Benutzername: cosmea
Wohnort: Witten
Über mich: Ich lese seit vielen Jahren sehr viel, vor allem Gegenwartsliteratur, aber auch Krimis und Thriller. Als Hobbyrezensentin äußere ich mich gern zu den gelesenen Büchern und gebe meine Tipps an Freunde und Bekannte weiter.


Bewertungen

Insgesamt 17 Bewertungen
12
Bewertung vom 19.03.2017
Unsere Seelen bei Nacht
Haruf, Kent

Unsere Seelen bei Nacht


ausgezeichnet

Eine letzte Chance für die Liebe
"Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte." (S. 7) Mit diesem fast biblisch anmutenden Satz beginn Kent Harufs letzter, posthum erschienener Roman. Er suggeriert, dass etwas zu einem Endpunkt gelangt, das zuvor begonnen hat. Addie Moore und Louis Waters sind zwei Senioren um die 70, die Jahre zuvor ihre Partner verloren haben und sehr einsam sind. Sie sind seit langer Zeit Nachbarn, kennen sich jedoch nicht besonders gut. Eines Tages macht Addie Louis eine Art Antrag. Sie fragt ihn, ob er ab und zu bei ihr übernachten könnte, weil sie sich einsam fühlt und schlecht schläft.“Die Nächte sind am schlimmsten.“ (S. 10) Es geht ihr nicht um Sex oder eine Liebesbeziehung, sondern um Nähe. Sie möchte, dass sie nachts miteinander reden. Louis sagt zu, hat aber größere Bedenken als Addie wegen des zu erwartenden Tratsches in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado.
Zwischen Addie und Louis entwickeln sich Freundschaft und Zuneigung, dann Liebe. Sie erzählen sich nächtelang ihr Leben, sprechen über Fehlschläge, Enttäuschungen und die großen Tragödien. Louis hat seine Ehe durch eine Affaire aufs Spiel gesetzt. Addie hat ihre kleine Tochter durch einen Unfall verloren, den ihr Sohn Gene mit verschuldet hat. Danach war nichts mehr wie zuvor. Ihr Mann Carl verhielt sich kalt und distanziert und konnte seinen Sohn nicht mehr lieben. Ihre gute Ehe war nur Fassade.
Addies und Louis´ Arrangement wird schwieriger, als Gene von seiner Frau verlassen wird und Addie den verstörten, von Albträumen geplagten 6jährigen Enkel bringt. Das späte Glück wird letztlich nicht durch kleinstädtische Engstirnigkeit gefährdet, sondern ausgerechnet durch den selbsternannten Moralapostel Gene, der um sein Erbe fürchtet und seine Mutter vor eine schwere Wahl stellt.
Der Roman zeigt, wie zwei Senioren sich mutig über kleinstädtische Vorstellungen von Anstand und Schicklichkeit hinwegsetzen und einen Weg aus der Einsamkeit in ein fragiles Glück finden. Die Sprache ist nüchtern und schnörkellos. Es gibt sehr viel Dialog, der nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet, aber dennoch problemlos verständlich ist. Haruf erzählt eine berührende, melancholische Geschichte, die auch deshalb so beeindruckt, weil sie das Vermächtnis eines sterbenden Autors ist. Sehr empfehlenswert.

