehen. Man erinnert sich an die Fernsehbilder und Zeitungsberichte, die man im Westen zur Kenntnis genommen hat.
Das Verständnis wird durch einen Stadtplan von Leipzig erleichtert, auf dem die wichtige Orte eingezeichnet sind. Ein Abspann schildert das Schicksal der Protagonisten nach dem Ende der DDR, und in einem Glossar werden Begriffe erläutert, die vor allem den westdeutschen Lesern nicht unbedingt geläufig sind. Schade ist, dass die eingehende Schilderung mit dem Musikfestival im Sommer 1989 endet. Das eigentliche Zusammenbrechen des Staates nach dem 40. Jahrestag der DDR-Gründung wird nur noch in einer kurzen Zusammenfassung geschildert. Dennoch ein wirklich informatives Buch, mit einem authentischen Blick hinter die Kulissen der damaligen Bürgerechts-Bewegung in Leipzig. Für politisch und historisch interessierte Leser ein Pflichtlektüre!

Bewertung vom 21.04.2017
Das Mädchen aus dem Norden / Profilerin Sasza Zaluska Bd.1 (2 MP3-CDs)
Bonda, Katarzyna

Das Mädchen aus dem Norden / Profilerin Sasza Zaluska Bd.1 (2 MP3-CDs)


sehr gut

Spannend - aber schwierig zu hören

"Das Mädchen aus dem Norden" von Katarzyna Bonda ist ein spannender Kriminalroman. Mehr als gewöhnungsbedürftig waren beim Hören allerdings die Namen, vor allem, weil die Autorin ein großes Personal-Tableau gestaltet hat. Nicole Engeln und Martin Bross machen als Sprecher einen guten Job, aber es dauert einige Zeit, bis man die Figuren und ihre Bedeutung für die Geschichte sortiert hat.
Die Profilerin Sasza Zauska ist die zentrale Protagonistin des Thrillers. Sie hat ein enges Verhältnis zu ihrem früheren Dozenten in England, der sie auch gerne da behalten hätte. Aber sie will mit ihrer Tochter in ihrer Heimat leben, gegen alle Widerstände. Die Profilerin ist eine sympathische Person. Die vielen Nebenfiguren sind teilweise in ihrer Bedeutung schwer einzuordnen. Wichtig sind auch die Protagonisten, die in dem Handlungsabschnitt vor 20 Jahren eine Rolle gespielt haben, so etwa die junge Monika Mazurkiewicz, die große Liebe eines der Staron-Brüder. Die Zwillinge Marcin und Wojteks Staron rücken immer mehr ins Zentrum. Es gibt ständig ungeklärte Fragen, die für allerlei Rätsel sorgen - man muss dem Roman schon aufmerksam zuhören.
Katarzyna Bonda gelingt es, den Hörer mit vielen Überraschungen zu fesseln. Durch die komplizierten Verwicklungen steigt der Spannungsbogen, und "Das Mädchen aus dem Norden" ist ein Hörbuch, das die volle Aufmerksamkeit fordert, um nicht interessante Nuancen oder Nebenaspekte, die später wichtig werden, zu verpassen.

