Benutzername: Bibliomarie
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Insgesamt 188 Bewertungen
Bewertung vom 22.05.2017
Ich will so bleiben, wie ich war
Bittl, Monika

Ich will so bleiben, wie ich war


sehr gut

Die Autorin Monika Bittl scheint mit ihrem ersten Buch „Ich hatte mich jünger in Erinnerung“ einen Nerv getroffen zu haben, sonst wäre es nicht in Windeseile die Spiegel Bestsellerliste hochgeklettert. Nun habe ich die Fortsetzung gelesen – „ich will so bleiben, wie ich war“ und habe mich auch in diesem Buch auf vielen Seiten wiedergefunden.
In kleinen Kapiteln wird uns der Spiegel vorgehalten: ob es über die Versprechungen der Pharma- und Kosmetikindustrie geht, ob es die Erwartungen an uns selbst und vieles mehr. Aber es nicht der 100. Ratgeber zum Thema Älterwerden, der alles besser weiß, es sind humorvolle kleine Episoden, wie sie jede Frau kennt. Dass man vielleicht das Eine oder Andere für entdeckt, dass man sich aneignen kann, worüber man schon immer mal nachdenken wollte, ist der durchaus positive Nebeneffekt.
Es ist viel Lebensweisheit in den kurzen Episoden versteckt und es lohnt sich immer mal wieder reinzuschauen. Die meisten Geschichten machen viel Spaß zu lesen, einige erschienen mir fast wie eine Wiederholung aus dem Vorgängerband.
Eine liebevoll-ironische Lektüre für sich oder als Geschenk für die gute Freundin geeignet.

Bewertung vom 19.05.2017
Tödliches Treibgut / DCI Jim Daley Bd.1
Meyrick, Denzil

Tödliches Treibgut / DCI Jim Daley Bd.1


sehr gut

DCI Jim Daley wird zu einem Leichenfund an der Küste der Kintyre-Halbinsel gerufen. Eine Frauenleiche, entstellt von Tierfraß und Strömung ist in Kinloch an Land gespült worden. Statt in Glasgow zu ermitteln, findet er sich in einem Fischerdörfchen wieder, dass seine besten Zeiten schon hinter sich hat. Die Dorfgemeinschaft ist verbittert und hält zusammen, da wird kein Wort zu viel gesagt, vor allem, da die junge Ermordete einen denkbar schlechten Ruf hatte. Keine einfache Situation für Daley und seinen Partner Scott, vor allem, da Kinlochs Polizisten ihnen gern Knüppel zwischen die Beine werfen. Was wie ein Mord an einer Gelegenheitsprostituierten aussieht, scheint nicht ganz so klar zu sein, wie es die örtliche Polizei gern hätte.
„Tödliches Treibgut“ ist ein Krimi der wirklich „Old School“ ist. Die Polizei ermittelt in einer rauen Männerwelt und die Glasgower Polizisten müssen mit stürmischen Seegang und widrigen Bedingungen zurechtkommen. Eine sehr spannende und sehr stringente Handlung machen den Reiz des Krimis aus. Die Figuren, vor allem Scott und Daley sind toll gezeichnet, ihre Charaktere wirken absolut lebensecht. Manchmal hätte mir es mir etwas weniger Privatprobleme zwischen Daley und seiner Liz sein können, die ich in ihrer ständigen Wiederholung ein bisschen anstrengend fand. Dagegen ist die Landschaft, der schottische Menschenschlag und die harte Welt der Fischer ausgezeichnet eingefangen.
Der Krimi macht durch sein Tempo und die mitreißende Handlung Spaß und Lust auf mehr Fälle, vor allem da der letzte Abschnitt des Buches ein echter Cliffhanger ist und der Geschichte nochmal rückwirkend einen Drive versetzt.

