Benutzername: Winfried Stanzick
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Insgesamt 1782 Bewertungen
Bewertung vom 24.05.2017
Gott, hilf dem Kind
Morrison, Toni

Gott, hilf dem Kind


ausgezeichnet

Toni Morrison, Gott, hilf dem Kind, Rowohlt 2017, ISBN 978-3-498-04531-9

In ihrem neuen, knapp 200 Seiten umfassenden Roman, erzählt die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, mittlerweile 86 Jahre alt, in wechselnden Perspektiven die Geschichte von Menschen, die alle unter einem dunklen Geheimnis leiden, eine alte Schuld mit sich herumtragen und erst wieder heil werden, als sie spüren, dass ihrem inneren Kind geholfen werden muss, wollen sie wieder heil werden. Dass diese Heilung eine auch spirituelle Dimension hat, daran lässt Toni Morrison schon bei der Wahl des Buchtitels (im Original „God help the Child“) keinen Zweifel.

Zunächst erzählt eine Frau namens Sweetness, wie sie damals, als ihre Tochter Lula Ann auf die Welt kam, fast zu Tode erschrak, als sie sah, wie tiefschwarz dieses Baby war. Der Mann und Vater des Mädchens verlässt beide sofort, weil er nicht glauben kann, dass er wirklich der Vater ist. Aus Angst vor rassistischen Angriffen erzieht sie ihre Tochter zu Gehorsam, Unterwürfigkeit und Anpassung.

Doch die heranwachsende Tochter wehrt sich gegen diese verordnete Angepasstheit. Sie nennt sich Bride, kleidet sich provokativ ganz in Weiß und macht eine steile Karriere bei einer Kosmetikfirma mit einem eigenen von ihr entwickelten Produkt.

Bride lernt einen Mann kennen, ein Mann der sie wirklich liebt. Doch die Beziehung scheitert, zum einen an der Last der Schuld, die Bride mit sich herumträgt, zum anderen an dem tiefen in seiner eigenen Kindheit wurzelnden Schmerz.

Als Bride jene Frau besuchen will, die sie durch ihre Aussage als Kind ins Gefängnis brachte, fällt jene über sie her und verletzt sie schwer. Von ihrer Kolegin Booker unterstützt, beschließt Bride während ihrer Rekonvaleszenz sich nicht nur auf die Suche nach sich selbst zu machen, sondern auch nah jenem Mann, den sie immer noch liebt.

Als sie sich schlussendlich in ihren Schmerzräumen und - geschichten treffen deutet sich eine Chance auf Heilung an. Doch auch ihr Kind wird es nicht schaffen ohne Gottes Hilfe.

„Gott hilf dem Kind“ ist ein Buch voller Altersweisheit, in dem es neben den nach wie vor wirksamen Folgen des Rassismus in den USA um Verantwortung geht und um menschliche Fehlbarkeit und Schuld. Es geht um die Dimensionen afroamerikanischen Selbsthasses und um die Schatten einer schwarzen Kindheit. Vier verschiedene Ich-Erzählerinnen verteilen zunächst lose Fäden, die sich dem Leser aber später zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.

Es erzählt eine Geschichte voller Kraft, leidenschaftlich, eine Geschichte, die im Leser lange nachklingt.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.05.2017
Stille Wasser
Leon, Donna

Stille Wasser


ausgezeichnet

Donna Leon, Stille Wasser. Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-06988-4

In ihren neuen, dem mittlerweile sechsundzwanzigsten Fall ihres venezianischen Commissarios Guido Brunetti, findet Donna Leon nach dem schon viel besseren letzten Fall wieder zu alter literarischer Stärke zurück. Zwar wird wieder, wie das in Italien eher die Regel zu sein scheint, der Schuldige nicht gefunden und verurteilt, aber daran hat man sich mittlerweile auch bei anderen Autoren wie etwa bei Camilleris Montalbano, schon gewöhnt.

„Stille Wasser“ zeigt Donna Leon, ihren Brunetti und auch die Lagune von Venedig von einer anderen, sehr nachdenklichen und philosophischen Seite.

