Benutzername: cosmea
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Über mich: Ich lese seit vielen Jahren sehr viel, vor allem Gegenwartsliteratur, aber auch Krimis und Thriller. Als Hobbyrezensentin äußere ich mich gern zu den gelesenen Büchern und gebe meine Tipps an Freunde und Bekannte weiter.


Bewertungen

Insgesamt 19 Bewertungen
12
Bewertung vom 18.04.2017
Das letzte Bild der Sara de Vos
Smith, Dominic

Das letzte Bild der Sara de Vos


ausgezeichnet

Original und Fälschung
Der Roman “Das letzte Bild der Sara de Vos“ (“The Last Painting of Sara de Vos“) spielt auf drei Zeitebenen – 1637, 1957 und 2000) und an drei Schauplätzen – Amsterdam. Manhattan und Sidney . Dem reichen Patentanwalt Marty de Groot wird während einer Wohltätigkeitsveranstaltung in seinem Loft das Gemälde “Am Saum eines Waldes“ aus dem Schlafzimmer gestohlen. Das Bild befand sich seit drei Jahrhunderten im Besitz der Familie de Groot. Als Marty nach einigen Monaten den Diebstahl bemerkt, weil der Rahmen der nahezu perfekten Fälschung anders aussieht, empfindet er zunächst Erleichterung, war er doch über all die Jahre davon überzeugt, dass auf dem Bild ein Fluch liegt. Generationen von de Groots wurden von diversen schweren Krankheiten geplagt, und keiner wurde älter als 60. Später wird er jedoch sehr wütend, weil man ihm etwas so Wertvolles weggenommen hat und engagiert einen Privatdetektiv. Der findet bei seinen Recherchen bald einen dubiosen Kunsthändler und die Kunststudentin Ellie Shipley, die für ihn Bilder restauriert. Sie wurde unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dafür engagiert, dass Bild zu kopieren und begreift erst viel später, dass sie sich mit der Anfertigung einer Fälschung strafbar gemacht hat. Marty nimmt unter falschem Namen Kontakt zu ihr auf und lässt sich bei Auktionen von ihr beraten. Ellie Shipleys Spezialgebiet sind die holländischen Malerinnen des 17. Jahrhunderts, speziell Sara de Vos, von der zunächst nur das eine Gemälde bekannt ist. Mehr als 40 Jahre später werden sich die Beiden in Sidney wiedersehen, wo Shipley Kuratorin einer Ausstellung mit Gemälden des holländischen Goldenen Zeitalters ist. “Am Saum eines Waldes“ wird zweimal vertreten sein, als Original und als Fälschung. Marty de Groot reist mit seinem Bild dorthin, und ein Museum in Leiden schickt zwei Leihgaben, u.a. ein bisher unbekanntes Gemälde von Sara de Vos. Ellie Shipley wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Ihr ganzes Leben war überschattet von der einen schlimmen Tat. Reue und Schuldgefühle haben sie nie verlassen. Das hat sie mit Marty gemeinsam, der ebenfalls zutiefst bereut, was er ihr vierzig Jahre zuvor angetan hat. Er ist inzwischen 82 Jahre alt, Ellie in den 60ern. Es ist Zeit, die alte Geschichte zum Abschluss zu bringen.
In seinem kunstvoll komponierten Roman erzählt Smith eine Geschichte von Liebe und Verlust, von Schuld und Reue und von den Veränderungen, die große Kunst beim Betrachter bewirkt. Er beweist viel Sachkenntnis, wenn er den Leser in die Malerei des 17. Jahrhunderts einführt, wenn er detailliert beschreibt, wie Leinwände vorbereitet, Farben hergestellt und aufgetragen werden, wie schichtweise ein Wunder aus Farben und Licht entsteht. Er zeigt aber auch, wie der Wert einzigartiger Kunst Begehrlichkeiten weckt und Kriminelle anzieht. Besonders berührt hat mich die Geschichte der fiktiven Malerin Sara de Vos, für die der Autor die Biografien mehrerer Malerinnen aus der Zeit ausgewertet hat. An ihrem Beispiel zeigt er, wie schwierig es war, in die berühmte Gilde aufgenommen zu werden und von der Kunst zu leben. Saras geliebte Tochter Kathrijn stirbt innerhalb von vier Tagen an der Pest. Darauf folgt der finanzielle Ruin und das Zerbrechen ihrer Ehe mit dem hochverschuldeten Ehemann Barent. Mit dem ebenfalls fiktiven Gemälde “Am Saum eines Waldes“ erschafft die Künstlerin überwältigende Schönheit aus tiefstem Schmerz. Auch sprachlich-stilistisch ist der Roman sehr gut gelungen und fesselt den Leser trotz oder gerade wegen der detaillierten Ausführungen zu Malerei und Zeitgeschichte. Ich fand den Roman außerordentlich faszinierend.