Bewertung vom 16.05.2017
Die Hummerkönige
Zentner, Alexi

Die Hummerkönige


ausgezeichnet

Die Kings sind seit Generationen auf Loosewood Island ansässig und betreiben den Hummerfang, so wie es der Gründer der Familie, Brumfitt Kings vor 300 Jahren begonnen hat. Immer geht das Geschäft auf den Sohn über, nur Cordelia will sich damit nicht abfinden. Sie hat von klein an eine ganz besondere Bindung ans Meer und an ihren Vorfahren, um den sich Mythen und Legenden ranken. Er war nicht nur erfolgreicher Hummerfischer, er war auch Maler und hat ein großes Werk hinterlassen. In seinen Bildern findet Cordelia mehr, als die meisten sehen.
Der Roman wirkt für mich wie aus der Zeit gefallen. Gäbe es nicht die allgegenwärtige Technik, könnte dieses Buch auch in der Vergangenheit angesiedelt sein. Cordelia kämpft um die Anerkennung ihres Vaters, sie sieht sich als würdige Nachfolgerin der Familientradition und nicht nur als Ersatz weil ihr Bruder ertrunken ist. Auf Loosewood Island gelten andere Gesetze, bei Auseinandersetzungen wird nicht die Küstenwache gerufen, man regelt seine Angelegenheiten selbst, auch Cordelia muss sich diesem ungeschriebenen Gesetz beugen. Fast erinnerte mich die Auseinandersetzung der rivalisierenden Hummerfischer an den Wilden Westen.
Sehr schön fand ich die Verbindung zur Vergangenheit und seinen Legenden. Die Grenzen zwischen Realität und Mythos verschwimmen in diesem wunderschönen Buch. Ich mochte alle Figuren, sie sind so lebensecht und liebevoll portraitiert. Der harte Kampf mit den Elementen und die Feinfühligkeit der Beziehungen ergänzen sich und machen das Buch fesselnd. Auch die Anspielungen auf die Literatur gefielen mir, Cordelias Name scheint nicht zufällig gewählt, schließlich heißt die Familie auch Kings und als Könige der Insel scheinen sie unausgesprochen auch von den übrigen Insulaner anerkannt.
Das war eine wunderschöne Geschichte, in die ich richtig eingetaucht bin. Die schöne, melancholische Sprache hat das Lesevergnügen noch abgerundet.

Bewertung vom 15.05.2017
Der Kommissar und die Morde von Verdon / Commissaire Philippe Lagarde Bd.6
Dries, Maria

Der Kommissar und die Morde von Verdon / Commissaire Philippe Lagarde Bd.6


gut

Philippe Lagarde, der seinen Ruhestand im malerischen Städtchen Barfleur in der Normandie genießt, muss statt in den geplanten Kurzurlaub, zu einer Besetzung nach Südfrankreich fahren. Der Ehemann von Hélène, der Freundin seiner Lebensgefährtin Odette ist bei einem Unfall am Verdon in die Tiefe gestürzt. Der örtliche Polizeichef geht von einem Suizid aus und schließt überraschend schnell die Akte.
Es bleibt nicht bei diesem einen Unfall, auch der Bürgermeister stürzt bei einem Spaziergang in die Tiefe. Auch wenn er nicht mehr aktiv ist, ein Fall mit so vielen Ungereimtheiten weckt den Spürhund in Lagarde. Da trifft es sich gut, dass sich in der Gegend zufällig drei Ex-Kollegen niedergelassen haben, die mit ihm die polizeiliche Eliteausbildung machten. Die besten Voraussetzungen also um sich umzuhören und zu ermitteln.
Mit „Der Kommissar und die Morde von Verdon“ liegt bereits der 6. Band der sympathischen und völlig unabhängig zu lesenden Reihe vor und das Muster ist altbekannt. Die Landschaftsbeschreibungen lesen sich malerisch wie aus dem Touristenprospekt, wecken Reiselust und machen Appetit. Denn natürlich dürfen auch bei den Ermittlungen die Restaurantbesuche mit ausführlichen Menüschilderungen nicht fehlen. Es gibt eine ganze von Zufällen, die nicht unbedingt realistisch sind, aber Lagardes Ermittlungen vorantreiben. Natürlich ist einer seiner Kumpels ein Internet-Crack, der sich mühelos in jedes beliebige Netzwerk hackt und ihn mit Informationen versorgt. Auch wenn der örtliche Polizeichef cholerisch mauert, so erliegt seine Sekretärin dem Charme des anderen Freundes und damit stehen ihnen auch alle Dokumente der Ermittlung zur Verfügung.
Der Krimi liest sich locker, die Spannung hält sich aber in wohldosierten Grenzen. Er ist ein typischer Urlaubskrimi mit viel Lokalkolorit und netten Beschreibungen, unterhaltsam und amüsant zu lesen ohne dass man allzu viel Aufmerksamkeit braucht. Eben das richtige Buch für das Reisegepäck.