Nachdem Brunetti bei einem Verhör eines hochrangigen Bürgers, der natürlich am Ende nicht für das Verantwortung übernehmen muss, was er offensichtlich getan hat, seinem Kollegen zur Hilfe kommt, der aus Wut kurz davor ist, dem Verdächtigen, dem Anwalt Antonio Ruggieri an den Kragen zu gehen, indem er einen Schwächeanfall vortäuscht. Das Verhör wird abgebrochen, Brunetti mit Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik gebracht und von dort mit dem dringenden Rat für eine berufliche Auszeit wieder entlassen.

Da es seinem schon lange gespürten Bedürfnis entgegenkommt, nimmt Brunetti diesen Rat an, und verbringt unter Vermittlung seiner Frau Paola zwei Wochen in einem Haus von Paola Verwandten auf der Insel Sant`Erasmo in der Lagune von Venedig.

Dort wohnt auch der alte Davide Casati, ein Mann, mit den Brunettis Vater schon ruderte und ein legendäres rennen gewann. Brunetti und Casati kommen sich bei zahlreichen Rudertouren durch die Lagune näher. Auf diesen Touren erfährt er viel über das bedrohte und schon stellenweise zerstörte Ökosystem der Lagune und das rätselhafte Sterben von vielen von Casati Bienenvölkern, die er auf vielen verschiedenen Inseln der Lagune aufgebaut hat.

Man ahnt als jemand, der vor Jahrzehnten genau die Nachrichten verfolgt hat, schon etwas davon, dass es wahrscheinlich um irgendeinen Umweltskandal gehen wird.

Und als Casati, dessen Frau vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist, wofür er sich die Schuld gibt, eines Tages nicht mehr auftaucht und verschwindet, überredet Brunetti seinen Kollegen Vianello, sich kran k schrieben zu lassen und sozusagen undercover mit ihm nach Casati zu suchen.

Und sie kommen auf ganz alte Spuren und einen unglaublichen Skandal.

Donna Leon betont schon in ihren letzten Romanen immer wieder, in welch schrecklichem Zustand Venedig und seine Umgebung durch immer mehr Touristen und Umweltsünden sich befinden. Man spürt ihrem Buch ab, wie sehr sie unter dieser immer negativeren Entwicklung leidet und sie lässt auch ihren Commissario an ihrer Skepsis teilhaben.

„Stille Wasser“ ist trotz seiner klug aufgebauten Spannung ein nachdenkliches Buch.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.05.2017
Ich lebe mit meiner Trauer
Paul, Chris

Ich lebe mit meiner Trauer


ausgezeichnet

Chris Paul, Ich lebe mit meiner Trauer, Gütersloher Verlagshaus 2017, ISBN 78ä-3-579-07308-8

Ein ganz besonderes Buch hat die Psychotherapeutin und Trauerbegleiterin Chris Paul hier vorgelegt. Sie hat ein Modell entwickelt, mit dem sie den Trauerprozess vom Eintritt des Todes bis in die Zeit Jahre nach dem Tod erklären.
Sie nennt es „das Kaleidoskop des Trauerns“ und definiert darin sechs Elemente, die von Anfang an immer gleich präsent sind:
• Überleben
• Wirklichkeit
• Gefühle
• Sich anpassen
• Verbunden bleiben
• Einordnen

Nachdem sie zu Beginn des Buches diese Elemente kurz erläutert, erklär sie ihre Bedeutung und ihr Wirken in jeder der folgenden Phasen des Trauerns:
• Die ersten Stunden. Der Trauerweg beginnt
• Die ersten Wochen. Eine besondere Zeit
• Das erste Trauerjahr. Der Trauermarathon hat begonnen
• Todestage. Der erste Todestag
• Die weiteren Trauerjahre. Trauerwege und Trauerentwicklungen

Mit ihrem Modell des Kaleidoskops bietet Chris Paul Trauernden in den unterschiedlichen Phasen ein lebensnahes, leicht verständliches Bild, in dem sie sich wiedererkennen und durch das sie Kraft und Hoffnung für ihr eigenes Leben schöpfen können.

