Benutzername: StefanieFreigericht
Danksagungen: 5 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 64 Bewertungen
Bewertung vom 06.07.2017
Ich bin die Nacht / Francis Ackerman junior Bd.1
Cross, Ethan

Ich bin die Nacht / Francis Ackerman junior Bd.1


gut

Gleichzeitig fesselnd und ziemlich überzogen

Das ist wieder so ein Buch, das es letztlich schwer macht mit der Bewertung. Einerseits ist es ziemlich spannend geschrieben, ein Pageturner mit allem, was man sich als Thriller-Freund so erhofft: ein kranker Serientäter, packende Szenen, ein würdiger Gegenspieler und ein verzwickter Plot. Andererseits ist das ganze insofern überzogen, als dass der Serientäter wirklich SO krank ist, dass man als Leser schon ein wenig an sich selbst zweifeln darf, wenn man so extremes Zeug noch lesen mag (wobei hier dazu kommt, dass ich wie viele andere Francis Ackerman nicht unsympathisch fand, schon erschreckend) – und die Jagd ist so richtig US-Action-Movie-mäßig, mit choreographierten körperlichen Auseinandersetzungen, ausreichend Geballer und netten Explosionen.
Das Problem: Dinge, die man zum Beispiel Bruce Willis auf der Leinwand „abkauft“, sind zwischen zwei Buchdeckeln etwas zäher; ich denke mir immer, weil der Weg über das Umblättern und Lesen wohl direkter am Gehirn vorbeigeht…Ähnlich ging mir das bei „Die Brut“ – bei beiden bestes „Popcorn“-Seitengeraschel, wenn man einfach in den Kino-Sessel-Hirnmodus zu wechseln in der Lage ist.

Der Plot ist einfach: im Wechsel begleitet der Leser den völlig gestörten Serienmörder Francis Ackerman bei seinen Taten, mal aus der Sicht von ihm selbst, mal aus der seiner Opfer geschrieben, und den Ex-Cop Marcus Williams. Die beiden repräsentieren „Gut“ und „Böse“, wobei es da schon jeweils zwei Seiten gibt. Man versteht zwischendurch, wie der Killer so wurde, wie er ist – er wurde so aufgezogen. Das „Warum“ spielt keine Rolle für ihn. Seinen Opfern hilft das leider nicht. Und auch Marcus hat so seine dunklen Seiten, wobei darüber immer eher orakelt wird – nachvollziehbar wurde das für mich nicht wirklich.

Der Originaltitel ist „The Shepherd“, Der Schäfer, und das Buch wartet auf mit Kapiteln namens „Die Herde“, „Der Wolf und der Hirte“, „Stecken und Stab“, „Der Wolf im Schafspelz“ – wer zum Teufel übersetzt so etwas so mit „Ich bin die Nacht“? Die biblischen Anspielungen sind im Buch recht dick aufgetragen „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. …. dein Stecken und Stab trösten mich“ sagt der 23. Psalm Davids – das dürfte für die stark evangelikal geprägten USA jedoch wohl besser funktionieren, vielen Deutschen sind leider entsprechende Zusammenhänge inzwischen fremd (als besonders christlich empfinde ich das Buch allerdings auch nicht gerade, mehr „Auge um Auge“ als „die andere Wange hinhalten“). Dafür ist die Optik und Haptik der deutschen Gestaltung um KLASSEN besser, und das sage ich, die ich nicht verstehen kann, wie jemand nach Covern kauft. Um dieses hier bin ich sooo lange geschlichen und habe es mir aus Prinzipientreue verboten, bis ich es in einer Aktion gewonnen habe, dank lesejury.de – ich LIEBE die Gestaltung, samt erhobenen Buchstaben, glänzend Schwarz über matt schwarzem Hintergrund im wirklich komplett monochromen Titel, und farbigem Buchschnitt mit Titelwiederholung.

Manko? Der Text trieft häufig vor Pathos „Es war, als säße Jim am Rand der Welt und blickte in ein erloschenes Universum, in dem nichts anderes mehr existierte als er selbst.“ S. 13. Die Handlung zitiert mehrere bekannte US-Film-Produktionen, einiges davon gab mir als Leser das Gefühl, am Ende einen Luftballon in der Hand zu halten, dem man die Luft herausgelassen hatte – will jemand wirklich solche Aufgaben, fragte ich mich schon bei „The Game“, dem Film. Spannend und unterhaltsam ist das allemal geschrieben, das schon. Ich kann sonst gut umgehen mit gelegentlichen Büchern, die nichts anderes sein wollen, als „Popcorn-Unterhaltung“ – zuletzt klappte das mit „Die Brut“. Leider nimmt sich „Ich bin die Nacht“ jedoch komplett ernst, weshalb ich mit der Bewertung da hinter „Die Brut“ bleiben möchte, tolle Gestaltung hin oder her, wenn auch nur sehr knapp. Never judge a book by its cover. Never.

Bewertung vom 01.06.2017
Sie sind da / Die Brut Bd.1
Boone, Ezekiel

Sie sind da / Die Brut Bd.1


sehr gut

"Der Zerstörer der Welten" oder: ein cooler Horror-Film in Buchform

"Da war es. Ein schwarzer Faden.
Aus dem Faden wurde ein Band.
Ein Fluss.
Eine Flut.“ S. 242
Das Buch hat richtig Spaß gemacht – also, bitte richtig verstehen, die Sorte Spaß, bei der man sonst in einem Kino oder sonstigem Sessel vor Bildschirm oder Leinwand sitzt, Popcorn und Limo daneben hat. Irgendwann sitzt man immer starrer, die Hand mit dem Popcorn bleibt in der Luft. Daheim zieht man die Decke hoch, faltet sich zusammen.