Bewertung vom 12.05.2017
Wenn das Eis bricht
Grebe, Camilla

Wenn das Eis bricht


gut

Im Haus des Unternehmers Jesper Orre wird eine enthauptete Frauenleiche gefunden, den Kopf auffällig neben dem Körper drapiert. Eine schockierende Inszenierung, die die Kriminalisten an einen ganz ähnlichen, nie aufgeklärten Fall von vor 10 Jahren erinnert. Aus diesem Grund wird Hanne Lagerlind eingeschaltet, eine Psychologin, die damals mit den Ermittlungen befasst war.
Der Roman wird in der Hauptsache aus drei ganz persönlichen Perspektiven erzählt. Wir hören von Emma, einer jungen, sehr unglücklichen Frau, die mit Jesper ein geheim gehaltenes Verhältnis hatte und vom ihm ausgenutzt und schwanger sitzen gelassen wurde. Emma arbeitete bis zur ihrer Entlassung in Jespers Konzern. Ihre Geschichte setzt 2 Monate vor dem Fund der Leiche ein.
Peter Lindgren, einer der Kriminalisten, war im ersten Fall sehr in Hanne verliebt. Sie wollte ihren Mann verlassen und mit Peter ein neues Leben beginnen. Aber Peter, der durch ein Jugenderlebnis traumatisiert ist, ist völlig bindungsunfähig und macht im letzten Augenblick einen Rückzieher und verletzt die sensible Hanne damit sehr.
Hanne weiß seit einiger Zeit von ihrer beginnenden Demenz und die ersten Anzeichen stürzen sie in eine tiefe Lebenskrise. Dazu fühlt sie sich immer mehr von ihrem Mann eingeengt und demoralisiert. Auch sie hat die damalige Beziehung zu Peter noch nicht verkraftet und fürchtet und freut sich zugleich vor der Zusammenarbeit.
Diese unterschiedlichen Persönlichkeiten, ihre Beziehungen untereinander und ihre Sicht auf den Fall machen einen Großteil der Spannung aus. Die reine Ermittlungsarbeit scheint dabei fast ins Hintertreffen zu geraten. Aber es scheint nur so. Der Untertitel „Psychothriller“ hat mich anfangs verwirrt. Titel und Beschreibung im Klappentext lassen falsche Erwartungen entstehen. Das Buch ist kein landläufiger Thriller, die Spannung entwickelt sich sehr subtil aus dem Beziehungsgeflecht, den familiären und persönlichen Hintergründen und steigert sich mit jedem weiteren Detail, das sich aus den Rückblenden ergibt.
Ich konnte mich gut auf die Erzählweise einlassen, die Wechsel der Perspektiven brachten mir die Personen nahe und mir gefiel der Kunstgriff der Autorin, das Motiv lange in der Schwebe zu lassen. Auch die spröde, fast unterkühlte Sprache passt gut zu diesem Psychokrimi aus Skandinavien, was sicher auch der Übersetzerin Gabriele Haefs zu verdanken ist.
Lange musste ich über die Bedeutung des Titels rätseln, der einem Innuit Sprichwort entlehnt ist, aber je mehr ich las, umso passender schien er mir.