Bewertung vom 09.04.2017
Mit jedem Jahr
Van Booy, Simon

Mit jedem Jahr


sehr gut

Sieg der Liebe
In seinem neuen Roman “Mit jedem Jahr“ erzählt Simon Van Booy die Geschichte eines kleinen Mädchens, das mit 6 Jahren seine Eltern durch einen Unfall verliert und nur noch einen lebenden Verwandten hat: seinen Onkel Jason. Jason hat jedoch zehn Jahre zuvor jeglichen Kontakt zu seiner Familie abgebrochen und scheint auf Grund seiner Vorgeschichte nicht gerade prädestiniert für eine Vormundschaft. Er hat eine Gefängnisstrafe verbüßt und neigt zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Er lebt in einem heruntergekommenen Haus, hat wenig Geld und trägt seit einem Motorradunfall eine Beinprothese. Dennoch hört sich Sozialarbeiterin Wanda an, was Harvey über ihren Onkel zu erzählen weiß und beschließt, Jason mit seiner Nichte zusammenzubringen. Sie verlässt sich auf ihre Intuition und Menschenkenntnis und verstößt gegen alle Vorschriften. Am Ende kann Jason das Kind adoptieren.
Jasons und Harveys Geschichte wird nicht chronologisch erzählt. In zahlreichen Rückblenden erfährt der Leser, wie sich allmählich Zuneigung, dann Liebe zwischen den Beiden entwickelt, wie Jason lernt, seine impulsiven Handlungen zu beherrschen. Er bringt viele Opfer auch finanzieller Art. Harvey studiert erfolgreich an einer privaten Kunsthochschule. Jason besucht die 26jährige in Paris, wo sie bei einer Werbeagentur arbeitet. Zum Vatertag hat Harvey einen Geschenkkarton mit verschiedenen Gegenständen zusammengestellt, die jeweils an wichtige Ereignisse in ihrer Kindheit und Jugend erinnern. Jeden Tag ist ein Geschenk der Anlass, die dazugehörige Geschichte zu erzählen. Längst kennt der Leser auch Jasons Vergangenheit und empfindet Mitleid und tiefe Sympathie für einen Jungen, der seinen jüngeren Bruder Steve in der Schule vor Mitschülern und vor dem alkoholabhängigen brutalen Vater beschützte – wenn es sein musste, mit dem eigenen Körper und dessen schreckliche Kindheit der Grund war, warum sein eigenes Leben aus dem Ruder lief. Harvey hat ihm geholfen, sich seiner Vergangenheit zu stellen und als Erwachsener Wiedergutmachung zu leisten, um endlich Frieden zu finden.
Van Booy erzählt eine sehr berührende Geschichte und schafft dabei die Gratwanderung zwischen gefühlvoll und sentimental. Die Struktur des Romans ist nicht nur durch die fehlende Erzählkontinuität kompliziert, sondern auch dadurch, dass am Ende durch Harveys letztes Geschenk ein Geheimnis aufgedeckt wird, das nur der aufmerksame Leser in vollem Umfang versteht, nicht aber die Protagonisten. Dunkle Andeutungen in den ersten Kapiteln bereiten diese Enthüllung schlüssig vor, so dass es sich keineswegs um ein aufgesetztes, die Glaubwürdigkeit strapazierendes Ende handelt. Van Booy ist ein sehr schöner Roman über eine Vater-Tochter-Beziehung gelungen.