In verschiedenen Regionen der Welt geht Seltsames vor sich. In China explodiert eine Atombombe. Versehentlich? Eine Expeditionsgruppe hat eine unheilvolle Begegnung und verlässt den Dschungel nicht vollzählig. Nahe der Nazca-Linien wird ein seltsames Objekt gefunden. Langsam, aber unaufhaltsam wird der Leser hineingezogen, steigt die Spannung. Und langsam kommt es näher, es…„Du sagst, sie sind wie kleine Maschinen, die nur eine bestimmte Tätigkeit ausüben können. Richtig?“ S. 272

Das ist KEIN Buch für Leser, bei denen das Wort SPINNE nicht auftauchen darf (soviel MUSS man hier spoilern, das IST für einige ein No-Go). Ich bin jetzt kein Fan, habe aber auch keine Panik und fand das Buch daher absolut nicht eklig. Es ist irgendwie eher so geschrieben, dass man sich wie im Film fühlt – so ein Horror-Katastrophen-Weltuntergangs-Dings, Harrison Ford inmitten von Spinnen, Arachnophobia, Independence Day, Outbreak, wenn ganze Regionen abgeriegelt werden sollen und Menschen in Panik sind. Das bekommt keinen Pulitzer-Preis – aber ist sehr unterhaltsam. Da muss man dann auch nicht alles auf die Goldwaage legen – ich konnte das durchaus genießen und habe das Buch verschlungen, auch wenn einiges schon recht dick aufgetragen ist.

Soweit hat Autor Ezekiel Boone alles richtig gemacht (ein Pseudonym – wer’s wissen will: https://www.theglobeandmail.com/arts/books-and-media/summer-reading-an-excerpt-from-ezekiel-boones-new-thriller-the-hatching-and-a-qa-with-the-author/article30818000/)
Was stört? Die deutsche Übersetzung hat z.B. „Obstakel“ in den Text geschrieben – sinnvoller: Hindernis. Das Sprachniveau ist eher durchschnittlich, verlangt bei dem Genre auch nichts anderes – da wirken diese Patzer (nicht viele, doch einige) eher wie mit heißer Nadel gestrickt – das ist Jammern auf recht hohem Niveau, da die Fehler eher selten und „räumlich“ seltsam konzentriert sind (Übersetzergruppe statt des einen genannten?). Vergesst Diskussionen über die Glaubwürdigkeit; was man sich fragen muss, ist, ob man es mag, wenn man eigentlich zwingend den nächsten Band lesen muss, der im August kommt (oder gleich das Original davon lesen sollte, das gibt es schon)…ich werde es tun, gebe aber dafür einen Stern Abzug.

Bewertung vom 12.05.2017
Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge
Hogan, Ruth

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge


ausgezeichnet

Wohlfühlbuch mit einem Hauch Magie, viel Nostalgie und voller Humor und Zuversicht

„Charles Bramwell Brockley reiste allein und ohne Fahrkarte in dem Zug um 14.42 Uhr von London Bridge nach Brighton. Die Keksdose von Huntley & Palmers, in der er reiste, schwankte bedenklich auf dem Rand des Sitzes, als der Zug in Haywards Heath ruckelnd anhielt. Aber gerade, als die Dose nach vorn rutschte und auf den Boden des Waggons zu fallen drohte, wurde sie von zwei rettenden Händen aufgefangen.“ So lauten die ersten Sätze – die weiteren habe ich im Verlauf eines Tages inhaliert.

Das Buch will keinen Preis für hohe Literatur gewinnen – aber viele Leserherzen so wie meines. Das Bindeglied, der Kitt, die die vielen kleinen Geschichten im Buch verwebt und schließlich zusammenbringt, ist Anthony Peardew – und das Lied der Frau, die er geliebt hatte, Therese. „Anthony überraschte nichts mehr, doch ein Verlust, ob groß oder klein, bewegte ihn immer.“ Er hat seine über alles geliebte Therese verloren – und auch, was sie ihm zur Aufbewahrung gegeben hatte. Dafür sammelt er, was andere verloren haben, wie besagte Dose mit Charles Bramwell Brockley, ordentlich etikettiert, mit dem Ziel der Rückgabe. Jetzt sieht er seine Kräfte schwinden – aber da ist seine Assistentin, Laura. Auch sie hat Verluste erlitten – eine Fehlgeburt, die gescheiterte Ehe – am meisten aber hat sie sich selbst verloren, die Zuversicht, das Zutrauen in sich selbst, ihre früheren Pläne.

Das Buch wechselt die Zeitebenen und die Perspektiven zwischen diesen und noch weiteren Protagonisten, man beginnt dabei immer mehr zu erahnen, wie viele dieser Handlungsstränge zusammenführen könnten. Dabei scheut die Autorin deutliche Worte nicht, wie zum verlorenen großen blauen Knopf – Margaret. „Sechsundzwanzig Jahre waren sie verheiratet, und er hatte sich Jahr für Jahr die größte Mühe gegeben, Margaret zu zeigen, wie sehr er sie liebte. Er liebte sie mit seinen Fäusten und seinen Füßen. Seine Liebe war die Farbe ihrer Prellungen.“ Oder, wiederkehrend, der Handlungsstrang mit Eunice und Bomber: „Bomber sagte, das Wunderbare an Büchern sei, dass sie Filme seien, die sich im Kopf abspielten.“ Ja, das war ein wunderbares Kopfkino.

