Benutzername: Miss Marple
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Bewertungen

Insgesamt 18 Bewertungen
12
Bewertung vom 12.03.2017
Ikigai
Miralles, Francesc; García (Kirai), Héctor

Ikigai


sehr gut

Der Weg ist das Ziel
Gesund und glücklich hundert werden- wie der Untertitel diese Buches heißt- ist sicherlich der Wunsch fast jedes Menschen. Die beiden Autoren setzten sich das jähe Ziel, dem Leser anhand von eigenen Beobachtungen auf verschiedenen Reisen durch Japan, hier besonders auf der Insel Okinawa, einen Weg zu zeigen, wie wir dieses Ziel erreichen. Philosophisch-psychologische Aspekte, Ernährung und Aktivität-sowohl körperliche wie auch geistige- spielen eine große Rolle dabei. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht, dem Leser verschiedene Möglichkeiten der Orientierung im Leben aufzuzeigen, sein „Ikigai“, was mit „dem Glück, immer beschäftigt zu sein“ übersetzt werden kann, zu finden, denn so die Überzeugung der Autoren und der Wunsch an ihre Leser, habe man es erst einmal gefunden, kann es gelingen, ein hohes Alter in Gesundheit zu erreichen.
Das Buch ist nicht umfänglich, gibt aber verschiedene Ideen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Besonders interessant finde ich die Weisheiten der Hundertjährigen, denn wer, wenn nicht sie, könnte uns aus eigener Erfahrung mehr berichten. Dass gesunde und maßvolle Ernährung und moderate Bewegung weitere wichtige Punkte bei der Gesunderhaltung sind, wissen wir in der heutigen Zeit bereits. Auch welchen Einfluss Stress auf unser Leben hat, ist oft schon publiziert. Aber nicht das Wissen um all diese Dinge bringt uns an das Ziel, sondern wie wir unser Leben gestalten unter Berücksichtigung aller Umstände, die uns auf diesem hoffentlich langen Weg begegnen. Die Übersetzung eines japanischen Haikus lautet wie folgt:“ Das Einzige, was es gibt, hier und jetzt, ist mein Leben und dein Leben“ (S.217). In diesem Sinne muss sich jeder Leser selbst auf die Suche nach seinem „Ikigai“ machen, wozu dieses Buch anregen soll.

Bewertung vom 08.03.2017
Es klingelte an der Tür
Stout, Rex

Es klingelte an der Tür


sehr gut

Ein Klassiker im neuen Gewand

Manche Helden sind nicht totzukriegen. So auch Nero Wolfe und sein unermüdlicher Assistent Archie Goodwin nicht, die Klett-Cotta nun aus der Schublade geholt hat und den spätgeborenen Leser an ihren Abenteuern teilhaben lässt (Der erste Band der Reihe erschien bereits 1933). So führt uns der vorliegende Band zurück ins Jahr 1965 und ist in Rex Stouts Reihe bereits im hinteren Drittel angesiedelt.
Nero Wolfe, der nichts so sehr liebt wie seine tägliche Routine, gutes Essen und Orchideenpflege eingeschlossen, betreibt seine Detektei in New York. Eigentlich verlässt er aus beruflichen Gründen niemals sein Büro, dafür hat er seinen „Laufburschen“ und cleveren Mitarbeiter Archie, der uns auch diese Geschichte erzählt. Doch im vorliegenden Fall wird Wolfe gezwungen sein a) seine Routine zu unterbrechen und b) auch mal vor die Tür zu gehen, denn es gilt niemandem Geringeren als dem FBI auf die Füße zu treten, denn als es an seiner Tür klingelt und die exzentrische Witwe Rachel Bruner ihm 100 000 Dollar dafür bietet, dass er sie von der Beschattung durch das FBI befreit, greift er zu. Dass es einer seiner schwersten Fälle werden wird und er zusätzlich auch noch einen Mord aufklären soll, weiß er freilich an dieser Stelle noch nicht. Hier soll davon auch nicht mehr verraten werden.
So mitten in eine Krimireihe einzusteigen, ist für den Leser nicht immer einfach, denn die Figuren entwickeln sich ja mit jedem neuen Fall. Es fehlen Informationen, die in früheren Büchern eventuell gegeben wurden. So bleibt zu hoffen, dass wir bald mehr über den Detektiv erfahren, der jedes Jahr ein neues Auto kauft, weil er glaubt, das Risiko einer Panne dadurch zu reduzieren, was aber nicht der Fall ist (S.121). Woran man erkennt, dass nicht nur seine Klienten exzentrisch sind.