Bewertung vom 19.03.2017
Unsere Seelen bei Nacht
Haruf, Kent

Unsere Seelen bei Nacht


ausgezeichnet

Eine letzte Chance für die Liebe
"Und dann kam der Tag, an dem Addie Moore bei Louis Waters klingelte." (S. 7) Mit diesem fast biblisch anmutenden Satz beginn Kent Harufs letzter, posthum erschienener Roman. Er suggeriert, dass etwas zu einem Endpunkt gelangt, das zuvor begonnen hat. Addie Moore und Louis Waters sind zwei Senioren um die 70, die Jahre zuvor ihre Partner verloren haben und sehr einsam sind. Sie sind seit langer Zeit Nachbarn, kennen sich jedoch nicht besonders gut. Eines Tages macht Addie Louis eine Art Antrag. Sie fragt ihn, ob er ab und zu bei ihr übernachten könnte, weil sie sich einsam fühlt und schlecht schläft.“Die Nächte sind am schlimmsten.“ (S. 10) Es geht ihr nicht um Sex oder eine Liebesbeziehung, sondern um Nähe. Sie möchte, dass sie nachts miteinander reden. Louis sagt zu, hat aber größere Bedenken als Addie wegen des zu erwartenden Tratsches in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado.
Zwischen Addie und Louis entwickeln sich Freundschaft und Zuneigung, dann Liebe. Sie erzählen sich nächtelang ihr Leben, sprechen über Fehlschläge, Enttäuschungen und die großen Tragödien. Louis hat seine Ehe durch eine Affaire aufs Spiel gesetzt. Addie hat ihre kleine Tochter durch einen Unfall verloren, den ihr Sohn Gene mit verschuldet hat. Danach war nichts mehr wie zuvor. Ihr Mann Carl verhielt sich kalt und distanziert und konnte seinen Sohn nicht mehr lieben. Ihre gute Ehe war nur Fassade.
Addies und Louis´ Arrangement wird schwieriger, als Gene von seiner Frau verlassen wird und Addie den verstörten, von Albträumen geplagten 6jährigen Enkel bringt. Das späte Glück wird letztlich nicht durch kleinstädtische Engstirnigkeit gefährdet, sondern ausgerechnet durch den selbsternannten Moralapostel Gene, der um sein Erbe fürchtet und seine Mutter vor eine schwere Wahl stellt.
Der Roman zeigt, wie zwei Senioren sich mutig über kleinstädtische Vorstellungen von Anstand und Schicklichkeit hinwegsetzen und einen Weg aus der Einsamkeit in ein fragiles Glück finden. Die Sprache ist nüchtern und schnörkellos. Es gibt sehr viel Dialog, der nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet, aber dennoch problemlos verständlich ist. Haruf erzählt eine berührende, melancholische Geschichte, die auch deshalb so beeindruckt, weil sie das Vermächtnis eines sterbenden Autors ist. Sehr empfehlenswert.