Autorin Ruth Hogan baut geschickt die Bögen, Brücken und Nebenstraßen ihrer Welt, die durchaus magische Komponenten hat – so wie Sunshine, die Tochter der Nachbarn, die von Kindern früher gehänselt und als behämmert beschimpft wurde, die aber nicht nur erstaunlich klar sieht, sondern auch den wahren Charakter von manchen Dingen intuitiv erfasst, so wie die Geschichten über die verlorenen Gegenstände, von denen doch eigentlich keiner wissen kann, oder wie die Musik, die plötzlich erklingt. Einem anderen als diesem bezaubernden Buch würde ich Kitsch vorwerfen – sollte das hier jemand versuchen, könnte ich mir gut vorstellen, dass dieser Mensch sicher nicht nur keine Hunde mag, keine Gimlets oder keine gute Tasse Tee, aber dafür ihn doch bitte nächtliche Musik heimsuchen möge: Al Bowlly: The very thought of you.

Perfektes Getränk zum Buch: Eine gute Tasse Tee – und später ein Gimlet.
Perfekter Film nach dem Buch: Einer flog über das Kuckucksnest.
Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Buch den gleichen Lesern gefallen könnte wie „Mr Gwyn“ von Alessandro Baricco (ohne die verschlungenen Gedankengänge) und vielleicht auch den Lesern von „Ein Mann namens Ove“ von Fredrik Backman, primär bezüglich der emotionalen Komponente.

Bewertung vom 10.05.2017
Wenn das Eis bricht
Grebe, Camilla

Wenn das Eis bricht


ausgezeichnet

Achtung, Erwartungshaltung: Wirklich gut, doch eher Psychodrama denn Psychothriller

„Wieder stellt sich dieses Gefühl ein: Ich bin in einem Film, bewege mich durch einsame Kulissen, auf dem Weg zu irgendeiner Lösung. Aber was für ein Film das ist, weiß ich nicht. Ein Drama, ein Thriller? Eine Tragödie?“ S. 295 Emma, Hanne, Peter – aus der Sicht der drei Protagonisten als Ich-Erzähler lesen wir diesen Roman. Der Satz könnte für sie alle stehen. Emma ist Verkäuferin bei einer Bekleidungs-Kette, nachdem sie die Schule nicht beendet hatte, weil da zu viel in ihrer Kindheit war, Nagel, ihre Eltern und Alkohol. Jetzt hat sie eine heimliche Beziehung. Hanne, Verhaltenspsychologin, brachte die letzten zehn Jahre die Energie nicht auf, ihren Mann zu verlassen, wie damals, vor zehn Jahren. Überall in der Wohnung sind Merkzettel. Peter ist bei der Mordkommission und egal, was er tut, er wird die Toten nicht zurückbringen. Vor Beziehungen flüchtet er, da sind einfach zu viele Gräber auf dem Friedhof.

„Wer dein Freund und wer dein Feind ist, weißt du erst, wenn das Eis unter deinen Füßen bricht“ – dieses Inuit-Sprichwort ist vorangestellt und in vielerlei Sicht programmatisch. Die Handlung ist kurz vor Weihnachten angesiedelt, es taut, aber meistens ist die Atmosphäre düster, bedrückend, sind die Protagonisten gefangen in ihrer jeweiligen Einsamkeit. Die Parallelen sind schon erschreckend, vor allem, wenn sich die Geschichten mehr und mehr offenbaren, sich die Handlungsstränge aufeinander zu bewegen.

Wollte ich das Buch als einen Psychothriller hier beschreiben, wäre das so: Was ist der Zusammenhang zwischen einem Mord auf Södermalm vor zehn Jahren, einer vor 3 Wochen niedergebrannten Garage eines umstrittenen Chefs einer erfolgreichen Bekleidungskette – und der Frau, die in seinem Haus gefunden wurde – tot, enthauptet, mit dem Kopf aufrecht daneben gestellt? Zwei Streichhölzchen bringen die Ermittlungen weiter.

Ja, das ist geschieht – aber es ist KEIN reißerischer Thriller, es wird nicht geschwelgt in Blut, Rache, sexuellem Missbrauch, somit ist das Buch auch für empfindlichere Personen geeignet, auch wenn die Ermittlungen rund um diese enthauptete Frau aufgespannt werden. Es ist weniger ein Psychothriller, die Tat ist quasi das Vehikel, anhand dessen das Drama hinter der Tat erzählt wird, und nicht nur dieses, sondern die Dramen aller Personen, in all ihrer bedrückenden Parallelität. Das ist gut geschrieben, ich brauchte nur, um zu schlafen, zwei Tage für die Lektüre – aber ich richte mich auch schon lange nicht mehr nach Klappentexten oder vorgeblichen Buchkategorien. Stattdessen hätte ich mir die Geschichte mit einem leicht anderen Fokus auch durchaus schlicht als anspruchsvollen Roman zu genannten Themen denken können, das sollte man als Leser wissen. Sprachlich hat die Autorin das drauf, auch wenn sie sonst bisher mit ihrer Schwester gemeinsam Kriminalromane geschrieben hat, in der Konstruktion, den Ideen und so schönen Erkenntnissen wie „Liebe ist ein Reflex, denke ich. Etwas, das wir einfach tun, wie schlafen oder essen. Und vielleicht verlieben wir uns in einen Menschen, der uns bekannt vorkommt, wie Heimat irgendwie. Der uns daran erinnert, wie das Leben war, ehe wir von all den Verlusten getroffen wurden.“ S. 570 Eine positive Überraschung, aber anders, als gedacht!