Bewertung vom 28.02.2017
Spreewaldtod / Klaudia Wagner Bd.2
Dieckerhoff, Christiane

Spreewaldtod / Klaudia Wagner Bd.2


sehr gut

Mörderischer Spreewald Teil 2

Die schöne Urlaubsidylle des Spreewalds ist schnell vorbei, als im Fließ ein toter rumänischer Saisonarbeiter gefunden wird. Bald stellt sich für Klaudia Wagner, die leitende Ermittlerin der Mordkommission, die Frage, ob es ein ausländerfeindliches Motiv gibt. Erste Spuren führen sie zu einem ortsansässigen Gurkenbauern. Stecken Erpressung oder Spielschulden hinter der Tat?
Klaudia, die selbst körperlich und seelisch noch von ihrem ersten Fall im Spreewald gezeichnet ist, findet sich alsbald in einem Wirrnis von Möglichkeiten wieder, besonders als eine zweite Töte zu beklagen ist. Immer gefährlicher werden auch ihre Ermittlungen.
Es ist zu empfehlen, den ersten Teil der Reihe zu kennen, denn nur so erhält der Leser ein vollständiges Bild von Klaudia, die neben ihren eigenen Problemen, auch ganz nah am Schicksal ihres Vermieters und Kollegen Uwe und dessen Familie mitträgt und nicht frei von Schuldgefühlen ist. Sie zeigt sich auch im aktuellen Fall als eine Polizistin, die sich in einem Fall festbeißen kann, bis sie ihn gelöst hat, ohne auf sich selbst Rücksicht zu nehmen.
Wieder werden von der Autorin viele Fäden gesponnen, die sie am Schluss noch nicht zusammen bringt und der Leser hofft, dass er bald wieder mit Klaudia, ihren Kollegen Demel und Joe (der in diesem Teil wegen Krankheit nur am Rande mitspielte) und dem alten Schiebschick durch den Spreewald schippern kann.

Bewertung vom 27.02.2017
Schlaflied / Olivia Rönning & Tom Stilton Bd.4
Börjlind, Cilla; Börjlind, Rolf

Schlaflied / Olivia Rönning & Tom Stilton Bd.4


ausgezeichnet

Menschliche Abgründe
Am Stockholmer Bahnhof spuckt ein Zug nach dem anderen ankommende Flüchtlinge aus, provisorische Zeltunterkünfte sind aufgebaut und am Limit agierende freiwillige Helfer versuchen in der Not zu helfen. Unter ihnen auch Olivia Rönning, die eigentlich Polizistin ist. Mitten im Chaos schlägt sich ein kleines Mädchen ganz allein durch und lebt, immer in Angst vor den Behörden, auf der Straße, bis sie auf Muriel trifft, eine obdachlose junge Frau, die nach Kräften versucht, von der Nadel wegzukommen. Gemeinsam verstecken sie sich in den Wäldern. Aber ist es hier sicherer als in Stockholm?
Inzwischen ruht aber das Verbrechen nicht und man findet im Wald einen grausam zugerichteten toten Jungen. Der erste Verdacht fällt in Richtung Pädophile, was erst die Spitze des Eisbergs sein wird. Das erkennt Tom Stilton, ehemaliger Kommissar und Obdachloser- sehr bald, als er von seinen früheren Kollegen zu Hilfe gerufen wird. Seine Ermittlungen führen ihn weit hinaus über schwedische Grenzen und so findet es sich mit seiner Kollegin Olivia Rönning bald in den Katakomben der rumänischen Hauptstadt wieder. Zurück in Schweden bittet ihn Muriel, die er noch aus seiner eigenen Zeit auf der Straße kennt, um Hilfe, da sie glaubt ihr kleiner Schützling sei in Gefahr.
Wie beide Fälle zusammen hängen, erfährt der Leser im spannenden vierten Teil der Reihe um das Ermittlerteam Rönning/ Stilton. Wieder einmal zeichnen die beiden Autoren starke Charaktere: Stilton, der sich über die Jahre sprichwörtlich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen hat und nun beweist, dass er wieder auf ganzer Höhe ist, auch wenn er seiner Vorgesetzten durch manchen Alleingang die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Olivia Rönning, die sich über die vorherigen Bände von der Polizeischülerin zu einer guten Ermittlerin entwickelt hat und nun eine wichtige persönliche Entscheidung zu treffen hat. Und Mette, die als Chefin gerade in diesem Fall merkt, dass sie gern die ihr noch verbleibende Zeit mit ihrem Mann und der Familie verbringen möchte.
Die Autoren greifen gegenwärtige Themen auf: Flüchtlingskrise, Drogenhandel, Menschenraub, Pädophilie, Organhandel, Erpressung - alles, womit skrupellose Gangster Geld machen können und die Not anderer ausnutzen.
Dass sich am Schluss die Verbindung zum äußerst rasanten Prolog ziehen lässt, ist ein kluger dramaturgischer Schachzug der Autoren, an dem man einmal mehr erkennt, dass sie als Drehbuchautoren für Verfilmungen der Martin-Beck und Arne-Dahl-Reihen verantwortlich zeichnen. Ihr Handwerk, den Leser zu fesseln, verstehen sie.