Bewertung vom 19.03.2017
Die Zeit der Ruhelosen
Tuil, Karine

Die Zeit der Ruhelosen


sehr gut

Verlust der Unbeschwertheit
“Die Zeit der Ruhelosen“ (“L´Insouciance“) ist Karine Tuils zehnter Roman. Im Mittelpunkt stehen vier Personen, deren Wege sich schicksalhaft kreuzen. Francois Vély, ein schwerreicher Unternehmer mit jüdischen Wurzeln, ist seit kurzer Zeit mit der Journalistin Marion Decker verheiratet. Romain Roller ist Soldat. Er kehrt von einem Einsatz in Afghanistan zurück, bei dem er mit seiner Truppe in einen Hinterhalt der Taliban geriet und mehrere Männer verlor.Er kommt äußerlich unverletzt, jedoch schwer traumatisiert zurück. Osman Diboula entstammt einer Einwandererfamilie von der Elfenbeinküste. Er wuchs in Clichy-sous-Bois auf, einer Banlieue, die durch die schweren Krawalle von 2005 zu trauriger Berühmtheit gelangte. Osman Diboula war Sozialarbeiter und vermittelte erfolgreich in dem Konflikt. Er steigt daraufhin zum Berater des konservativen Präsidenten auf, wird aber ständig mit rassistischen Äußerungen konfrontiert. Dem schnellen Aufstieg folgt ein rapider Absturz. Auch alle anderen Personen geraten binnen kurzem in eine Abwärtsspirale, die ihre Existenz bedroht. Vély wird aufgrund eines Werbefotos in den sozialen Netzwerken und der Presse als Rassist verunglimpft, und antisemitische Beschimpfungen lassen nicht lang auf sich warten. Ausgerechnet Osman Diboula verteidigt ihn in einem vielbeachteten Zeitungsartikel und kehrt rehabilitiert in die Politik zurück. Marion Decker beginnt in einem Luxushotel auf Zypern eine Affaire mit Romain Roller. Ihre junge Ehe wurde durch den Selbstmord der Ex-Frau von Francois überschattet. Die vier Protagonisten treffen im Irak zusammen, wo sich die Dinge noch einmal dramatisch zuspitzen. Für alle geht es “abwärts, immer weiter abwärts.“ (S. 492)
Karine Tuil hat nahe an der gegenwärtigen Realität einen großen Gesellschaftsroman geschrieben, der zeigt, wie zerbrechlich unsere Existenz ist, wie flüchtig das Glück. Der Roman fängt besonders treffend die Situation in Frankreich ein. Dort ist die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, in oben und unten besonders krass. Herkunft und Identität sind von zentraler Bedeutung. Nur die Absolventen der Eliteschulen schaffen es in die höchsten Positionen der Macht. Die Bewohner der Banlieues bleiben in der Regel chancenlos. Die Vorstädte sind der sichtbare Beweis für eine gescheiterte Integrationspolitik und mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit vor allem unter den Jugendlichen eine Brutstätte für Kriminalität. Es ist kein Zufall, dass der IS hier erfolgreich Kämpfer rekrutiert.
Tuils Roman ist komplex und gut recherchiert, teilweise auf bekannten Fakten basierend und dennoch eine Fiktion. Er ist düster und voller Gewalt, lässt den Leser aber nicht ohne Hoffnung zurück. Trotz der uns auferlegten Prüfungen retten uns die Liebe, die Literatur und menschliche Beziehungen. Ein empfehlenswertes Buch – noch besser als die Vorgänger.