Kritikpunkte: könnte bitte ein Mann nicht einfach nur Bindungsängste haben (das soll es nämlich wirklich einfach so geben; ja, das meine ich zynisch), OHNE dass eine Tragödie erzählt und damit das Klischee des beschädigten Ermittlers bemüht werden muss? Außerdem moniere ich die Aufmachung des Buches: 608 Seiten finde ich nicht praktisch für ein Taschenbuch – das kann man nur sehr schwer ohne Leserillen auf dem Buchrücken lesen und überhaupt halten, auch wenn Klappenbroschur dafür schon die deutlich höherwertige Aufmachung ist und die hängenden Eiszapfen als Lack schön und passend zu Titel, Motto und Jahreszeit ist.

Bewertung vom 01.05.2017
Der Näher / Martin Abel Bd.3
Löffler, Rainer

Der Näher / Martin Abel Bd.3


ausgezeichnet

Innere Verbundenheit...

Martin Abel, Fallanalytiker beim LKA Stuttgart, muss nach Gummersbach – zu einem vermeintlichen Cold Case. Zwei Frauen sind verschwunden, haben Abschiedsbriefe hinterlassen. Abel sieht Ungereimtheiten, stößt aber bei der lokalen Polizei auf wenig Gegenliebe. Bei dem Ehemann einer der Frauen hätte man jedes Verständnis für ihren Ausbruch aus dem bisherigen Leben – doch dann wird eine dritte Frau vermisst gemeldet. Die Suche nach ihr führt an einen Ort des Schreckens. Was mit einer einbetonierten mumifizierten Frau beginnt, die kurz zuvor entbunden hat und noch im Todeskampf versuchte, ihr Baby hoch über den Beton zu halten, kann kaum gut weitergehen…

Autor Rainer Löffler variiert in diesem Buch die Perspektiven – wir lesen aus der Sicht von Abel und seinem Umfeld, aus der Sicht des Täters und aus der der Opfer. Reizvoll ist dabei, dass man hier nicht zu einem Erkenntnisvorsprung kommt – man kann selbst mitgrübeln, sonst eher krimitypisch, was mir gefällt. Nicht falsch verstehen: das hier IST ein Thriller, und zwar einer für die Leser, die sonst Cody McFadyen mögen, Criminal Minds, Ethan Cross oder Dania Dicken – dort wo eine Auswahl besteht, bei den krankeren Folgen…wobei es hier, soviel darf ich spoilern für die, die dabei empfindlich sind, KEIN Schwelgen in sexuellen Übergriffen gibt. Hier findet das Grauen im Kopf des Lesers statt, wenn man das Ergebnis der kranken Phantasie vor sich sieht oder die Planung des Täters verfolgt oder seine Träume (mit) analysiert.

Ich kann Abel richtig gut leiden, auch die Informationen über seine Arbeit machen Freude. Er erklärt seine Aufgabe als Faktenvergleichen, zum Beispiel durch Dateneingabe in die Datenbank – und verstört damit zu Beginn den „Criminal Minds“-gewohnten BKA-Nachwuchs: „Und was ist mit den Erkenntnissen, die man dadurch erzielt, sich in die Gedankenwelt eines Serientäters hineinzuversetzen?“ S. 22. Er hasst diese Frage. Typische Psychologiestudenten. Mit Auszeichnung. Was denn sonst. „Wenn sie das Gefühl haben, auch stark genug für die Empfindungen der Opfer zu sein, dann können wir heute Nachmittag mit den Aspekten der Täter-Opfer-Beziehung fortfahren.“ S. 26 Abel ist schon so eine Type. Seine Freundin und Kollegin sähe ihn gerne mit etwas gesünderen Verhaltensweisen, da überlegt er dann abends: „Er könnte ja ausnahmsweise mit etwas Vegetarischem beginnen. Eine Pizza Funghi zum Beispiel oder Pommes rot-weiß.“ S. 207

Der Fall selbst ist richtig krank – also, nicht falsch verstehen, ich lese ja sowas. Ich hätte das nur etwas leichter genommen, wenn nicht Schwangere und Babys und Tiere betroffen wären – bei DIESEN Opfern ist bei mir die Grenze, auch, wenn das megaspannend geschrieben ist und ich zugegebenermaßen an den Seiten klebte.

Es gibt ein paar minimale Logikfehler – keine schlimmen, eher die Sorte, die vielleicht ein Lektor hätte bemerken können; so kommt man kaum nach der Arbeit (also eher werktags und abends) von Wiesbaden, Äppelallee, in zwei Stunden mit dem Auto nach Freiburg. Und wer war noch zum Ende mit der Ärztin zusammen? Sowas an „Kleinvieh“ halt…keine groben Schnitzer, keine unglaubwürdigen Charakteränderungen (obwohl die des einen Opfers anfänglich so hätte erscheinen können, aber richtig gut aufgelöst wurde – von der Sorte geschickter Handlungsführung gibt es mehr, ich sage nur, Tattoos auf den Fingern, quer über das komplette Buch).