Ein hilfreiches Buch, das durch seine Systematik und durch die immer wiederkehrenden Elemente wirken kann wie eine Stütze, wie ein Korsett und Lebensanker, der einen durch die Zeit der Trauer begleiten kann. Aber auch für die Unterstützung von Freunden und Bekannten, die vom Tod betroffen sind, kann es wichtige Impulse und Hinweise geben.
Und es ist eine wichtige Unterstützung für alle, die professionell mit Tod, Trauer und Seelsorge zu tun haben.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.05.2017
Weißt du noch
Drvenkar, Zoran; Bauer, Jutta

Weißt du noch


ausgezeichnet

Zoran Drvenkar, Jutta Bauer, Weißt du noch, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25478-7

Diese wunderschöne Bilderbuch, eine gelungene Zusammenarbeit des Schriftstellers Zoran Drvenkar und der Bilder- und Kinderbuchautorin Jutta Bauer lädt Kinder und Erwachsene ein, den beiden Kindern, die darin von ihren Kindheitserlebnissen erzählen, nachzueifern und sich selbst bei verschiedenen Gelegenheiten zu erinnern und sich davon zu erzählen. Kleine Bleistiftzeichnungen an den Rändern der farbenfrohen Bilder deuten an, dass auch die Großeltern in diese Erzählung mit eigebunden werden können.

Erzählen von den einzigartigen magischen Augenblicken der Kindheit und des Kindseins, sich erinnern an jene wunderbaren Momente der Menschwerdung, an denen man zum ersten Mal etwas bewusst sieht, riecht, fühlt, tut und versteht – dazu kann dieses Buch für Kinder und Erwachsene anregen.

Ein schönes Bilderbuch über das Wunder des Lebens und die Wunder der Welt, die nur jemand erleben kann, wer wie ein Kind staunend in die Welt blickt.
Und diesen Blick sollte man nie verlernen.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.05.2017
Vielleicht
Genechten, Guido van

Vielleicht


ausgezeichnet

Guido van Genechten, Vielleicht, Mixtvision 2016, ISBN 978-3-95854-071-2

Der bekannte belgische Kinderbuchautor Guido van Genechten hat sich mit diesem Bilderbuch für den Mixtvision Verlag auf eine für Kinder absolut nachvollziehbare Weise eines großen Themas angenommen. Es geht um nichts weniger als um die Entstehung von allem was ist, und um den immer wiederkehrenden Kreislauf des Universums und Lebens von Werden und Vergehen.
„Wie hat alles begonnen?
Mit Nichts?
Mit Formen und Farben?
Vielleicht.“

Aus den verschiedenen Farben und Formen bildet er alle Dinge, Pflanzen, Tiere und Menschen und Sachen wie Autos, Häuser. „Ja, vielleicht ist alles aus diesem kleinen Teilen gemacht“ (was ja auch stimmt).

Und irgendwann fallen sie in ihren Ursprung zurück. Und es geht wieder von vorne los. Immer aufs Neue.

Eine unterhaltsame und anspruchsvolle Geschichte über nichts und alles und wie es gewesen sein könnte.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.05.2017
TIERREICH
Arndt, Ingo

TIERREICH


ausgezeichnet

Ingo Arndt, Tierreich, Knesebeck 2010, 176 Seiten, ISBN 978-3-86873-180-4


Dieser wunderbare Bildband versammelt unzählige Bilder, die der bekannte Naturfotograf Ingo Arndt auf fast 40 Reisen um die ganze Welt gemacht hat. Für das vorliegende Buch hat er speziell Bilder ausgewählt von Orten überall auf der Welt, wo Tiere sich massenhaft versammeln und oft auf geheimnisvoll choreographierte Weise sich in dieser Masse sicher und eindrucksvoll bewegen.

Der langjähriger Mitarbeit der Zeitschrift NATUR und freie Autor Claus-Peter Lieckfeld hat die faszinierenden Bilder mit anschaulichen Texten versehen, in denen er immer wieder der Frage nachgeht, warum diese „tierreichen“ Versammlungen im Tierreich sowohl den Ästheten als auch den Biologen so begeistern.

Das Buch ist ein Meisterwerk und wird den Betrachter und Leser nicht kalt lassen. Es vermittelt einen geradezu sinnlichen Eindruck von den Wundern der Natur.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.05.2017
Mannsbilder
Thuller, Gabriele

Mannsbilder


ausgezeichnet

Gabrielle Thuller, Mannsbilder, Belser 2010, 128 Seiten, ISBN 978-3-7630-2551-0


Dieser Kunst- und Bildband der österreichischen Journalistin, Autorin und Kunsthistorikerin Gabrielle Thuller ist eine ideale und notwendige kunstgeschichtliche Ergänzung all der vielen aktuellen Bücher über Männer, geschrieben von Männer und von Frauen.