Bewertung vom 04.03.2017
Wenn ich jetzt nicht gehe
Dueñas, María

Wenn ich jetzt nicht gehe


sehr gut

Zu wenig Mäßigung
Mauro Larrea kam einst als Witwer mit zwei Kindern aus Spanien nach Mexiko und hat es in 25 Jahren vom einfachen Bergmann zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Er besitzt mehrere Silberminen, Ländereien und einen Stadtpalast in Mexiko Stadt und verkehrt in den besten Kreisen. Dann trifft er gegen den Rat seines besten Freundes und Prokuristen Elías Andrade eine Fehlentscheidung. Er hat alles auf eine Karte gesetzt Der Roman beginnt mit der Nachricht, dass er sein gesamtes Vermögen bis auf sein Haus verloren hat. Keiner darf wissen, dass er ruiniert ist. Er trifft eine weitere riskante Entscheidung, indem er seinen Stadtpalast an einen Kredithai verpfändet, der ihn nur zu gern untergehen sehen möchte.
An dieser Stelle beginnt für Larrea eine abenteuerliche Reise, die ihn zuerst nach Havanna, dann nach Jerez in Spanien führt, wo er durch einen Sieg beim Billard die Ländereien der Familie Montalvo gewonnen hat. Schon in Havanna hat die skrupellose Carola Gorostiza, Ehefrau seines Herausforderers, ein Netz von Intrigen gesponnen, das er lange nicht durchschaut. In Jerez begegnet er Sol Claydon, Enkelin des legendären Weingutbesitzers Matias Montalvo, in deren Bann er sofort gerät. Er wird immer tiefer in die Probleme der Montalvos verstrickt, gerät selbst in große Gefahr und hört nicht auf die Stimme der Vernunft, wenn er sich in illegale Machenschaften verwickeln lässt, um der schönen Soledad zu helfen.
Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, immer neue Komplikationen. Die Charaktere in diesem in der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts spielenden Abenteuerroman sind sorgfältig gezeichnet, vor allem Mauro und Soledad, aber auch die Nebenfiguren. Mauro gewinnt beim Billard einen Weinberg mit Namen La Templanza, und templanza (Mäßigung) ist genau die Eigenschaft, die ihm die meiste Zeit fehlt. Er muss lernen, besonnener zu werden, um seine Existenz und sein Leben nicht immer wieder aufs Spiel zu setzen. In diesem gut lesbaren, spannenden Abenteuerroman kommen auch die großen Gefühle nicht zu kurz. Durch harte Arbeit schafft der geläuterte Mauro den Neuanfang. Wird er auch auf der Suche nach Glück erfolgreich sein? Ein sehr empfehlenswerter Roman!

Bewertung vom 26.02.2017
Das Buch der Spiegel
Chirovici, E. O.

Das Buch der Spiegel


sehr gut

Blick in den Zerrspiegel
In E.O. Chirovicis erstem in englischer Sprache verfasstem Roman “Das Buch der Spiegel“ geht es um einen 27 Jahre zurückliegenden, nie aufgeklärten Mord. 1987 wurde der berühmte Psychologieprofessor Joseph Wieder in seinem Haus brutal ermordet. Richard Flynn, der damals zu den Verdächtigen zählte, ist ein todkranker Mann. In den letzten Monaten seines Lebens schreibt er die Geschichte dieses Mordes auf, weil er nun die Lösung zu kennen glaubt und schickt den Anfang seines Manuskripts an den Literaturagenten Peter Katz, der sicher ist, mit dem Verkauf an einen Verlag das große Geschäft machen zu können. Als er den Rest des Manuskripts abholen will, ist Richard Flynn bereits verstorben. Das Manuskript ist nach Aussage von Flynns Partnerin unauffindbar. Peter Katz schaltet den Journalisten John Keller ein, der einiges an Material zusammenträgt und schließlich den pensionierten Polizisten Roy Freeman hinzuzieht, der damals den Fall erfolglos bearbeitet hatte. Freeman hat sich nie verziehen, dass er wegen seiner Scheidung und massiver Alkoholprobleme nicht in Bestform war. Er benutzt nun Flynns Manuskript, Kellers Ermittlungsergebnisse und die alte Polizeiakte und rollt den Fall wieder auf. Freeman befragt alte und neue Zeugen und trägt immer mehr Fakten zusammen, so dass der Mord schließlich auch offiziell als aufgeklärt gelten kann.
Chirovici hat einen sehr komplizierten Thriller geschrieben, in dem mehrere Ich-Erzähler – Flynn, Katz, Keller und Freeman - aus wechselnder Perspektive teils sehr widersprüchliche Aussagen machen. Hinzukommt noch die zwielichtige Laura Baines, die Lieblingsstudentin des Ermordeten, in die Flynn verliebt war. Auch der junge Student Flynn stand in Beziehung zum Professor, für den er eine Zeit lang arbeitete. Es ergeben sich laufend neue Hypothesen aus den Ermittlungsergebnissen, die später angesichts anderer Erkenntnisse wieder verworfen werden müssen.
Chriovicis literarischer Thriller handelt nicht nur von der Aufklärung eines Mordes. Leitmotivisch zieht sich das Thema “Erinnerung“ durch den Roman – unterstrichen durch die Tatsache, dass Joseph Wieder ebenso auf diesem Gebiet forschte wie Laura Baines. Der Professor untersuchte speziell die Möglichkeiten, bei Traumapatienten schädliche Erinnerungen zu löschen. Immer wieder geht es um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen sind. Wenn es gar keine objektive Wirklichkeit gibt, sondern nur subjektive Wirklichkeiten, dann würde dies erklären, wieso wir uns an Dinge erinnern, die nie passiert sind. Chirovici führt uns vor, wie begrenzt der Wahrheitsgehalt all der subjektiven Aussagen ist. Es ist alles anders, als man denkt.
Mir hat der Roman gut gefallen, obwohl er sich mit seinen gefühlten 200 Namen nicht eben mühelos konsumieren lässt. Der Autor verzichtet auf oberflächliche, reißerische Spannung, und das ist gut so. Es ist spannend genug, das Puzzle aus vielen Teilchen zusammenzusetzen, bis am Ende fast alles aufgeklärt ist.