Bewertung vom 19.03.2017
Die Zeit der Ruhelosen
Tuil, Karine

Die Zeit der Ruhelosen


sehr gut

Verlust der Unbeschwertheit
“Die Zeit der Ruhelosen“ (“L´Insouciance“) ist Karine Tuils zehnter Roman. Im Mittelpunkt stehen vier Personen, deren Wege sich schicksalhaft kreuzen. Francois Vély, ein schwerreicher Unternehmer mit jüdischen Wurzeln, ist seit kurzer Zeit mit der Journalistin Marion Decker verheiratet. Romain Roller ist Soldat. Er kehrt von einem Einsatz in Afghanistan zurück, bei dem er mit seiner Truppe in einen Hinterhalt der Taliban geriet und mehrere Männer verlor.Er kommt äußerlich unverletzt, jedoch schwer traumatisiert zurück. Osman Diboula entstammt einer Einwandererfamilie von der Elfenbeinküste. Er wuchs in Clichy-sous-Bois auf, einer Banlieue, die durch die schweren Krawalle von 2005 zu trauriger Berühmtheit gelangte. Osman Diboula war Sozialarbeiter und vermittelte erfolgreich in dem Konflikt. Er steigt daraufhin zum Berater des konservativen Präsidenten auf, wird aber ständig mit rassistischen Äußerungen konfrontiert. Dem schnellen Aufstieg folgt ein rapider Absturz. Auch alle anderen Personen geraten binnen kurzem in eine Abwärtsspirale, die ihre Existenz bedroht. Vély wird aufgrund eines Werbefotos in den sozialen Netzwerken und der Presse als Rassist verunglimpft, und antisemitische Beschimpfungen lassen nicht lang auf sich warten. Ausgerechnet Osman Diboula verteidigt ihn in einem vielbeachteten Zeitungsartikel und kehrt rehabilitiert in die Politik zurück. Marion Decker beginnt in einem Luxushotel auf Zypern eine Affaire mit Romain Roller. Ihre junge Ehe wurde durch den Selbstmord der Ex-Frau von Francois überschattet. Die vier Protagonisten treffen im Irak zusammen, wo sich die Dinge noch einmal dramatisch zuspitzen. Für alle geht es “abwärts, immer weiter abwärts.“ (S. 492)
Karine Tuil hat nahe an der gegenwärtigen Realität einen großen Gesellschaftsroman geschrieben, der zeigt, wie zerbrechlich unsere Existenz ist, wie flüchtig das Glück. Der Roman fängt besonders treffend die Situation in Frankreich ein. Dort ist die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich, in oben und unten besonders krass. Herkunft und Identität sind von zentraler Bedeutung. Nur die Absolventen der Eliteschulen schaffen es in die höchsten Positionen der Macht. Die Bewohner der Banlieues bleiben in der Regel chancenlos. Die Vorstädte sind der sichtbare Beweis für eine gescheiterte Integrationspolitik und mit ihrer hohen Arbeitslosigkeit vor allem unter den Jugendlichen eine Brutstätte für Kriminalität. Es ist kein Zufall, dass der IS hier erfolgreich Kämpfer rekrutiert.
Tuils Roman ist komplex und gut recherchiert, teilweise auf bekannten Fakten basierend und dennoch eine Fiktion. Er ist düster und voller Gewalt, lässt den Leser aber nicht ohne Hoffnung zurück. Trotz der uns auferlegten Prüfungen retten uns die Liebe, die Literatur und menschliche Beziehungen. Ein empfehlenswertes Buch – noch besser als die Vorgänger.

Bewertung vom 04.03.2017
Wenn ich jetzt nicht gehe
Dueñas, María

Wenn ich jetzt nicht gehe


sehr gut

Zu wenig Mäßigung
Mauro Larrea kam einst als Witwer mit zwei Kindern aus Spanien nach Mexiko und hat es in 25 Jahren vom einfachen Bergmann zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Er besitzt mehrere Silberminen, Ländereien und einen Stadtpalast in Mexiko Stadt und verkehrt in den besten Kreisen. Dann trifft er gegen den Rat seines besten Freundes und Prokuristen Elías Andrade eine Fehlentscheidung. Er hat alles auf eine Karte gesetzt Der Roman beginnt mit der Nachricht, dass er sein gesamtes Vermögen bis auf sein Haus verloren hat. Keiner darf wissen, dass er ruiniert ist. Er trifft eine weitere riskante Entscheidung, indem er seinen Stadtpalast an einen Kredithai verpfändet, der ihn nur zu gern untergehen sehen möchte.
An dieser Stelle beginnt für Larrea eine abenteuerliche Reise, die ihn zuerst nach Havanna, dann nach Jerez in Spanien führt, wo er durch einen Sieg beim Billard die Ländereien der Familie Montalvo gewonnen hat. Schon in Havanna hat die skrupellose Carola Gorostiza, Ehefrau seines Herausforderers, ein Netz von Intrigen gesponnen, das er lange nicht durchschaut. In Jerez begegnet er Sol Claydon, Enkelin des legendären Weingutbesitzers Matias Montalvo, in deren Bann er sofort gerät. Er wird immer tiefer in die Probleme der Montalvos verstrickt, gerät selbst in große Gefahr und hört nicht auf die Stimme der Vernunft, wenn er sich in illegale Machenschaften verwickeln lässt, um der schönen Soledad zu helfen.
Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, immer neue Komplikationen. Die Charaktere in diesem in der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts spielenden Abenteuerroman sind sorgfältig gezeichnet, vor allem Mauro und Soledad, aber auch die Nebenfiguren. Mauro gewinnt beim Billard einen Weinberg mit Namen La Templanza, und templanza (Mäßigung) ist genau die Eigenschaft, die ihm die meiste Zeit fehlt. Er muss lernen, besonnener zu werden, um seine Existenz und sein Leben nicht immer wieder aufs Spiel zu setzen. In diesem gut lesbaren, spannenden Abenteuerroman kommen auch die großen Gefühle nicht zu kurz. Durch harte Arbeit schafft der geläuterte Mauro den Neuanfang. Wird er auch auf der Suche nach Glück erfolgreich sein? Ein sehr empfehlenswerter Roman!