Bewertung vom 17.04.2017
1977
Peters, Butz

1977


ausgezeichnet

Ein lesenswertes Kompendium

Es gibt so Ereignisse, bei denen man noch nach Jahren genau sagen kann, wo man gerade war, als man die Nachricht davon hörte. Das gilt für den 11. September 2001, aber das gilt bei mir auch für den 19. Oktober 1977. Ich saß in einem Reisebus, um als knapp 18-Jähriger mit zwei Fußball-Mannschaften für eine Woche nach Luxemburg zu fahren, als im Radio die Nachricht vom Tod der RAF-Gefangenen in Stammheim gesendet wurde. Damit war der vorläufige Höhepunkt des Terrorjahrs 1977 erreicht - aber in dem mehr als lesenswerten Buch des geschätzten Kollegen Butz Peters lernen wir jetzt, dass damit die Geschichte der RAF noch lange nicht abgeschlossen war, sie vielmehr bis in die Gegenwart führt. Die Meldungen von Überfällen ehemaliger RAF-Mitglieder zeigen, dass es noch nicht vorbei ist, was auch für die juristische Aufarbeitung gilt.
Am 7. April 1977 ermordete die RAF Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine zwei Begleiter. Buback war der Todfeind von Andreas Baader, die erste Generation der RAF saß zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre im Knast.
Und so stand der Auftakt der Aktionen zur Befreiung der Gefangenen unter dem Stichwort “Big Raushole”
Der Journalist und RAF-Experte Butz Peters hat umfangreich recherchiert, und konzentriert sich in diesem Buch auf die so genannte “Offensive 77”. Er hat eine Art Abschlussbericht vorgelegt, zumindest für bestimmte Aspekte des Themas. Gleichwohl stellt er fest, dass die juristische Aufarbeitung des RAF-Jahres 1977 ist bis heute nicht abgeschlossen ist.
Ich will hier auf die Chronologie gar nicht eingehen, das hieße nämlich, die knapp 500 Seiten nachzuerzählen. Peters schildert Rolle und Sichtweise der Häftlinge, der Anwälte und der Unterstützungsgruppen. Vor allem aber geht es um die Aktionen der aktiven Terroristen und die Gegenmaßnahmen der staatlichen Stellen.
Nach spektakulären Morden an Buback und Ponto wird Arbeitgeber-Präsident Hans Martin Schleyer entführt, und so das spektakuläre Finale des Jahres eingeleitet. Es geht um Staatsraison, politische Erpressbarkeit, um die Angst der Bürger, um die Reaktionen im Ausland. Der Selbstmord von Baader, Ensslin und Raspe beendet die Phase der ersten Generation der RAF. Butz Peters Chronik rekapituliert umfangreich und Detailgenau den Terror, der das Land vor 40 Jahren in Atem hielt. Ein lesenswertes Kompendium, vor allem für politisch und zeitgeschichtlich Interessierte. Wer eine Kurzfassung möchte: Hundert Tage - die RAF-Chronik 1977. Die kompakte Taschenbuch-Variante ist genauso spannend, kommt aber mit deutlich weniger Seiten aus.

Bewertung vom 14.04.2017
Terror in Deutschland
Theveßen, Elmar

Terror in Deutschland


sehr gut

Spannende und umfassende Zustandsbeschreibung

ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen hat in seinem Buch Erkenntnisse aus seiner journalistischen Arbeit zu einer Bestandsaufnahme zusammen gefasst. Er geht von einer Art "Materplans" der Terroristen aus. Ob man aseinen Thesen in allen Punkten folgt, muss jeder Leser für sich entscheiden, neben der Zustandsbeschreibung, die offensichtlich gut recherchiert ist, kommt allerdings die Analyse etwas zu kurz. Die nach dem Erscheinen des Buchs ausgeführten Anschläge am Berliner Breitscheid-Platz und jetzt aktuell auf den Bus vopn Borussia Dortmund zeigen jedoch, dass er mit seiner Einschätzung, der Terror sei endgültig in Deutschland angekommen, in jedem Fall richtig liegt.
Theveßen stellt am Beginn fest, der Anschlag vom 11. September 2001 sei eine große Falle gewesen, und der Westen sei hinein getappt. Durch seine journalistische Arbeit verfügt Theveßen über ein großes Netz von Kontakten, was er für die Recherchen zu seinem Buch auch genutzt hat. Der Autor macht deutlich, wie er die Strategie der Terroristen versteht. Nach seiner Auffassung geht es ihnen darum, mit ihren Anschlägen bestimmte Reaktionen auszulösen, aus denen sie dann politische Vorteile für sich machen können. Diesen roten Faden in der Serie von Anschlägen verdeutlicht Theveßen in seinem Buch, mit dem er einen Leitfaden für einen wirksameren Kampf gegen den Islamismus liefern will. Das ist ziemlich hoch gegriffen, und dieser eigenen Messlatte wird er am Ende nicht wirklich gerecht. Das schmälert nicht seinen Verdienst, hier ein gute Beschreibung der aktuellen Situation geliefert zu haben.
Der Autor schildert aktuelle Fälle in Deutschland und Frankreich, und vertritt die Auffassung, dass zwar der Staat, aber nicht die Gesellschaft auf diese Herausforderung vorbereitet ist. Die Djihadisten halten sich in der Tat an die Handlungsanweisungen in vorliegenden und öffentlich zugänglichen Strategie-Papieren. Theveßen geht auch auf den ideologischen Aspekt ein, der nach seiner Auffassung in vielen Analysen ignoriert wird. Abschließend schildert er rechtsextremer Islamhasser mit den Islamisten, und findet klare Worte zur Fernwirkung von AfD und Pegida in Deutschland. Bei der Gegenstrategie ist für Theveßen Prävention genauso wichtig wie Repression. Er bleibt bei seinen Empfehlungen relativ allgemein und unverbindlich, und kann so seine Messlatte nicht überscpringen - dennoch hat er ein wirklich lesenswertes Buch vorgelegt.