Ich konnte das Buch ohne jegliche Vorkenntnisse der zwei Vorbände lesen – aber ich glaube, ich will mehr.

Bewertung vom 20.03.2017
Der grüne Palast
Hohmann, Peggy

Der grüne Palast


ausgezeichnet

Hélas! Welch vorzügliche Wahl…


...hat Peggy Hohmann getroffen, als sie sich für einen Briefroman entschied, um ihrem historischen Roman über das Leben der Erzherzogin Leopoldine von Österreich, geboren 1797 in Wien, gestorben 1826 im Palast Boa Vista bei Rio de Janeiro als Kaiserin von Brasilien, Form zu geben.

Häufig sind historische Roman nicht vor Kitsch gefeit, dient ein grober historischer Hintergrund nur als Kulisse für eine belanglose Liebesgeschichte. Nicht so hier, die Erzherzogin ist wie die meisten anderen Charaktere des Romans – unter anderem Fürst Metternich und der Vater Leopoldines, Kaiser Franz I. von Österreich – sehr real. Natürlich hat die Autorin damals „nicht die Lampe gehalten“, die Handlung kann nur nachempfunden sein – das tut sie aber, mit Verlaub, trefflich gut (ja, auch sprachlich, das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Leserin).

Jetzt hat umgekehrt der Briefroman oft den Nachteil einer gewissen Blutleere für heutige Leser durch gestelzt anmutende Formulierungen in nicht mehr gewohnter Länge, aber auch hier hat die Autorin wieder eine vorzügliche Wahl getroffen, indem sie sich entschieden hat, häufig kurze Briefe zwischen zu schieben, in denen die wechselnden Charaktere teils die gleiche Situation aus ihrer jeweiligen Sicht beschreiben, was die Dialoge eines konventionellen Romans gut zu ersetzen in der Lage ist UND die Handlung voranzutreiben vermag. Ein Briefroman ermöglicht einen Blick auf Situationen und Landschaften nur durch die Darstellung der jeweiligen Briefschreiber, ist somit naturgemäß indirekter; dafür eröffnet sich eine wunderbare Möglichkeit zu einer gewissen hintergründigen Ironie, die sonst schwer fallen dürfte. So kann die Gräfin Lazansky, Hofdame Leopoldines, an ihre Schwester schreiben „Jedenfalls lasse ich keinen Augenblick ungenutzt, vor allem Leopoldine in die weiblichen Strategien einzuweihen, Schicksalsschläge wie die Ehe zu meistern.“ S. 16 oder der Erzherzogin vor ihrer Hochzeitsnacht raten: „Tun Sie, was er von Ihnen verlangt. Denken Sie an Österreich.“ S. 152 Die Kapitel sind klug eingeteilt in die jeweiligen Lebensstationen; die Jugend, die Reise Richtung Brasilien und so weiter.

Ich fühlte mich gebannt, gut unterhalten und konnte Informationen aus der Lektüre quasi nebenbei ziehen, von einer Einordnung zu Zeitgenossen der Erzherzogin beginnend wie der Milder, Liszt, Goethe, den ersten schwarzen Hausdienern oder Wilhelmine Reichard mit ihrem Heißluftballon bis hin zur politischen Entwicklung Brasiliens als zunächst portugiesischer Kolonie mit bestehender Sklaverei und Ausbeutung von Bodenschätzen und Bevölkerung durch das Mutterland Portugal. Auch die Beweggründe Österreich und die Sorge vor republikanischen Bewegungen finden nachvollziehbaren Anklang, so dass ich begeistert zurückbleibe. „Der grüne Palast“, jener goldene Käfig, den Leopoldine in der überbordenden Landschaft Brasiliens letztlich erlebte, eignet sich somit sowohl als unterhaltsame wiewohl fesselnden Lektüre als auch für den historisch Interessierten, sowohl zu Brasilien, als auch zur Situation der Habsburger, Metternichs und Portugals zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Zeit, die die Nachwirkungen Napoleons stark spürte.

Es empfiehlt sich der Einstieg über den Anhang ab S. 369, in dem ein kurzer Überblick über die realen und die zusätzlich erfundenen Personen und den jeweiligen Wahrheitsgehalt gegeben wird, darüber hinaus empfiehlt sich wie fast immer Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/MariaLeopoldinevon_%C3%96sterreich – wobei man die Recherche nicht wirklich zwingend unternommen haben muss, so hervorragend macht die Autorin ihre Arbeit, wie einem der Artikel vielleicht aber hinterher bestätigen mag.

Bewertung vom 25.02.2017
Die Stierin
Stift-Laube, Andrea

Die Stierin


ausgezeichnet

Nein, dieses Buch will ich NICHT mit jedem teilen – dazu ist es zu einzigartig!

Ich bin beeindruckt nach der Lektüre. Teilen will ich das Buch NICHT mit jedem – dieses Buch möchten bitte nur die Leser zur Hand nehmen, die bereit sind, sich auf ein ganz spezielles Erlebnis einzulassen. Sie werden belohnt werden.