Bewertung vom 26.02.2017
Das Buch der Spiegel
Chirovici, E. O.

Das Buch der Spiegel


sehr gut

Blick in den Zerrspiegel
In E.O. Chirovicis erstem in englischer Sprache verfasstem Roman “Das Buch der Spiegel“ geht es um einen 27 Jahre zurückliegenden, nie aufgeklärten Mord. 1987 wurde der berühmte Psychologieprofessor Joseph Wieder in seinem Haus brutal ermordet. Richard Flynn, der damals zu den Verdächtigen zählte, ist ein todkranker Mann. In den letzten Monaten seines Lebens schreibt er die Geschichte dieses Mordes auf, weil er nun die Lösung zu kennen glaubt und schickt den Anfang seines Manuskripts an den Literaturagenten Peter Katz, der sicher ist, mit dem Verkauf an einen Verlag das große Geschäft machen zu können. Als er den Rest des Manuskripts abholen will, ist Richard Flynn bereits verstorben. Das Manuskript ist nach Aussage von Flynns Partnerin unauffindbar. Peter Katz schaltet den Journalisten John Keller ein, der einiges an Material zusammenträgt und schließlich den pensionierten Polizisten Roy Freeman hinzuzieht, der damals den Fall erfolglos bearbeitet hatte. Freeman hat sich nie verziehen, dass er wegen seiner Scheidung und massiver Alkoholprobleme nicht in Bestform war. Er benutzt nun Flynns Manuskript, Kellers Ermittlungsergebnisse und die alte Polizeiakte und rollt den Fall wieder auf. Freeman befragt alte und neue Zeugen und trägt immer mehr Fakten zusammen, so dass der Mord schließlich auch offiziell als aufgeklärt gelten kann.
Chirovici hat einen sehr komplizierten Thriller geschrieben, in dem mehrere Ich-Erzähler – Flynn, Katz, Keller und Freeman - aus wechselnder Perspektive teils sehr widersprüchliche Aussagen machen. Hinzukommt noch die zwielichtige Laura Baines, die Lieblingsstudentin des Ermordeten, in die Flynn verliebt war. Auch der junge Student Flynn stand in Beziehung zum Professor, für den er eine Zeit lang arbeitete. Es ergeben sich laufend neue Hypothesen aus den Ermittlungsergebnissen, die später angesichts anderer Erkenntnisse wieder verworfen werden müssen.
Chriovicis literarischer Thriller handelt nicht nur von der Aufklärung eines Mordes. Leitmotivisch zieht sich das Thema “Erinnerung“ durch den Roman – unterstrichen durch die Tatsache, dass Joseph Wieder ebenso auf diesem Gebiet forschte wie Laura Baines. Der Professor untersuchte speziell die Möglichkeiten, bei Traumapatienten schädliche Erinnerungen zu löschen. Immer wieder geht es um die Frage, wie zuverlässig unsere Erinnerungen sind. Wenn es gar keine objektive Wirklichkeit gibt, sondern nur subjektive Wirklichkeiten, dann würde dies erklären, wieso wir uns an Dinge erinnern, die nie passiert sind. Chirovici führt uns vor, wie begrenzt der Wahrheitsgehalt all der subjektiven Aussagen ist. Es ist alles anders, als man denkt.
Mir hat der Roman gut gefallen, obwohl er sich mit seinen gefühlten 200 Namen nicht eben mühelos konsumieren lässt. Der Autor verzichtet auf oberflächliche, reißerische Spannung, und das ist gut so. Es ist spannend genug, das Puzzle aus vielen Teilchen zusammenzusetzen, bis am Ende fast alles aufgeklärt ist.