Bewertung vom 12.02.2017
Das geträumte Land
Mbue, Imbolo

Das geträumte Land


sehr gut

Nur ein Traum
In Imbolo Mbues hochgelobtem Debütroman geht es um Immigration. Jende Jonga ist mit einem Touristenvisum aus Kamerun in die USA gekommen. Zwei Jahre später holt er seine Frau Neni mit dem gemeinsamen Sohn Liomi nach. Für beide ist Amerika das gelobte Land. Entsprechend dem amerikanischen Traum kann es hier jeder schaffen, wenn er nur hart genug dafür arbeitet. Als Jende Chauffeur von Clark Edwards wird, einem reichen Banker bei Lehman Brothers, und Neni in den Urlaubswochen in den Hamptons als Haushälterin der Edwards arbeitet, sieht es so aus, als würden all ihre Träume in Erfüllung gehen. Doch dann verliert Clark Edwards durch die Lehman Brothers-Pleite seinen Job. Clark beschäftigt Jende noch einige Zeit, bis dieser im Ehekrieg der Edwards zwischen die Fronten gerät. Das glamouröse Leben der Edwards ist weitgehend schöner Schein. Clark und Cindy haben große Probleme.
Auch die Jongas sind nicht mehr so glücklich wie am Anfang. Mit Hilfe eines auf Asylrecht spezialisierten Anwalts kämpfen sie für die Greencard, gegen die Ausweisung. Sie gehen drei Jahre lang durch die Einwanderungshölle, leben in ständiger Ungewissheit und Angst. Die Edwards sind zwar sehr nett und großzügig zu ihren Angestellten, lassen aber nie einen Zweifel daran, dass es unüberbrückbare Differenzen gibt: Armut und Reichtum, Rasse und Klasse. Es ist nicht zu übersehen, dass die Amerikaner generell die Fremden gar nicht in ihrem Land wollen. Desillusioniert macht Jende seiner Frau am Ende klar, dass Amerika keineswegs das beste Land der Welt ist: “…, dieses Land ist voll mit Lügen und Leuten, die sich gern Lügen anhören. (…) In diesem Land ist kein Platz mehr für Leute wie uns.“ (S. 370).
Sehr schön zeichnet die Autorin die Veränderungen bei den Jongas nach. Sie merken, dass sie nicht so leben, wie sie leben möchten und sich in Menschen verwandeln, die sie nicht sein wollen. Auch ihre Ehe hat gewaltig gelitten. Sowohl Jende als auch Neni enthüllen zunehmend sehr unschöne Seiten ihrer Persönlichkeit und müssen entscheiden, wo sich für sie das gelobte Land befindet.
Imbolo Mbue ist ein gut lesbarer Roman gelungen, der durch die augenblickliche politische Lage in den USA eine erschreckende Aktualität gewinnt. Auf jeden Fall empfehlenswert.