Bewertung vom 12.04.2017
Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken
Lucke, Albrecht von

Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken


ausgezeichnet

Eine ausgezeichnete Analyse

Albrecht von Lucke hat die Situation der deutschen politischen Linken - womit nicht die Partei gemeint ist - ausgezeichnet beschrieben und analysiert. Um es gleich vorweg zu sagen: Den Schulz-Hype konnte er weder ahnen, noch in seinem Buch berücksichtigen, es ist schlichtweg wenige Wochen oder gar Tage zu früh gedruckt worden. Aber von Sigmar Gabriels Verzicht und dem durch Martin Schulz ausgelösten Boom wurde schließlich ganz Deutschland überrascht.
Spannend zu lesen ist Luckes Beschreibung der Entfremdung zwischen SPD und Linkspartei, enorm befeuert durch die Fusion zwischen PDS und der westdeutschen WASG, die bereits von Oskar Lafontaine und anderen ehemaligen Sozialdemokraten dominiert wurde. Der Autor schildert den menschlichen und politischen Dissens zwischen Lafontaine und SPD-Vormann Gerhard Schröder. Hier trafen zwei Machtmenschen aufeinander, für die selbst eine große Partei wie die SPD zu klein war.
Lucke schreibt, Rot-Rot-Grün habe im Herbst 2017 keine Chance, da es zu viele inhaltliche Differenzen gebe. Er hat in vielem Recht, aber ich halte den inhaltlichen Findungsprozess noch nicht für abgeschlossen. Und auch seine zweite These, letzte Chance für Schwarz-Grün, wird man an der Realität überprüfen müssen.
Trotz der aktuellen Wendungen durch Martin Schulz ein für politisch Interessierte überaus interessantes Buch, denn in den rückblickenden Teilen beweist der Autor einen wachen Blick und scharfen Verstand. Lesenswert und anregend zugleich!