Bewertung vom 12.02.2017
Das geträumte Land
Mbue, Imbolo

Das geträumte Land


sehr gut

Nur ein Traum
In Imbolo Mbues hochgelobtem Debütroman geht es um Immigration. Jende Jonga ist mit einem Touristenvisum aus Kamerun in die USA gekommen. Zwei Jahre später holt er seine Frau Neni mit dem gemeinsamen Sohn Liomi nach. Für beide ist Amerika das gelobte Land. Entsprechend dem amerikanischen Traum kann es hier jeder schaffen, wenn er nur hart genug dafür arbeitet. Als Jende Chauffeur von Clark Edwards wird, einem reichen Banker bei Lehman Brothers, und Neni in den Urlaubswochen in den Hamptons als Haushälterin der Edwards arbeitet, sieht es so aus, als würden all ihre Träume in Erfüllung gehen. Doch dann verliert Clark Edwards durch die Lehman Brothers-Pleite seinen Job. Clark beschäftigt Jende noch einige Zeit, bis dieser im Ehekrieg der Edwards zwischen die Fronten gerät. Das glamouröse Leben der Edwards ist weitgehend schöner Schein. Clark und Cindy haben große Probleme.
Auch die Jongas sind nicht mehr so glücklich wie am Anfang. Mit Hilfe eines auf Asylrecht spezialisierten Anwalts kämpfen sie für die Greencard, gegen die Ausweisung. Sie gehen drei Jahre lang durch die Einwanderungshölle, leben in ständiger Ungewissheit und Angst. Die Edwards sind zwar sehr nett und großzügig zu ihren Angestellten, lassen aber nie einen Zweifel daran, dass es unüberbrückbare Differenzen gibt: Armut und Reichtum, Rasse und Klasse. Es ist nicht zu übersehen, dass die Amerikaner generell die Fremden gar nicht in ihrem Land wollen. Desillusioniert macht Jende seiner Frau am Ende klar, dass Amerika keineswegs das beste Land der Welt ist: “…, dieses Land ist voll mit Lügen und Leuten, die sich gern Lügen anhören. (…) In diesem Land ist kein Platz mehr für Leute wie uns.“ (S. 370).
Sehr schön zeichnet die Autorin die Veränderungen bei den Jongas nach. Sie merken, dass sie nicht so leben, wie sie leben möchten und sich in Menschen verwandeln, die sie nicht sein wollen. Auch ihre Ehe hat gewaltig gelitten. Sowohl Jende als auch Neni enthüllen zunehmend sehr unschöne Seiten ihrer Persönlichkeit und müssen entscheiden, wo sich für sie das gelobte Land befindet.
Imbolo Mbue ist ein gut lesbarer Roman gelungen, der durch die augenblickliche politische Lage in den USA eine erschreckende Aktualität gewinnt. Auf jeden Fall empfehlenswert.