Bewertung vom 11.02.2017
Rain Dogs / Sean Duffy Bd.4
McKinty, Adrian

Rain Dogs / Sean Duffy Bd.4


ausgezeichnet

Warum starb Lily Bigelow
"Rain Dogs“ ist Adrian McKintys fünfter Roman aus der Serie um Sean Duffy, den katholischen Bullen in Carrickfergus. Er lebt noch immer in einem protestantischen Wohngebiet und versieht seinen gefährlichen Dienst in den Zeiten der Troubles. Es ist das Jahr 1987. Zur täglichen Routine gehört vor jeder einzelnen Fahrt der Blick auf die Fahrzeugunterseite auf der Suche nach einem Sprengsatz.
Duffys neuer Fall beginnt anscheinend harmlos mit einer Lappalie. Er wird wegen eines Brieftaschendiebstahls in ein Hotel am Ort gerufen. Dort ist eine Delegation von finnischen Investoren abgestiegen, die sich für die stillgelegten Fabriken in der Region interessiert. Bei der Gelegenheit lernt Duffy die attraktive Journalistin Lily Bigelow kennen, die für die Financial Times über den Besuch der Finnen berichtet. Unter anderem besichtigt die Gruppe auch Carrickfergus Castle. Am nächsten Tag wird die Journalistin tot im Innenhof der Burg aufgefunden. Niemand hat die Burg nach der Schließung der Anlage betreten oder verlassen. Alles deutet also auf Selbstmord.. Dann zeigen die gerichtsmedizinischen Gutachten, dass es Mord war. Sean Duffy kann nicht glauben, dass er es entgegen aller Wahrscheinlichkeit zum zweiten Mal mit einem Locked Room Mystery zu tun hat.
Die Ermittlungen ziehen sich hin, weiten sich auf immer mehr Beteiligte aus. Es geht um Korruption und Missbrauch. Duffy bekommt viel Druck von oben, auch vom englischen Geheimdienst, und wird bei den Ermittlungen behindert. Duffy lässt sich wie immer nicht beirren und löst den Fall. Den Schuldigen wird er allerdings wie so oft nicht vor Gericht bringen können. Später bedroht man ihn massiv, sollte er die Dinge nicht auf sich beruhen lassen.
McKintys neuer Roman ist wieder ein spannender Thriller auf hohem Niveau, der nicht nur die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Nordirland als Hintergrund mit einbezieht, sondern historische Bezüge mit real existierenden Personen aufweist. Jahrzehntelang vertuschte Skandale um Prominente, zum Beispiel Jimmy Savile, sind zum Teil bis heute nicht komplett aufgearbeitet. Es gab zwar Anzeigen, aber keine Verurteilungen. Meist glaubte man den Opfern nicht. Die Beschuldigten hatten zu viel Einfluss. Es ist McKinty hoch anzurechnen, dass er im Rahmen eines historischen Thrillers diese Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten lässt.