Bewertung vom 09.05.2017
Deichmord / Romy Beccare Bd.6
Peters, Katharina

Deichmord / Romy Beccare Bd.6


ausgezeichnet

Eine anonyme Terrorwarnung versetzt Romy Beccare und ihr Team in Aufruhr. Bei den Störtebecker Festspielen in Ralswiek auf Rügen soll ein örtlicher Hotelier in eine Anschlagsplanung verwickelt sein. Die Kommissare drehen jeden Stein um, in diesen Zeiten nimmt man auch eine anonyme Drohung ernst. Sie finden nichts, aber immer wieder taucht ein Name auf, der mit zwei alten Vermisstenfällen in Verbindung steht. Romys Bauchgefühl sagt ihr, dass sich da Weiterbohren lohnen könnte.
Ich habe schon einige der Romy-Beccare-Krimis gelesen und jedes Mal wieder habe ich das Gefühl, dass das Buch noch besser als sein Vorgänger ist. Dabei sind alle Folgen abgeschlossen und ganz unabhängig zu lesen. Hier haben mir ganz besonders die Spurensuche, die Recherche und die Suche nach alten Verbindungen gefallen. Zwei alte Fälle mit kalten Spuren, da kann Romy nicht locker lassen. Die Teams aus Rügen und Stralsund ergänzen sich und die Ermittlungsarbeit ist spannend und realistisch erzählt. Ich konnte kaum mit dem Lesen aufhören, so hat mich der Krimi gepackt. Auch dass sich die Kommissare nicht in endlosen privaten Verwicklungen verlieren, ist für mich ein Pluspunkt.
Die Handlung ist sehr vielschichtig, erst langsam schälen sich im Lauf der Zeit die Verbindungen von Vergangenheit bis in die Gegenwart heraus. Trotz der Vielzahl von Personen und Verdächtigen verzettelt sich die Geschichte nicht, es ist logisch und stringent aufgebaut und erzählt. Das Ende ist überraschend, aber folgerichtig.
Wieder einmal der beste Rügen-Krimi von Katharina Peters – vielleicht bis zum nächsten Buch ?

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 08.05.2017
Letzter Fasching
Dutzler, Herbert

Letzter Fasching


sehr gut

Während das jährliche Faschingstreiben in Altaussee seinem Höhepunkt zustrebt, erreicht die Polizeiinspektion eine anonyme Morddrohung. Was bleibt Revierinspektor Gasperlmaier übrig, als sich inkognito unter die Trommelweiber zu mischen um das angekündigte Verbrechen zu verhindern. Ausgerechnet Gasperlmaier, der dem Treiben mit Skepsis gegenübersteht. Es kommt, wie es kommen muss, unter den Masken kann er nichts erkennen, zudem fordert der erzwungene Genuss von Schnaps und Bier vom wackeren Inspektor seinen Tribut und quasi unter seinen Augen wird ein Mitglied der Truppe erstochen. Das Opfer ist ein renommierter Koch eines bekannten Wellness-Hotels und es stellt sich heraus, dass er in allerhand krumme Geschäfte verwickelt war. Die Ermittlungen unter den enthusiasmierten und alkoholisierten Flinserln und Trommelweibern stellt sich für Inspektor Gasperlmaier und seiner Chefin, der Frau Doktor Kohlross äußerst schwierig dar.
Dieser Krimi punktet mit einem wunderbaren urigen Lokalkolorit. Was Gasperlmaier, der gemütliche und manchmal ein wenig unbeholfene Landpolizist alles auf sich nehmen muss – ja gut, zu einem Schnapserl oder einem Punsch muss man nicht lange überreden – brachte mich immer wieder zum Schmunzeln. Es wimmelt von Verdächtigen und Spuren, aber unter den Masken sind alle gleich, das bringt das Polizisten-Duo immer wieder in Schwierigkeiten. Wobei Inspektor Gasperlmaier nicht nur mit der forschen Frau Doktor zu kämpfen hat, auch seine Ehefrau Christine ist äußerst resolut und zeigt ihm immer wieder seine Grenzen auf. Dass nun auch seine erwachsenen Kinder ins gleiche Horn stossen, ärgert ihn gewaltig. Dabei will er doch nur seine Ruhe, sein Gulasch und das eine oder andere Bier zu Mahlzeit.
Der Fasching als Ausnahmesituation mit all den Altausseer Bräuchen ist sehr amüsant beschreiben, Tradition und uralte Bräuche spielen eine große Rolle und das hat mir viel Spaß gemacht. Die Interaktionen zwischen Gasperlmaier und Frau Doktor waren witzig, ihre Dialoge einfach nur lakonisch und voll hintergründigem Humor. Obwohl ich das erste Mal einen Altaussee-Krimi gelesen habe, gelang mir der Einstieg ganz leicht.
Der Krimi hat alles, was einen guten Lokalkrimi ausmacht: ernsthafte Krimihandlung, viel Spannung und immer wieder Auflockerung durch leichte Dialekteinschübe und die urigen Eigenheiten der Altausseer. Eine echtes Lesevergnügen und eine Entdeckung für mich.