Bewertung vom 11.02.2017
Rain Dogs / Sean Duffy Bd.4
McKinty, Adrian

Rain Dogs / Sean Duffy Bd.4


ausgezeichnet

Warum starb Lily Bigelow
"Rain Dogs“ ist Adrian McKintys fünfter Roman aus der Serie um Sean Duffy, den katholischen Bullen in Carrickfergus. Er lebt noch immer in einem protestantischen Wohngebiet und versieht seinen gefährlichen Dienst in den Zeiten der Troubles. Es ist das Jahr 1987. Zur täglichen Routine gehört vor jeder einzelnen Fahrt der Blick auf die Fahrzeugunterseite auf der Suche nach einem Sprengsatz.
Duffys neuer Fall beginnt anscheinend harmlos mit einer Lappalie. Er wird wegen eines Brieftaschendiebstahls in ein Hotel am Ort gerufen. Dort ist eine Delegation von finnischen Investoren abgestiegen, die sich für die stillgelegten Fabriken in der Region interessiert. Bei der Gelegenheit lernt Duffy die attraktive Journalistin Lily Bigelow kennen, die für die Financial Times über den Besuch der Finnen berichtet. Unter anderem besichtigt die Gruppe auch Carrickfergus Castle. Am nächsten Tag wird die Journalistin tot im Innenhof der Burg aufgefunden. Niemand hat die Burg nach der Schließung der Anlage betreten oder verlassen. Alles deutet also auf Selbstmord.. Dann zeigen die gerichtsmedizinischen Gutachten, dass es Mord war. Sean Duffy kann nicht glauben, dass er es entgegen aller Wahrscheinlichkeit zum zweiten Mal mit einem Locked Room Mystery zu tun hat.
Die Ermittlungen ziehen sich hin, weiten sich auf immer mehr Beteiligte aus. Es geht um Korruption und Missbrauch. Duffy bekommt viel Druck von oben, auch vom englischen Geheimdienst, und wird bei den Ermittlungen behindert. Duffy lässt sich wie immer nicht beirren und löst den Fall. Den Schuldigen wird er allerdings wie so oft nicht vor Gericht bringen können. Später bedroht man ihn massiv, sollte er die Dinge nicht auf sich beruhen lassen.
McKintys neuer Roman ist wieder ein spannender Thriller auf hohem Niveau, der nicht nur die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Nordirland als Hintergrund mit einbezieht, sondern historische Bezüge mit real existierenden Personen aufweist. Jahrzehntelang vertuschte Skandale um Prominente, zum Beispiel Jimmy Savile, sind zum Teil bis heute nicht komplett aufgearbeitet. Es gab zwar Anzeigen, aber keine Verurteilungen. Meist glaubte man den Opfern nicht. Die Beschuldigten hatten zu viel Einfluss. Es ist McKinty hoch anzurechnen, dass er im Rahmen eines historischen Thrillers diese Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten lässt.

Bewertung vom 11.02.2017
Sein blutiges Projekt
Burnet, Graeme Macrae

Sein blutiges Projekt


ausgezeichnet

Dreifachmord in Culduie
“Sein blutiges Projekt“ ist Graeme Macrae Burnets zweiter Roman. Er beginnt mit einem Vorwort, in dem der Autor erklärt, dass er bei Nachforschungen über seinen Großvater auf den Fall des 17jährigen Roderick “Roddy“ Macrae gestoßen ist, der im Jahr 1869 in dem aus neun Häusern bestehenden Dorf Culduie an der schottischen Westküste drei Menschen brutal erschlug. Es folgen die Aussagen einiger Nachbarn zu Roddys Persönlichkeit, Roddys Bericht zur Vorgeschichte des Verbrechens, den er auf Bitten seines Verteidigers schrieb, medizinische und kriminalpsychologische Gutachten, die Prozessberichterstattung und die Darstellung in den Zeitungen.
Roddy bestreitet nie, das Verbrechen begangen zu haben. Deshalb geht es in dem Prozess lediglich um die Festsetzung des Strafmaßes. Wenn er bei der Ausführung der Tat bei klarem Verstand war, muss er hängen. Kann sein Verteidiger glaubhaft nachweisen, dass dies nicht so war, bekommt er lebenslänglich. Trotz der blutigen Tat ist der junge Mörder dem Leser wesentlich sympathischer als sein Opfer Lachlan Mackenzie genannt Lachlan Broad. Das liegt an der Vorgeschichte.
Die Familien Mackenzie und Macrae waren schon vor Roddys Geburt verfeindet. Als Lachlan Mackenzie zum Constable der drei benachbarten Dörfer gewählt wird, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Ein Constable vermittelt zwischen dem Gutsbesitzer und den Pächtern, achtet auf die Einhaltung der nirgendwo schriftlich fixierten Vorschriften und verhängt Strafgelder bei Verstößen. Machtmissbrauch und Schikanen sind Tür und Tor geöffnet, weil niemand die Maßnahmen des Constable in Frage stellt. Lachlan Mackenzie treibt Roddys Vater John mit einer Serie von Schikanen in die Enge und nimmt ihm mit dem vom Gutsverwalter unterzeichneten Räumungsbescheid die Existenzgrundlage. Roddy will seinen Vater von den durch den Constable verursachten Widrigkeiten befreien.
Burnet kritisiert das ungerechte Feudalsystem, in dem die reichen Grundbesitzer die Kleinbauern gnadenlos ausbeuteten. Diese konnten trotz harter Arbeit kaum ihre Familien ernähren, oft den Pachtzins nicht zahlen und mussten darüber hinaus noch unbezahlte Arbeit für den Gutsbesitzer oder die Gemeinde leisten. Auch die Kirche kommt bei Burnet nicht gut weg. Der presbyterianische Geistliche leistet weder praktische Hilfe in der Not noch bietet er geistlichen Beistand. Was den primitiven Bauern widerfährt, ist für ihn nichts weiter als die verdiente Strafe für ihre Sünden.
Mir hat der sprachlich anspruchsvolle Roman, der kein Thriller ist, sondern ein Roman über ein Verbrechen und eine Sozialstudie, vor allem durch seine raffinierte Konstruktion sehr gut gefallen. Die Geschichte präsentiert sich als Sammlung von Dokumenten zum Fall Roderick Macrae und ist doch ein Spiel mit Wahrheit und Fiktion bis hin zum angeblichen Vorfahr mit dem Namen des Autors, der dem Roman scheinbar Authentizität verleiht. Das Ergebnis dieser Konstruktion ist eine Vielfalt von teils widersprüchlichen Aussagen von unzuverlässigen Erzählern, ein Puzzle, das der Leser selbst zusammensetzen und deuten muss. Ein großartiges Buch!