Bewertung vom 11.02.2017
Sein blutiges Projekt
Burnet, Graeme Macrae

Sein blutiges Projekt


ausgezeichnet

Dreifachmord in Culduie
“Sein blutiges Projekt“ ist Graeme Macrae Burnets zweiter Roman. Er beginnt mit einem Vorwort, in dem der Autor erklärt, dass er bei Nachforschungen über seinen Großvater auf den Fall des 17jährigen Roderick “Roddy“ Macrae gestoßen ist, der im Jahr 1869 in dem aus neun Häusern bestehenden Dorf Culduie an der schottischen Westküste drei Menschen brutal erschlug. Es folgen die Aussagen einiger Nachbarn zu Roddys Persönlichkeit, Roddys Bericht zur Vorgeschichte des Verbrechens, den er auf Bitten seines Verteidigers schrieb, medizinische und kriminalpsychologische Gutachten, die Prozessberichterstattung und die Darstellung in den Zeitungen.
Roddy bestreitet nie, das Verbrechen begangen zu haben. Deshalb geht es in dem Prozess lediglich um die Festsetzung des Strafmaßes. Wenn er bei der Ausführung der Tat bei klarem Verstand war, muss er hängen. Kann sein Verteidiger glaubhaft nachweisen, dass dies nicht so war, bekommt er lebenslänglich. Trotz der blutigen Tat ist der junge Mörder dem Leser wesentlich sympathischer als sein Opfer Lachlan Mackenzie genannt Lachlan Broad. Das liegt an der Vorgeschichte.
Die Familien Mackenzie und Macrae waren schon vor Roddys Geburt verfeindet. Als Lachlan Mackenzie zum Constable der drei benachbarten Dörfer gewählt wird, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Ein Constable vermittelt zwischen dem Gutsbesitzer und den Pächtern, achtet auf die Einhaltung der nirgendwo schriftlich fixierten Vorschriften und verhängt Strafgelder bei Verstößen. Machtmissbrauch und Schikanen sind Tür und Tor geöffnet, weil niemand die Maßnahmen des Constable in Frage stellt. Lachlan Mackenzie treibt Roddys Vater John mit einer Serie von Schikanen in die Enge und nimmt ihm mit dem vom Gutsverwalter unterzeichneten Räumungsbescheid die Existenzgrundlage. Roddy will seinen Vater von den durch den Constable verursachten Widrigkeiten befreien.
Burnet kritisiert das ungerechte Feudalsystem, in dem die reichen Grundbesitzer die Kleinbauern gnadenlos ausbeuteten. Diese konnten trotz harter Arbeit kaum ihre Familien ernähren, oft den Pachtzins nicht zahlen und mussten darüber hinaus noch unbezahlte Arbeit für den Gutsbesitzer oder die Gemeinde leisten. Auch die Kirche kommt bei Burnet nicht gut weg. Der presbyterianische Geistliche leistet weder praktische Hilfe in der Not noch bietet er geistlichen Beistand. Was den primitiven Bauern widerfährt, ist für ihn nichts weiter als die verdiente Strafe für ihre Sünden.
Mir hat der sprachlich anspruchsvolle Roman, der kein Thriller ist, sondern ein Roman über ein Verbrechen und eine Sozialstudie, vor allem durch seine raffinierte Konstruktion sehr gut gefallen. Die Geschichte präsentiert sich als Sammlung von Dokumenten zum Fall Roderick Macrae und ist doch ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion bis hin zum angeblichen Vorfahr mit dem Namen des Autors, der dem Roman scheinbar Authentizität verleiht. Das Ergebnis dieser Konstruktion ist eine Vielfalt von teils widersprüchlichen Aussagen von unzuverlässigen Erzählern, ein Puzzle, das der Leser selbst zusammensetzen und deuten muss. Ein großartiges Buch!

Bewertung vom 31.12.2016
DEAR AMY - Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest
Callaghan, Helen

DEAR AMY - Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest


sehr gut

Im Mittelpunkt von Helen Callaghans Debütroman “Dear Amy“ steht Margot Lewis. Sie ist Lehrerin an einer renommierten Schule und außerdem Kummerkastentante bei der Zeitung The Cambridge Examiner, wo sie die an “Dear Amy“ gerichteten Anfragen der Ratsuchenden beantwortet. Eines Tages erhält sie einen Hilferuf von Bethan Avery, die um ihr Leben fürchtet. Das Brisante an der Angelegenheit ist, dass dieses Mädchen vor fast zwanzig Jahren entführt und von allen für tot gehalten wird. Die Polizei konnte den Fall nie aufklären.
Der Roman beginnt mit einem Prolog, in dem der Leser Zeuge der Entführung der 15jährigen Katie Browne wird, die nach einem Streit ihr Elternhaus verlässt und eigentlich schon wieder umkehren wollte, als sie von einem Unbekannten überfallen wird. Alle glauben, dass Katie mit ihrem Freund weggelaufen ist. Erst als Margot Lewis ihre Briefe vorlegt, kommt die Sache ins Rollen. Der forensische Psychologe Dr. Martin Forrester befragt Margot. Ein Team von Polizisten, Psychologen und Graphologen ermittelt und prüft weitere ungeklärte Fälle von verschwundenen Mädchen aus einem Zeitraum von etwa 20 Jahren. Margot wird immer stärker in die Geschichte hineingezogen, entwickelt starke Ängste und fürchtet, dass Geheimnisse aus ihrer eigenen Vergangenheit ans Licht kommen könnten. Dass sie allen Grund hat sich zu fürchten, wird deutlich, als sie ebenfalls ins Visier des Täters gerät.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, meist aus Margots Sicht, aber auch Katie und der Täter kommen zu Wort. Der vor allem im zweiten Teil spannende Psychothriller enthält zahlreiche Handlungsumschwünge und ein überraschendes Ende. Das zugrundeliegende Geheimnis habe ich allerdings frühzeitig erraten. Das minderte jedoch nicht das Lesevergnügen. Ich rechne es der Autorin hoch an, dass sie zwar schlimme Verbrechen thematisiert, aber dem Leser dennoch Folter- und Vergewaltigungsszenen in finsteren Kellerverliesen erspart. Ein empfehlenswerter Thriller, der beschreibt, mit welchen gravierenden psychischen Folgeschäden Verbrechensopfer bisweilen überleben.