Bewertung vom 02.03.2017
Die ersten Tage von Berlin
Gutmair, Ulrich

Die ersten Tage von Berlin


ausgezeichnet

Faszinierende Geschichten und Schicksale aus der Zeit nach der Maueröffnung

Ulrich Gutmair erhebt den Anspruch, in seinem Buch zu zeigen, warum Berlin heute als Stadt das ist, was es ist. Ob das für alle Stadtteile gilt, mag man in Frage stellen, für einige Szene-Areale in Berlin-Mitte ist dem Autor fraglos gelungen, Entwicklungslinien aufzuzeigen, die teilweise heute noch sichtbar sind. Aber, und das muss man auch zugeben, die Sichtbarkeit nimmt immer mehr ab.
Was kein Wunder ist, fast drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer. Aber Gutmair schildert, wie die viele Jahre geteilte, und durch den Krieg und zwei Diktaturen versehrte Stadt in kleinen Schritten zu einer pulsierenden Metropole wurde. Zumindest die Anfänge davon kann man bei der Lektüre nachvollziehen. Wer Gutmairs Erzählung folgt, kann teilweise verstehen, wie und warum die phasenweise anarchistische Übergangszeit nach der Grenzöffnung und der staatlichen Wiedervereinigung die Stadt und das Land für lange Zeit geprägt haben.
Nach dem Fall der Mauer war Berlin für einen kurzen Moment eine Art Hauptstadt der Gegenwart - ohne damals bereits Regierungssitz zu sein. In Berlin-Mitte mit seinen vielen Brachen und kaputten Häusern sammelte sich eine Art Avantgarde aus Künstlern, Hausbesetzern, Club-Betreibern, Galeristen und DJs. Sie warteten nicht auf eine Neugestaltung, sondern eigneten sich die historische Stadtmitte kurzerhand an und erwecken damit viele Straßenzüge wieder zum Leben. Dieses Zwischenspiel prägt noch heute das Image von Berlin. Klaus Wowereit sprach einst von seiner Stadt als “arm, aber sexy.” Viele Bürger haben darüber gelacht oder die Stirn gerunzelt, aber es traf auf jeden Fall das Lebensgefühl vieler Menschen aus der Frühzeit nach der Wende.
Die Bars, Clubs und Galerien, die in der ersten Hälfte der 90er Jahre entstanden, sind in ihrer Mehrheit heute verschwunden. Ulrich Gutmair hat die Geschichten aus der Zeit nach der Wende teilweise miterlebt, und in diesem Buch vieles zusammengetragen. Er lässt Zeitzeugen zu Wort kommen, ergänzt um historische Fakten, und so ist ein Porträt der damals zusammen wachsenden Stadt entstanden, die auf dem Sprung zur Metropole war. Seither hat sich Berlin in vielen Vierteln und Kiezen mehrfach gewandelt, umso faszinierender ist die Lektüre dieser Wendezeit-Geschichte.

Bewertung vom 01.03.2017
Im Herzen das Meer
Bojsen, Karen

Im Herzen das Meer


gut

Eine Mischung aus Liebes- und Spannungsroman

Karen Bojsen führt ihre Leserinnen in diesem Roman auf eine kleine Nordsee-Insel. Ihre Protagonistin Lumme Hansen lebt normalerweise mit Sohn und Ehemann in Amerika. Auf der Insel besucht sie ihren Vater, der dort ein kleines Hotel betreibt. Der Bürgermeister bietet Lumme überraschend die Leitung des Insel-Aquariums an. Die junge Frau denkt nicht lange über das Angebot nach, sondern nimmt es spontan an.
Das Aquarium hat einen enormen Renovierungsstau. Zeitgleich geht es um einen großen Windpark, der im Watt vor der Insel gebaut werden soll, und der zahlreichen Tierarten zum Verhängnis werden könnte. Als ein Mitarbeiter von Lumme vor der Küste der Insel ein Seepferdchen findet, ist das die Initialzündung für einen breite Bewegung gegen diesen Windpark. Im Zuge der turbulenten Ereignisse trifft Lumme Hansen einen Menschen wieder, den sie längst aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatte.
Karen Bojsen hat einen Roman geschrieben, der als Mischung aus Liebes- und Spannungsroman zu sehen ist. Das Buch fesselt den Leser, die zunehmende Spannung hält bis zum Finale an. Außerdem hat die Autorin einen Strauß sympathischer Protagonisten zusammen gestellt, die durchaus authentisch daher kommen. Der Roman streift verschiedenen Themen, ohne überladen zu wirken. Eigentlich ein typischer Sommer-Roman, aber sicher auch gut an einem verregneten Wochenende auf dem Sofa zu lesen.

Bewertung vom 28.02.2017
Im Wald / Oliver von Bodenstein Bd.8 (8 Audio-CDs)
Neuhaus, Nele

Im Wald / Oliver von Bodenstein Bd.8 (8 Audio-CDs)


ausgezeichnet

Ein facettenreiches Buch – von einer Autorin in Bestform.