Bewertung vom 07.05.2017
Inspektor Takeda und der leise Tod / Inspektor Takeda Bd.2
Siebold, Henrik

Inspektor Takeda und der leise Tod / Inspektor Takeda Bd.2


ausgezeichnet

Der harte Polizeialltag hat bei Claudia Harms, Kriminalhauptkommissarin in Hamburg, Spuren hinterlassen. Sie ist bindungsunfähig, einsam und etwas verbissen. Ein wenig wird ihr Arbeitsalltag aufgelockert durch den Kenjiro Takeda, einem japanischen Inspektor aus Tokio, der an einem Austauschprogramm teilnimmt. Er fremdelt manchmal noch etwas mit seinem neuen Umfeld, die kulturellen Unterschiede sind doch gewaltig, aber bei seinem geliebten Jazz und seinen sorgsam vorbereiteten Teezeremonien findet er Erholung. Takedas unvoreingenommener Blick auf die deutschen Befindlichkeiten, gibt ihrer gemeinsamen Arbeit oft einen besonderen Kick.
Da bringt ein Einsatz beide an ihre emotionalen Grenzen, aus einem Hochhaus wird ein Kleinkind einfach vom Balkon geworfen. Der Täter ist schnell gefunden, die Mutter und ihr jetziger Lebensgefährte leben im Dreck und andauernden Crystal Meth Drogenrausch. Das vor Hunger und Kälte schreiende Kleinkind war einfach im Weg.
Kurz danach führt sie ein Unfall mit Fahrerflucht ans andere Ende der Hamburger Gesellschaft, das Opfer war ein erfolgreicher Internet-Unternehmer mit Edel-Büro und teuren Vorlieben. Schnell wird Takeda klar, dass hier kein Autounfall vorliegt, dass die Tat ein sorgsam geplanter Mord war. Gibt es gar eine Verbindung zum Fall des getöteten Kindes?
Das ungleiche Duo bereichert sich gegenseitig. Ganz besonders hat mir der „japanische Blick“ gefallen, vieles was selbstverständlich erscheint, wird hinterfragt und bekommt plötzlich einen ganz anderen Stellenwert. Beide Kommissare haben eine besondere Art zu ermitteln und sind sich dabei ähnlicher, als sie sich eingestehen möchten.
Spannende Ermittlungen, im Drogenmilieu, genau wie in der New Commerce Szene fand ich interessant und toll aufgebaut. Der Krimi entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen mochte. Der Plot ist aktuell und realistisch, das Tempo des Krimis bis zur letzten Seite hoch. Die Beschreibung der beiden Kriminalisten hat mir besonders gut gefallen. Wie Claudia und Kenjiro sich annähern, die jeweiligen kulturellen Unterschiede schätzen zu lernen, ist witzig und amüsant. Mit diesem Ermittler-Duo ist dem Autor ein wirklich originelles Gespann gelungen vom dem ich unbedingt mehr lesen möchte.