Für diese Zielgruppe ist der Band auch gedacht: für Frauen, die Männer lieben und immer wieder den Kopf über sie schütteln, weil sie ihr Wesen nicht verstehen, für Männer, die Männer lieben, weil so viele, auch erotisch anziehende Kunstwerke abgebildet sind und für alle Männer, die auf ihrem Weg hin zu einer eigenen männlichen nicht-machistischen Identität nicht geschichtslos irgendwelche esoterischen Dinge nachplappern wollen.

In sechs Kapitel hat Gabrielle Thuller ihr wunderbares Buch eingeteilt, jeweils entsprechende Kunstwerke abgebildet und ganz hinreißende und luzide Texte dazu verfasst:

*Der erotische Mann
Von sinnlich-schön bis big and beautiful

*Küssen, tanzen und verführen
Dein ist mein ganzes Herz

*Echte Gentlemen
Kavaliere der alten Schule

*Beziehungsweise
Ehemann, Vater und noch mehr

*Der arbeitende Mann
Vom Denker bis zum Handwerker

*Berühmte Männer
Im Dienst von Politik und Kirche

Das Buch ist eine Augenweide und durch seine anschaulichen Texte ein intellektueller Genuss für Männer und für Frauen. Ein ideales Geschenk für Weihnachten und andere Gelegenheiten.

Bewertung vom 24.05.2017
Frühstück mit Proust
Deghelt, Frédérique

Frühstück mit Proust


ausgezeichnet

Frederique Deghelt, Frühstück mit Proust, Rütten und Loening 2010, 286 Seiten, ISBN 978-3 352-00792-7


Der vorliegende Roman der Französin Frederique Deghelt handelt von zwei Frauen, wie sie vielleicht unterschiedlicher nicht sein könnten. Dabei sind sie verwandt, auch wenn sie viele Jahrzehnte an Lebensalter und -erfahrung trennen. Eigentlich ist es reiner Zufall, dass Mamoune und ihre quirlige Enkeltochter Jade in einer Pariser Wohnung zusammenwohnen. Eine ganz eigene Zweier-WG bauen sie da zusammen auf. Dabei will Jade auf der einen Seite der betagten Großmutter etwas von der Zuwendung und Achtung zurückgeben, die sie selbst in ihrem jungen Leben erfahren hat. Und es zeigt sich, dass auch Mamoune auf der anderen Seite der jungen Frau etwas zu geben hat.

Denn als Jade, die so gerne Schriftstellerin werden möchte, irgendwann entdeckt, dass ihre Großmutter ganz heimlich sehr anspruchsvolle Bücher liest, entdecken sie beiden zusammen die Welt der Bücher.

Es ist ein schönes Buch über gelebtes und ungelebtes Leben,
über den Sinn des Lebens und immer wieder über das Lesen und das Alter.

Ein Roman, der in manchem erinnert an die wunderbaren Bücher von Anna Gavalda.

Bewertung vom 23.05.2017
Wenn die Welt ein Dorf wäre...
Smith, David J.; Armstrong, Shelagh

Wenn die Welt ein Dorf wäre...


ausgezeichnet

David J. Smith, Shelagh Armstrong, Wenn die Welt ein Dorf wäre, Jungbrunnen Verlag 2016, ISBN 978-3-7026-5743-7

Seit 2002 verkauft sich dieses anspruchsvolle Sachbilderbuch aus dem Jungbrunnen Verlag so gut, dass nun in einer überarbeiteten Fassung 2016 die siebte Auflage auf den Markt gekommen ist. Es versucht die für Kinder echt unbegreifliche Tatsache, dass mittlerweile fast 7,5 Milliarden Menschen auf unserer Erde leben, begreiflich zu machen, dass die Welt ein Dorf wäre und zu sehen, was unsere Nachbarn so machen. Wer kommt wo her? Wie viele kommen von welchem Kontinent? Wie sprechen sie? Wie alt sind sie? Wer glaubt an wen? Wie ist das mit der Schule? Wie viel Geld hat jeder? Wie sieht die Welt in der Zukunft aus? Viele dieser Fragen werden in diesem Buch ganz einfach erklärt.
Da dieses Buch einige Zahlen wiederbringt, das Kind Vergleiche kennen muss und sich zugleich die Zahlen vorstellen muss, die hier genannt werden, würde ich das Buch erst ab Mitte der Grundschule einsetzen. Farbintensive und anspruchsvolle Bilder laden ein zum Entdecken vieler Einzelheiten.