Bewertung vom 06.11.2016
Das Nest
Sweeney, Cynthia D'Aprix

Das Nest


gut

Im Mittelpunkt von Cynthia d´Aprix Sweeneys Debütroman “Das Nest“ stehen die Geschwister Leo, Beatrice, Jack und Melody Plumb. Ihr Vater Leonard hatte seinerzeit für seine vier Kinder Geld in einem Fonds angelegt, das aber erst zum 40. Geburtstag von Melody, der Jüngsten, ausgezahlt werden soll. Dieser Fonds wird von den Geschwistern als Das Nest bezeichnet. Verwaltet wird das Geld von Rechtsanwalt George, einem Vetter. Ursprünglich handelte es sich um eine relativ bescheidene Summe, die zwischenzeitlich infolge des Booms auf gigantische Summen angewachsen, dann aber nach dem Crash von 2008 drastisch geschrumpft war. Kurz vor dem Auszahlungstermin macht Mutter Francie von ihrem Verfügungsrecht Gebrauch und verwendet das Geld, um ihrem Ältesten, dem verantwortungslosen Playboy Leo, aus der selbstverschuldeten Patsche zu helfen. Er hat unter Drogen- und Alkoholeinfluss einen Unfall verursacht, bei dem die 19jährige Kellnerin Matilda Rodriguez einen Fuß verlor. Er muss nicht nur die junge Frau mit einer Million Dollar zum Schweigen bringen, sondern verliert die gleiche Summe bei der Scheidung von seiner Ehefrau Victoria. Die einander ohnehin entfremdeten Geschwister verlangen von ihrem Bruder die Rückzahlung des ihnen zustehenden Betrags und streiten nur noch um Geld. Alle befinden sich aus unterschiedlichen Gründen in finanzieller Bedrängnis. Eine andere Lebensplanung als das Warten auf das Erbe scheint es nicht gegeben zu haben. Melody, Jack und Beatrice versuchen mit allen möglichen Mitteln, an Geld zu kommen, während Leo sie hinhält und schließlich abtaucht.
Der Roman zeichnet ein teilweise satirisches, durchweg unterhaltsames Porträt vom Leben im teuren New York, wobei es den Plumbs als Mitgliedern der Mittelschicht gar nicht einmal so schlecht geht. Allerdings haben nur Beatrice und Literaturagentin Stephanie, die immer wieder und auch während der entscheidenden Phase mit Leo zusammen ist, zum richtigen Zeitpunkt Immobilien gekauft. In Nebenhandlungen werden die Schicksale anderer benachteiligter Menschen – zum Beispiel Tommy, Vinnie oder Matilda und ihre Familie – dargestellt, die wesentlich schlechter gestellt sind. Die vier Plumbs und ihre Mutter sind nicht besonders sympathisch gezeichnet. Die meisten von ihnen werden von nackter Gier geleitet, sind kalt und oberflächlich. Für alle hat der Streit ums Erbe jedoch ein Gutes: sie kommen wieder zusammen, müssen miteinander reden und sich irgendwie arrangieren. Eine Verbesserung ihrer Lage ist nur möglich, wenn sie ihre überzogenen Ansprüche zurückschrauben und für sich entscheiden, was wichtiger ist: Geld oder Familie.
Die Autorin zeichnet das Bild einer dysfunktionalen Familie – und folgt damit einem wichtigen Trend in der zeitgenössischen amerikanischen Erzählliteratur - , entscheidet sich jedoch nicht für eine gnadenlose satirische Abrechnung, sondern eher für einen Wohlfühlroman mit einem sehr gefühlvollen Schluss, in dem fast jeder Handlungsstrang doch noch ein gutes Ende nimmt. Das Ergebnis ist nicht große Literatur, sondern ein amüsanter Roman, der sich nicht schlecht liest und sich für eine Verfilmung geradezu anbietet.