Bewertung vom 06.05.2017
Wien abseits der Pfade Band II
Renöckl, Georg

Wien abseits der Pfade Band II


ausgezeichnet

Seit einiger Zeit gibt es im Braumüller Verlag eine schöne Reihe: „……abseits der Pfade“. Von ortskundigen Autoren werden Stadtspaziergänge in den Hauptstädten und Touristen-Hot Spots vorgestellt, die sich außerhalb der üblichen, ausgetretenen Touristenpfade bewegen. Nicht nur, dass man viel Sehenswertes und Denkwürdiges vorgestellt bekommt, man entgeht auch dem Gewühl der breiten Masse.
Mit dem zweiten Band der Wien-Spaziergänge wurde Georg Renöckl betraut, der schon Paris so kundig begleitete.
In 7 Rundgängen führt der Autor durch die verborgenen Innenhöfe der „Durchhäuser“ oder schickt uns im Suppengrün-Spaziergang durch den fast ländlichen anmutenden Stadtrand, wo das Gemüse herangezogen wird, dass täglich frisch auf den Märkten seine Käufer findet. Die alten Gemeindebauten werden vorgestellt und auf vergessene Details und verborgene Schätze aufmerksam gemacht.
Für jeden Besucher Wiens, der mehr möchte, als sich im Touristenstrudel an Stephansdom und Sachertorte abzuarbeiten, der findet hier einen charmanten und lesenswerten Zugang zu dieser liebenswerten Stadt.
Einkaufstipps und Einkehrmöglichkeiten, Plätze zum Ausruhen oder zum Entdecken mit Kindern, es ist für jeden etwas dabei. Im Anhang des Kapitels werden die Adressen und die Kontaktdaten abgedruckt, so dass man sich immer über aktuelle Öffnungszeiten und Themen informieren kann.
Vor jedem Kapitel ist eine kleine Karte abgedruckt, die zur ersten Orientierung taugt. Vielleicht kann sich der Verlag entschließen, eine kleine Übersichtskarte in die Umschlagklappe zu drucken oder gar eine kleine Klappkarte beizulegen, das wäre für jeden Band ein echter Mehrwert und eine Verbesserung.
Ein ganz besonderer Stadtführer; auch für Wienkenner und die, die es erst noch werden wollen.

Bewertung vom 02.05.2017
Der Freund der Toten
Kidd, Jess

Der Freund der Toten


ausgezeichnet

Der Mann, den alle nur Mahoney nennen ist im Waisenhaus als Findelkind aufgewachsen, dann bekommt er als Erwachsener das Vermächtnis einer verstorbenen Nonne: ein Foto seiner Mutter und eine Botschaft mit seinem Namen und seinen Geburtsort.
Als er im irischen Dorf Mulderrig aus dem Bus steigt, erwarten ihn schon viele Dorfbewohner, aber es sind die Toten, die ihm begegnen, ihn begleiten und helfen, das Geheimnis um das Verschwinden seiner Mutter zu lösen. Aber wer ein katholisches irisches Waisenhaus überstand, den schrecken die Toten nicht. Für die lebenden Bewohner des Ortes ist es vorbei mit der gespenstischen Ruhe aus Bigotterie und vorgeschobener Wohlanständigkeit.
Mahoney beginnt nicht nur mit seinen Fragen das Dorf aufzuscheuchen, auch seine Ausstrahlung, sein unverschämt gutes Aussehen bringen die Bewohner, vor allem die weiblichen, aus der Ruhe.
Das Buch übte einen eigenwilligen Sog auf mich aus. Anfangs hatte ich leichte Schwierigkeiten die toten Figuren als solche zu erkennen, aber schon nach wenigen Seiten waren sie mir seltsam vertraut. Das ganze Setting wirkt auf mich ganz typisch irisch: humorvoll, versponnen und voller Glauben an das Übersinnliche. Dabei ist die ganze Handlung sehr real, ein Zeitbild der 50iger und der 70iger Jahre, als der Priester und die Gemeindeschwester noch über ein Dorf bestimmen konnten. Ein Rebell wie Mahoney muss den Unmut all der „Anständigen“ auf sich ziehen, zumal er aussieht wie ein Hippie und Fragen über Ereignisse stellt, an die niemand mehr erinnert werden möchten.
Was ist damals mit seiner jugendlichen Mutter passiert? Ist sie wirklich einfach in den Bus gestiegen und abgehauen und hat ihn als Baby ausgesetzt oder konnte sie nicht mehr fliehen?
Der Roman sprengt die Genres, mehr als nur eine spannende Geschichte, ist es ein Zeitbild, eine Selbstfindung und auch eine Abrechnung mit der Vergangenheit. Ich bin völlig in den Roman eingetaucht, eine Entdeckung, die mich überzeugt hat. Ein toller Stil, der jedem der Protagonisten eine eigene Stimme gibt, ernsthaft und doch immer mit einem Augenzwinkern, war es ein richtiges Lesevergnügen für mich.