Im Anhang findet man einen kleinen Anhang für die Erwachsenen, die diesen Tipps gibt, wie die Kinder vernetzt denken lernen.

Ein empfehlenswertes und aktuelles Sachbilderbuch.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.05.2017
Trutz
Hein, Christoph

Trutz


ausgezeichnet

Christoph Heins Roman Überspannt eine Zeit zwischen dem Berlin der 1920er-Jahre, über das Moskau der Kriegs- und Nachkriegsjahre, über sibirische Straflager bis hin zum heutigen Berlin, in dem sich die Söhne der Familien Trutz und Gejm wiederbegegnen, und auch Hein durch die Begegnung mit Maykl Trutz und die Gespräche mit ihm erst jenen Stoff erhält für sein Buch, für das er viele Jahre vor allem in russischen Archiven ein intensives Aktenstudium absolvierte.
Die Geschichte beginnt mit Rainer Trutz, dem Vater von Maykl, der aus der Provinz und einem engen Elternhaus in das Berlin der 20-er Jahre flieht und durch einen Zufall jene Russin Lilija Simonaitis, Mitarbeiterin der russischen Botschaft, kennenlernt, die dem angehenden Schriftsteller nicht nur die Türen zur Berliner Gesellschaft öffnet, sondern auch später in der Sowjetunion lange zu einer Helferin und Unterstützerin der Familien Trutz wird, bis sie selbst in die grausamen Mühlen der Stalin`schen Säuberungen gerät.

Nachdem der erste Roman von Rainer Trutz, ein frivoles Erstlingswerk, einiges Aufsehen erregt, gerät er mit seinem zweiten Buch in das Viser der Gestapo und flieht mit Hilfe von Lillija mit seiner Familie nach Moskau.
Doch dort im als sicherer Ort phantasierten Exil warten herbe Enttäuschungen auf sie. Rainer Trutz begegnet dort Waldemar Geijm, einem Professor für Mathematik und Sprachwissenschaften an der Lomonossow- Universität, der ein neues Forschungsgebiet begründet, wobei er sich auf alte Vorgänger beruft: die Mnemotechnik, die Lehre von Ursprung und Funktion der Erinnerung. Dieser Prof. Geijm, der bald in Ungnade fällt und später in einem sibirischen Arbeitslager stirbt, unterrichtet mehrere Jahre seinen eigenen Sohn und den Sohn von Rainer Trutz, den kleinen Maykl in dieser Technik, deren Kunst Christoph Hein dann über sechs Jahrzehnte in Berlin bestaunen sollte.

Auch Rainer Trutz, der die harte Arbeit als Pionier beim U-Bahn-Bau in Moskau einigermaßen überlebt, wird nach dem Krieg plötzlich denunziert. Eine alte Rezension, die er noch in Berlin schrieb und in der er sich lustig machte über die Lobhudelei einiger berühmter Schriftsteller, die die Sowjetunion als Paradies darstellten, wird ihm zu Verhängnis. Er kommt in ein Besserungslager im Ural und wird dort von einem Wärter erschlagen.

Auch Maykl und seine Mutter werden drangsaliert, und als Gudrun stirbt, geht er in die DDR. Doch auch dort wird er drangsaliert und versucht als Archivar zu überleben. Nach der Wende wird er Gem, den Sohn von Professor Geijm wiedertreffen und sie stellen fest: sie haben fast dieselben Erfahrungen gemacht wie ihre Väter.

Am Beispiel zweier Familien hat Christoph Hein ein Jahrhundert der Diktaturen wieder aufstehen lassen und lebendig gemacht. In einer Zeit, in der die jüngeren Generation auch von intellektuell geprägten Menschen kaum noch etwas wissen über diese Zeit, ist es sehr zu begrüßen, dass und wie Hein dieses Jahrhundert verstehbar und auch erlebbar macht, am Schicksal realer Menschen.
All das, was im Maykl Trutz in den vielen Gesprächen nicht erzählen konnte, weil er es nicht wissen konnte, hat Hein in endloser Recherchearbeit in zunächst verschlossenen Archiven gefunden.

Er hat es zu einem beeindruckenden literarischen Werk verarbeitet, das einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 verdient hätte.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.