Bewertung vom 31.10.2016
Rabenschwarzer Winter / Inspecteur Sebag Bd.3
Georget, Philippe

Rabenschwarzer Winter / Inspecteur Sebag Bd.3


gut

In Philippe Georgets neuem Roman “Rabenschwarzer Winter“ steht wie bei den beiden Vorgängern Inspektor Gilles Sebag im Mittelpunkt. Kaum hat er auf dem Handy seiner Frau Claire die Bestätigung für seinen Verdacht gefunden, dass sie ihn betrügt, wird er zu einem Tatort gerufen. Christine Abad ist in einem Hotelzimmer kurz nach dem Stelldichein mit ihrem Liebhaber erschossen worden. Danach wird es noch zwei weitere rätselhafte Fälle gehen, die ebenfalls als Eifersuchtsdramen zu werten sind. Ein betrogener Ehemann begeht Selbstmord, ein anderer inszeniert einen Amoklauf, in dem er seine Frau in ihrem gemeinsamen Haus mit Benzin übergießt und das halbe Viertel gleich mit in die Luft jagen will. Gilles Sebag, ein erfolgreicher Ermittler mit hoher Aufklärungsquote, kann sich dieses Mal nicht auf seine legendäre Intuition verlassen. Wegen seiner privaten Probleme, die er mit Alkohol und Zigaretten verdrängt, ist er nicht in seiner besten Form, obwohl seine Frau ihm versichert, dass sie nur ihn liebt und er sie nicht verlieren will. Immer wieder schwankt er zwischen Wut und Verzweiflung und dem Wunsch, ihr zu verzeihen.
Die Ermittlungen ziehen sich hin. Mehrfach werden falsche Fährten verworfen, bis endlich deutlich wird, was die Epidemie von Eifersuchtsdramen verbindet.
Philippe Georgets Krimi enthält einige überraschende Wendungen bis hin zur wenig spektakulären Lösung, die für geübte Krimileser absehbar ist. Dem Autor kommt es nicht auf oberflächliche Spannung an. Ihm ist es wichtiger, alle Facetten des Phänomens “Ehebruch“ auch im Hinblick auf veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten und Werte zu beleuchten. Vor allem setzt er sich mit der Frage auseinander, was die Untreue mit dem Partner und dem Ehebrecher/ der Ehebrecherin selbst macht. Philippe Georget nimmt sich viel Zeit für die sorgfältige Charakterisierung seiner Figuren, besonders seines Protagonisten Gilles Sebag und die Einbettung der Krimihandlung in die Landschaft des Roussillon, wo die Tramontane die Menschen mindestens so durcheinanderbringt wie das Schicksal der betrogenen Ehemänner. Mir hat der Roman trotz einiger Längen gefallen.
Zum Schluss noch eine kritische Bemerkung. Ich frage mich mal wieder wie so oft, wer diese schwachsinnigen Klappentexte und Buchbeschreibungen verfasst. Eine erschlagene Frau? Wer soll das denn sein? “Gilles findet schnell heraus, dass die Morde zusammenhängen“. Welche Morde denn? Christine Abad wird erschossen. Darüber hinaus gibt es einen Selbstmord und einen von Gilles Sebag verhinderten Amoklauf. Ich finde, der Leser kann etwas mehr Sorgfalt erwarten, ehe ein Buch in den Druck geht. Das betrifft im Übrigen auch die sprachliche Qualität der Übersetzung.

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