Bewertung vom 31.12.2016
DEAR AMY - Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest
Callaghan, Helen

DEAR AMY - Er wird mich töten, wenn Du mich nicht findest


sehr gut

Im Mittelpunkt von Helen Callaghans Debütroman “Dear Amy“ steht Margot Lewis. Sie ist Lehrerin an einer renommierten Schule und außerdem Kummerkastentante bei der Zeitung The Cambridge Examiner, wo sie die an “Dear Amy“ gerichteten Anfragen der Ratsuchenden beantwortet. Eines Tages erhält sie einen Hilferuf von Bethan Avery, die um ihr Leben fürchtet. Das Brisante an der Angelegenheit ist, dass dieses Mädchen vor fast zwanzig Jahren entführt und von allen für tot gehalten wird. Die Polizei konnte den Fall nie aufklären.
Der Roman beginnt mit einem Prolog, in dem der Leser Zeuge der Entführung der 15jährigen Katie Browne wird, die nach einem Streit ihr Elternhaus verlässt und eigentlich schon wieder umkehren wollte, als sie von einem Unbekannten überfallen wird. Alle glauben, dass Katie mit ihrem Freund weggelaufen ist. Erst als Margot Lewis ihre Briefe vorlegt, kommt die Sache ins Rollen. Der forensische Psychologe Dr. Martin Forrester befragt Margot. Ein Team von Polizisten, Psychologen und Graphologen ermittelt und prüft weitere ungeklärte Fälle von verschwundenen Mädchen aus einem Zeitraum von etwa 20 Jahren. Margot wird immer stärker in die Geschichte hineingezogen, entwickelt starke Ängste und fürchtet, dass Geheimnisse aus ihrer eigenen Vergangenheit ans Licht kommen könnten. Dass sie allen Grund hat sich zu fürchten, wird deutlich, als sie ebenfalls ins Visier des Täters gerät.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven, meist aus Margots Sicht, aber auch Katie und der Täter kommen zu Wort. Der vor allem im zweiten Teil spannende Psychothriller enthält zahlreiche Handlungsumschwünge und ein überraschendes Ende. Das zugrundeliegende Geheimnis habe ich allerdings frühzeitig erraten. Das minderte jedoch nicht das Lesevergnügen. Ich rechne es der Autorin hoch an, dass sie zwar schlimme Verbrechen thematisiert, aber dem Leser dennoch Folter- und Vergewaltigungsszenen in finsteren Kellerverliesen erspart. Ein empfehlenswerter Thriller, der beschreibt, mit welchen gravierenden psychischen Folgeschäden Verbrechensopfer bisweilen überleben.

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