Im Wald ist flüssig erzählt, komplex aufgebaut und wirklich spannend zu lesen. Komplexität ist ein Erfolgsrezept, und das zeigt sich auch in diesem neuen Roman. Die vielen Wendungen und neuen Spuren, nicht zuletzt das große Personal-Tableau und eine ganze Reihe möglicher Verdächtiger machen die spannende Lektüre in meinen Augen angenehm kurzweilig. Es ist immer gut, wenn gesellschaftliche Problemfelder in Romanen aufgearbeitet werden. Noch besser ist es, wenn das eher unterschwellig passiert – wie in diesem Roman. Bodensteins Freunde Artur und seine Familie, deutschstämmige Spätaussiedler aus Russland, waren im kleinen Ruppertshain quasi Parias, wurden von den Einheimischen nicht beachtet. Deshalb war es auch nur ein kurzer Aufreger, als der Junge 1972 unter ungeklärten Umständen verschwand. Die mangelhafte Integration von neu Zugezogenen, egal ob sie aus Osteuropa, vom Balkan oder aus Afrika stammen, ist schon damals ein gesellschaftliches Thema gewesen, und ist es heute noch.
Pia Sander und Oliver von Bodenstein sind die gleichberechtigten Stars dieser Roman-Reihe. Sander steht in diesem Buch etwas mehr als Ermittlerin im Vordergrund, was sich aus der Struktur der Geschichte ergibt. Als von Bodenstein aufgrund seiner Betroffenheit die Leitung der Ermittlungen abgeben muss, zeigt sich Pia Sander wieder als energische und temperamentvolle Polizistin, die aber auch einen tiefgründigen Charakter hat.
Oliver von Bodenstein ist ein gänzlicher anderer Typ als seine jüngere Kollegin. In diesem Buch wird er von einer ganz anderen Seite gezeigt, weil es aufgrund der besonderen Umstände sein bislang persönlichster Fall ist. Sein hohes berufliches Engagement ist ihm zu einem Verhängnis geworden, er fühlt sich ausgebrannt, daher die angestrebte Pause. Die Lügen guter Bekannter und einer alten Freundin machen ihm den Abschied aus dem Dienst scheinbar deutlich leichter.
Den Spannungsbogen baut die Autorin gut auf und hält ihn durch hohes Tempo und viele falsche Fährten ständig auf diesem Niveau. Die vielen Orts- und Perspektiv-Wechsel sowie das große Personal-Tableau sind durch die Übersichtskarten im Buch und die Namensliste gut zu verfolgen. Ich bin ein Freund solcher Orientierungshilfen, und bei einem Buch von diesem Umfang und mit einer derart komplexen Geschichte ist das ein echtes Plus. Nele Neuhaus hat mit dieser Dorfbevölkerung einen interessanten Mikro-Kosmos gezeichnet, wie er für viele Orte vergleichbarer Größe typisch sein dürfte. Neben der Haupthandlung hat die Autorin noch spannende Neben-Geschichten eingebaut.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.02.2017
Der tiefe Staat
Roth, Jürgen