Bewertung vom 12.02.2017
Saint Lupin's Academy 01: Zutritt nur für echte Abenteurer!
White, Wade Albert

Saint Lupin's Academy 01: Zutritt nur für echte Abenteurer!


sehr gut

Drei Freunde auf Mission
Anne und ihre Freundin Penelope leben bis zu ihrem 13. Geburtstag in einem Waisenhaus, das den bezeichnenden Namen Saint-Lupin’s –Institut für Fortwährend Ungezogene und Grässliche Kinder trägt. Täglich arbeiten sie im Kohlebergwerk, das gemäß der Anweisungen des beliebten Ratgebers Wie Sie Waisenkinder großziehen und damit Geld verdienen handelt. Abgetragenen Hemden, schlecht sitzende Schuhe, mottenzerfressenen Mäntel und eine Diät aus Haferschleim begleiten die Kinder jeden Tag. So ist es wahrlich nicht verwunderlich, dass die Mädchen ihren Geburtstag herbeisehnen, denn dann dürfen sie endlich das Heim verlassen. Anne hofft sehr auf eine Fahrkarte, doch der Weg in die Freiheit ist steinig und gelingt schlussendlich nur durch einen Flucht.
Als neue Schülerinnen einer Zauberakademie werden sie sogleich in ihr erstes großes Abenteuer gestürzt. Anne, nun „Hüterin des Panzerhandschuhs mit dem Sperling“ muss gemeinsam mit Penelope und ihrem neuen Kameraden Hiro Darkflame innerhalb einer Frist von nur drei Tagen eine tödliche Prophezeiung verhindern.
Der Autor greift tief in die Trickkiste der Zauberei, um die drei Freunde auf ihre abenteuerliche Mission zu schicken. Fliegende Feuerbälle als Transportmittel, magische Bücher mit Zauberformeln (die auch mal nach hinten losgehen könne), ein riesiger Turm ohne Tür, der bestiegen werden muss, ein gewaltiger Ritter, der nie gelebt hat und sich sich als Roboter herausstellt, Sandwölfe, angriffslustige Roboterlibellen, Transportportale, die sich wie aus dem Nichts öffnen u.v.m. halten beim Lesen Einzug ins Kinderzimmer. Ab und zu sollten besorgte Eltern vielleicht nachschauen, ob das Kind noch auf dem Sofa sitzt und nicht durch ein solches Portal verschwunden ist, denn zu gern möchte man als Leser an Annes Seite diese Abenteuer bestehen.
Dem Autor gelingen überzeugende Figuren- mutige, abenteuerlustige Kinder, besorgte Erwachsene, wie Jocelyne, die Professorin an der Zauberakademie ist, aber auch Antagonisten, wie die Oberin im Waisenhaus, die den Kindern das Leben zur Hölle macht.
Und so kann auch hier gesagt werden „Ende gut, alles gut“ als am Ende in das alte Waisenhaus…. Psst! Aber lest lieber selbst, es soll nichts verraten werden.

Bewertung vom 05.02.2017
Rain Dogs / Sean Duffy Bd.4
McKinty, Adrian

Rain Dogs / Sean Duffy Bd.4


sehr gut

Duffy Nr.5 -Düsteres Nordirland

Vor dem Hintergrund der politischen Unruhen in Nordirland der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts ermittelt Sean Duffy mit seinem Team den scheinbaren Selbstmord der jungen Journalistin Lily Bigelow, die aus London angereist ist, um eine finnischen Investorengruppe auf der Suche nach einem lukrativen Wirtschaftsabschluss zu begleiten.
Schnell kommen dem erfahrenen Ermittler Zweifel am Tod der Frau, jedoch wird es schwer werden, den Mord zu beweisen, denn er sieht sich zum zweiten Mal in seiner Dienstzeit mit dem Phänomen des „verschlossenen Raums“ konfrontiert. Wer aber Sean Duffy-den katholischen Bulle in der protestantische Royal Ulster Constabulary- aus den Vorgängern des Buches kennt, weiß, dass er jetzt nicht locker lässt und sich in dem Fall „verbeißt“, bis er ihn zu Ende bringt. So findet er bald heraus, dass Lily einem schwerliegenden Verbrechen auf der Spur war, das bis in die höchsten Regierungskreise reicht.
Der Autor zeigt Duffy auch hier wieder als einen Individualisten, der schnell und unkonventionell handelt, der überaus vorsichtig sein muss - so kontrolliert er vor jeder Autofahrt seinen Wagen nach versteckten Bomben, der klassische Musik liebt und hervorragend Klavier spielen kann, der jedoch auch einem guten Whiskey und Kokain nicht abgeneigt ist. Er hat in seinem Team treue Begleiter, so seinen jahrelangen Freund McCrabbans- Crabbie genannt- und den jungen Lawson, der Duffy mit Höherer Mathematik (Wahrscheinlichkeitsrechnung) beeindruckt.