Grandios: Doppelbödig, mythologische Komponenten, fesselnd, verstörend, sehr eigen, (heraus-)fordernd, komplex, lässt innehalten: belohnt

Mythologische Komponenten:
Die keltische Maeve, Halbgöttin und Königin, ist eine zentrale Figur der irischen Mythologie, für ihre Mannstollheit bekannt, stark und unerbittlich. Im wohl bekanntesten Epos Irlands will Maeve mit ihrem Mann gleichziehen, der im Gegensatz zu ihr einen sehr starken Stier besitzt. Als sie den von ihr daraufhin erworbenen Stier in den Kampf gegen seinen schickt, endet das für beide Tiere mit dem Tod.

sehr eigen: Maeve trifft auf Maeve, die keltische Sage wird transponiert in die Gegenwart. Die Maeve der Gegenwart besitzt einen Käseladen. Die keltische Maeve wurde mit einem Stück Käse getötet. Ein Chor. Das klingt eigen und ist es, ist aber (ganz definitiv) kein Fantasyroman, sondern ein von den reinen Worten her nicht abgehobener, aber sehr literarischer, sehr reicher und symbolhafter Text, denn was hier gemein(sam) ist, ist

verstörend: es wird berichtet von männlicher Gewalt, damals – und heute. „Vor einigen Tagen zwang er mich auf die Knie und ich musste so verharren. Das war alles.“ S. 22 Das bleibt nicht „alles“. Beide Frauen verschweigen die Tat. „Man hätte sie mit Mitleid, mit Gerüchten und abschätzigen Blicken ein zweites Mal in den Schmutz getreten.“ S. 124

(heraus-)fordernd, komplex, lässt innehalten: die „nur“ 176 starken Seiten habe ich aus der Anregung der Leserunde in drei Abschnitten gelesen. Diese haben mir gut getan; die wenigen Seiten sind so komprimiert, dass ich vielfach zurück- und vorgeblättert habe. Der Text ist unglaublich überdacht konstruiert, da ist nichts Zufälliges – selbst die Symbole über den Texten zum Chor haben ihren Sinn.

Ich habe drei Abende lang gelesen – immer wieder musste das Buch hingelegt werden, um Platz zu schaffen für die hervorströmenden Assoziationen und Gedankenspiele, die mich auch durch die Tage begleiteten. Da geht es um männliche Gewalt und weibliches (Er-)Dulden, um Rache, um Kampf, um weiblichen Neid, um Selbstwert. Ich fühle mich belohnt – und empfehle die Lektüre, bitte erst nach Austesten anhand der Leseprobe. Dieses Buch ist zu toll, um schlechte Bewertungen anhand einer falschen Erwartungshaltung zu verdienen. http://www.kremayr-scheriau.at/assets/buxmedia/9c9f9fb47562fc98e341896908b85a91.pdf

Übrigens macht der Verlag Kremayr & Scheriau alles alles richtig bei der Gestaltung seiner Bücher, dies waren meine ersten (gleichzeitig mit "Fliegenpilze aus Kork"). Da gibt es Lesebändchen selbst bei einer geringen Seitenzahl von knapp unter zweihundert Seiten, diese sind auf haptisch angenehmem (und gut duftendem!!) Papier gedruckt, es gibt zusätzlich zum Umschlagdesign ein dazu passendes Design des eigentlichen Einbandes - die roten Haare setzen sich fort. Auf dem Vorsatzblatt sind die roten Haare spiegelverkehrt; also rote Farbe als Hintergrund und die Haare in weiß. Und die eigentlichen Buchdeckel des Buches unterhalb des Schutzumschlages sind wiederum dazu gespiegelt. Das Foto davon hängt an. Das ist genial (ich mag keine Cover – aber so etwas ist schon ein bisschen sehr cool) – und die verschiedenen Bücher des Verlages sind bei sonst unterschiedlicher Gestaltung von den Buchrücken her eindeutig zueinander passend. Etwas für alle Sinne, das freut das Bücherherz!

Bewertung vom 25.02.2017
Das Buch der Spiegel
Chirovici, E. O.

Das Buch der Spiegel


ausgezeichnet

Von der Kunst der Vivisektion des menschlichen Geistes

Richard Flynns Manuskript-Anfang weckt das Interesse von Literaturagent Peter Katz – Stil und Inhalt sind gut, anders. Er und wir lesen über ein Ereignis, das sich während Flynns Zeit in Princeton zutrug, über Flynns Mitbewohnerin Laura Baines und über den charismatischen Psychologie-Professor Joseph Wieder. Flynn schreibt über seine Beziehung mit Baines und deren und seine Arbeit für Wieder.

Warum sollte das jemanden interessieren? Nun, Wieder wurde ermordet, kurz vor Weihnachten. Und an genau dem Abend, als Wieder ermordet werden wird, endet der Ausschnitt aus dem Manuskript - als sich Flynn auf den Weg zu Wieders Haus macht. Und die Verdächtigen? Zuhauf. Da wird gesagt „Für jemanden wie Richard Flynn…existieren die Grenzen zwischen Fiktion und Realität nicht oder sind sehr durchlässig.“ S. 151f Und zu Laura heißt es „Stand ihr aber jemand im Weg, war der ein Hindernis und musste weggeräumt werden.“ Und das Opfer selbst soll die „Kunst der Vivisektion des menschlichen Geistes“ S. 217 beherrscht haben – und obendrein geheime Experimente für das US-Militär durchgeführt haben.