Der tiefe Staat


ausgezeichnet

Lesenswert - auch wenn man nicht jede These teilt

Jürgen Roth ist als investigativer Journalist keineswegs unumstritten. Manchen sind seine Thesen zu gewagt, anderen zu wenig durch Fakten belegt. Das wird sicher auch für viele Leser von "Der tiefe Staat" gelten.
Nach eigener Aussage in einem Interview beschreibt Roth "den "tiefen Staat", so wie er sich heute in Deutschland wie in Europa präsentiert, als eine Struktur jenseits des demokratischen Systems, ohne demokratische Legitimation und ohne parlamentarische Kontrolle. Dazu zähle ich nicht nur Teile von Geheimdiensten oder privaten Sicherheitsunternehmen, sondern auch multinationale Konzerne und Banken. Daher spreche ich auch vom Staat im Staat."
Seine Definition geht also ziemlich weit, selbst die Einflüsse von Lobbyisten auf parlamentarische Entscheidungen zählt er dazu. Ketzerisch könnte man sagen, das von vielen Bürgern geäußerten Empfinden, "die da oben machen doch sowieso was sie wollen", wird von Roth mit Fakten und Thesen unterfüttert. Das ist nicht völlig falsch, wird seinem Aufwand beim Recherchieren und Schreiben aber nicht im Ansatz gerecht.
Mit seiner Behauptung, im "tiefen Staat" würden vor allem nationalkonservative bis rechtsradikale Akteure den Ton angeben, ist Roth ja nicht alleine. Wer "Heimatschutz" von Aust/Laabs gelesen hat, und auch andere Literatur zum NSU-Komplex zur Kenntnis nimmt, wird dieser These oft hören.
Als Erklärung verweist Roth auf die Prägung der zentralen Institutionen des Rechtsstaates in Deutschland durch autoritäre und völkische Persönlichkeiten, die mangels geeigneter Alternativen zum Aufbau von Verwaltung, Justiz und Sicherheitsbehörden nach dem Krieg eingesetzt wurden. Der Autor schildert viele Beispiele, am bekanntesten ist "Gladio", die in Italien aufgeflogene so genannte "Stayy-Behind-Organisation" der CIA. Es gibt viele Dokumentationen zu diesem Thema, und mittlerweile gilt es als gesichert, dass es auch in anderen Staaten solche Organisationen gab.
Der NSU ist nach Auffassung von Roth nicht Teil irgendweiner Geheimarmee gewesen, aber der Autor ist völlig sicher, dass die Mörderbande ohne vioelfältige Unterstützung aus den Reihen der Verfassungssschutzbehörde so nicht hätte agieren können. Dazu mag man sich als Leser sein eigenes Urteil bilden, aber ich finde das Buch von Jürgen Roth sehr lesenswert, auch wenn man vielleicht nicht jede seiner Thesen teilt.

Bewertung vom 04.01.2017
Hätte, hätte, Viererkette
Knust, Bruno

Hätte, hätte, Viererkette


ausgezeichnet

Für Experten und Laien gleichermaßen geeignet

Übersetzungsbücher der ungewöhnlichen Art gibt es von Langenscheidt schon so einige, erinnert sei nur an Frau - Mann. Nur also eine kleine Fibel, in der die Fußballer-Spache erklärt wird. Bruno "Günna" Knust hat hier ein ebenso witzige wie nützliches Büchlein vorgelegt.
Wer bei Fußball-Übertragungen im Fernsehen endlich mal das "Fach-Chinesisch" der Trainer, Kommentatoren und Spieler verstehen möchte, obwohl er kein selbst ernannter Experte ist, kann hier nahezu alles nachschlagen. Das fängt beim Abseits an, und geht bis zu Übungsleiter, ein Begriff, der eine Renaissance erlebt, wie uns der Autor erklärt.
Und dazwischen werden alle mögliche Fußball-Phrasen sowie Merkwürdigkeiten und offene Fragen rund um das Spiel erläutert. Etwa die Frage, warum Fußballer so viel spucken? Oder ob das Spiel wirklich die viel zitierten 90 Minuten dauert.
Der Laie findet hier enormes Fachwissen und viel zum Schmunzeln. Und die Experten können mal nachlesen, ob sie die vielen Formeln und Phrasen, die sie vor den Mikrofonen so dreschen, wirklich selbst verstehen. Die Krönung sind für mich die drei letzten Seiten: Was Trainer sagen und was sie damit meinen. Das ist mal wirklich Spitze. Beispiel: Der Spieler muss sichim Training anbieten. Übersetzung: Im Moment hat er zwei Probleme - rechtes Bein, linkes Bein.
Die kleine Fibel passt in jede Jackentasche, und bietet vor und nach dem Spiel reichlich interessante Lektüre. Ein wirklich gelungenes Werk.