Warum ist das ein fesselndes Buch? Autor E.O. Chirovici (gesprochen „Kirowitsch“ laut Verlag, danke) schreibt dieses Buch aus mehreren Perspektiven. Er leitet ein mit dem Literaturagenten Katz, wechselt zum Manuskript-Flynn, zwei weitere Personen kommen noch zu Wort. Und mit jeder neuen Perspektive wechselt auch der Schreibstil, weshalb der Roman zum einen literarischer ist als der Durchschnittskrimi, und, was noch mehr ist: die Informationen rücken von Seite zu Seite in ein jeweils neues Licht, nicht nur durch die Erzähler, mehr noch durch die verschiedenen Personen, die diesen Erzählern Auskunft geben zu den damaligen Ereignissen.

Aber - warum „Das Buch der Spiegel“ lesen und nicht einen x-beliebigen Krimi? In den meisten spannenden Büchern gibt es ein einfacheres Weltbild. Da ist der Ermittler(-trupp), dem gegenüber die Verdächtigen, deren Aussagen von den „Guten“ sozusagen durch diese objektiviert aufgenommen werden. Menschliche Fehler durch subjektive Wahrnehmung sind quasi ausgeschlossen. Das widerspricht natürlich der Realität – lässt sich aber gut (und auch meistens von mir gerne) lesen – ist jedoch gelegentlich doch eher schlicht. Entsprechend lege ich an die Bewertung von spannender Literatur durchaus geringere Maßstäbe an als an anspruchsvolle Bücher. Chirovici durchbricht diese Begrenzungen – und dennoch bleibt sein Roman genauso spannend und locker-fix lesbar wie das Genre.

„One man’s truth is another man’s lie“ wird der englische Originaltitel „The Book of Mirrors“ beworben – im Buch selbst heißt es am Ende „Alle hatten sich geirrt und durch die Fenster, in die sie zu spähen versuchten und die sich am Ende alle als Spiegel herausstellten, nur immer sich selbst und ihre eigenen Obsessionen gesehen.“ S. 307 Was Agatha Christies Poirot zum Ende meist vor einem Kamin vornimmt, wenn er über die diversen Lügen und Verschleierungsmotive zum Mörder gelangt, davon gelingt Chirovici mit seinem Ende gewissermaßen die Potenzierung.


Diesmal Empfehlung für einen Folge-Film: Rashomon von Akira Kurosawa (bitte nicht das Hollywood-Remake, auch wenn sonst Paul Newman ein toller Schauspieler ist)

Bewertung vom 20.02.2017
In jedem Augenblick unseres Lebens
Malmquist, Tom

In jedem Augenblick unseres Lebens


sehr gut

In Todesnähe gibt es eine besondere Art von Wirklichkeit, die alle Schutzmaßnahmen niederreißt, bis man gezwungen ist, dem Leben ohne Hoffnung auf Verschonung zu begegnen

„Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest. Mit lauter Stimme informiert er die Krankenschwestern, die Karins Top und Sport-BH aufschneiden: Patientin schwanger, Kind laut Angaben wohlauf, dreiunddreißigste Woche, vor etwa fünf Tagen grippeähnliche Symptome, Fieber, Husten, leichte Atemnot, der Schwangerschaft zugeschrieben, heute akute Verschlechterung, schwere Atemnot, vor einer Stunde hier in der Geburtsklinik erschienen.“ S. 7 Das sind die ersten zwei Sätze des Buches – sie läuten die ersten knapp 100 Seiten ein, die genau das beschreiben, was man aus dem Klappentext erwartet: Karin werdende Mutter, Lebensgefährtin des Autors, ist in Lebensgefahr.

Ich konnte mich auf das Thema einlassen, kenne – mit gutem Ende – dieses Gefühl des aus-der-Welt-Fallens in den Fluren eines Krankenhauses. Der Autor schrieb bis dahin Gedichte, Songtexte, dies ist sein Debüt. Er (be-)schreibt mehr die Fakten als Emotionen, gerade auch in der Zeit nach dem Tod seiner Frau, zurückgelassen mit der Neugeborenen. Die Trauer merkt man mehr in den Neben-Informationen, den Gesprächen mit der Psychiaterin, den Reaktionen von Freunden und Familie – alles wenig verwunderlich. Er funktioniert.

Man muss sich an den Schreibstil des Buches, eher Biographie denn Roman, gewöhnen, an stream-of-consciousness-Manier ohne gekennzeichnete wörtliche Rede und häufig ohne klar benannte Sprecher. „Wie alt ist eigentlich Karins Bruder?, fragt Alex. Vor etwa einem Monat haben wir seinen Vierzigsten gefeiert, wieso?, will ich wissen. Ich war ihm noch nicht begegnet, und was machen Karins Eltern, fragt Alex. Du meinst, was sie arbeiten?, frage ich.“ S. 89 Der Effekt war dann auf mich auch tatsächlich der, ganz unmittelbar am Geschehen dran zu sein, nicht einmal von bestimmten Sprachnormen gefiltert. Dazu gibt es auch häufige zeitliche Rücksprünge.

Ich habe den Roman mit Sympathie gelesen, mag gelegentlich gerne Biographien. Ich kann nachvollziehen, dass man bei einem Schicksalsschlag, besonders bei Trauer, das Bedürfnis verspürt, darüber zu reden – ein Buch daraus zu machen, ist für mich immer grenzwertig zu „Betroffenheitsliteratur“. In diesem Dilemma bin ich auch hier.

Ein tolles Buch, das Malmquist seiner Tochter geben kann darüber, wie ihre Mutter war, die sie nie kennenlernen durfte, wohl aber die Trauer des Vaters; vielleicht auch für die Familie, Freunde, für sich selbst.
Kann Malmquist eindringlich schreiben: ich finde, ja.
Ein tolles Buch für jedermann: ich finde – nein. Dazu ist das zu sehr eine rein persönliche Geschichte, bei der der Autor aber natürlich jegliches Recht hat, diese offen kundzutun.
4 von 5 Sternen, weil mich der Text berührte.

Nachtrag:
Ich schreibe üblicherweise erst meinen Kommentar und lese dann die von anderen – dabei ergänze ich gelegentlich, wenn ich einem häufigen Tenor nicht beipflichte. Ich habe „kalt“ als Beschreibung für Malmquists Buch gelesen, „gefühllos“ – nein, nicht nach meiner Meinung. Malmquist beschreibt bereits sein Handeln im Krankenhaus als von Panik getrieben. Er beschreibt die Angst, mit seiner Tochter etwas falsch zu machen – er beschreibt keine Weinkrämpfe, ist eher lakonisch, vielleicht auch erstarrt. Ich mag nicht, dass heute nur als „authentisch“ gilt im Zeitalter von Castingshows, wer geradezu hysterisch, laut wird. Erst mit den letzten Seiten scheint Malmquist sich aus dieser Erstarrung zu lösen, teilt er seine Tränen mit. Von dort stammt auch das Zitat, das zu meinem Titel führte, er redet dabei seine Partnerin direkt an und erinnert sich „…du siehst mich an und erzählst, dass es in Todesnähe eine besondere Art von Wirklichkeit gibt, eine, die alle Schutzmaßnahmen niederreißt, bis man gezwungen ist, dem Leben ohne Hoffnung auf Verschonung zu begegnen..“ S. 288

Bewertung vom 18.02.2017
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Pásztor, Susann

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster


ausgezeichnet

„Ich schreibe eigentlich nur noch Listen. Für alles andere fehlen mir die Worte.“

Fred Wiener ist so neurotisch wie eine Hauptfigur in einem älteren Woody-Allen-Film: „War er irgendwo mit jemandem verabredet, was selten genug vorkam, schlenderte er immer ein wenig auf und ab und entfernte sich dann so weit, dass er den Treffpunkt noch gut im Auge behalten konnte, um sich bei der ersten Sichtung der anderen Person wieder dem Ziel zu nähern.“ S. 11 Für seine Kollegen ist er nur der Langweiler, das „Wienerwürstchen“ – und hat sich zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter ausbilden lassen, aus Angst, sein Leben sei belanglos. So gerät er an Karla, die alles ist, aber nicht unentschieden oder „lauwarm“. Karla fordert ihn heraus in seiner Komfortzone. Auf „Was würden Sie denn gern tun mit der Zeit, die Ihnen noch bleibt?“ entgegnet Karla „Ist das Ihr Unterhaltungsprogramm für Sterbende, Herr Wiener?“

Phil ist der 13-jährige Sohn des alleinerziehenden Fred, viel zu klein für sein Alter, Schreiber von Gedichten und mit seinem Vater in einem „Nichtangriffspakt“ lebend, aus dem heraus Fragen nicht gestellt und Antworten nicht erwartet werden, besonders, was Phils Mutter betrifft. Auch er begegnet Karla: „Er suchte nach seiner Angst und fand sie weit hinter seiner Neugier und etwas anderem, das mit Bewunderung zu tun hatte.“ S. 76


Mit großem Einfühlungsvermögen für die Situation und für die Personen schildert Susann Pásztor ihre Geschichte dieses Aufeinandertreffens von wunderbaren Charakteren (wann schon kann man sich gleichzeitig in etlichen Zügen mit einem Teenager, einem Mann Mitte Vierzig und einer älteren Dame identifizieren?) – die feine Ironie dazu ist geradezu hinreißend. „Was sah sie [Karla] in ihm [Fred]? Einen Gesandten des Todes? Einen zukünftigen Beistand für schwere Stunden? Einen schwitzenden, übergewichtigen Mittvierziger?“ S. 13

Dieses Buch über eine Sterbebegleitung zelebriert doch vor allem das Leben, aber auf eine so mitreißende und bewegende Art, das ich es geradezu verschlungen habe. Für dieses Buch benötigt man Zeit – nein, es sind nur 288 Seiten, die sich noch dazu fix und leicht lesen lassen. Aber man möchte dieses Buch nicht unterbrechen MÜSSEN und daher sollte man es nur anfangen, wenn man miteinander auch ungestört sein kann; auch, um gelegentlich innehalten zu können.

S. 18 „Wenn ich Listen schreibe, dann sind es welche, auf denen steht, welche Todesarten mir noch weniger gefallen als die, an der ich sterben werde. Ich schreibe Listen mit meinen gebrochenen Versprechen und all den Dingen, an die ich nie geglaubt habe. Ich schreibe eigentlich nur noch Listen. Für alles andere fehlen mir die Worte.“

Und ich – muss eindeutig wieder einmal weniger Listen schreiben…