Leider endet auch dieser Fall-ähnlich wie der Vorgänger „ Gun Street Girl“ für Sean Duffy nicht so, wie er es sich erhofft hat. Gerechtigkeit scheint in der Zeit der „Troubles“ mit jedem neuen Attentat ein Stück weiter zu verschwinden. Hatte der Leser am Ende des 4.Teils noch die Hoffnung, dass Duffy bei seinem neuen Fall wieder etwas mehr von seinem jüngeren Selbst mit auf den Weg bekommt, der selbst "den Tempel über dem eigenen Kopf zum Einsturz gebracht hätte" („Gun Street Girl“ S.374), so erscheint die Figur jetzt eher gesetzter, wenn nicht sogar resignierter, was ihn aber im meinen Augen nicht unsympathischer macht. Atemlos folgen wir ihm auf seiner Suche nach Wahrheit durch das vom Nordirlandkonflikt gebeutelten Belfast, immer in der Hoffnung, dass er niemals vergisst, unter sein Auto zu sehen, was umso wichtiger erscheint, da sich jetzt auch privat einiges für Sean ändern wird.
Der Autor verwebt reale politische Ereignisse mit Fiktion und schafft so für den Leser ein Stück Zeitgeschichte im Krimi. Sehr gefallen hat mir der Einstieg, der von Duffys Begegnung mit der großen Boxerlegende Muhammad Ali berichtet, der auf den Spuren seiner Vorfahren mehrmals nach Irland reiste, es jedoch in Wirklichkeit nie schaffte, nach Belfast zu kommen.
Fortsetzung folgt- der nächste Teil ist schon im Original veröffentlicht. Für alle Fans wird es ein langes Jahr des Wartens.

Bewertung vom 03.01.2017
Gefährliche Empfehlungen / Xavier Kieffer Bd.5
Hillenbrand, Tom

Gefährliche Empfehlungen / Xavier Kieffer Bd.5


gut

Weniger ist mehr

Zur Eröffnung des neuen Firmenmuseums lädt der legendäre Gastroführer „Guide Gabin“ nach Paris ein. Nicht nur berühmte Sterneköche und Gourmets, sondern auch der französische Präsident höchst persönlich sorgen für Schweißtropfen auf der Stirn der Organisatorin Valerie Gabin und setzen die Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft.
Selbst das kann nicht verhindern, dass an diesem Abend ein seltenes Ausstellungsstück des Gabin-der „Guide Bleu“ von 1939-gestohlen wird.
Schon steht Xavier Kieffer- der „kriminalisierende“ Ex-Sternekoch aus Luxemburg in den Startlöchern, um seinen fünften Fall zu lösen. Nicht nur, dass er selbst ein Interesse an der Aufklärung hat, so wird er vom Präsidenten auch noch persönlich um Hilfe gebeten, das kobaltblaue Buch zu finden. Als dann noch die erste Leiche erscheint, muss er sich fragen, wie gefährlich dieses Buch ist und wer ein Interesse daran hat, es zu besitzen.
Plätschert so die Handlung in der ersten Hälfte vor sich hin-immer wieder unterbrochen von der Darbietung kulinarischer Köstlichkeiten-man sollte das Buch echt nicht hungrig lesen- nimmt die Spannung im zweiten Teil etwas Fahrt auf.
Der Autor verbindet historische Begebenheiten aus den letzten Kriegsjahren mit der Gegenwart, die auch für Kieffer nicht ganz ungefährlich ist.
Für mich ist der kleine Roman etwas überladen an spannungsheischenden Momenten: So begegnen wir einem vegetarischen Aktivisten, der die Eröffnungsfeier stört und just in diesem Moment das Buch gestohlen wird. Als nächstes wird dem Leser ein Präsident präsentiert, der seinem eigenen Geheimdienst nicht traut, Männer liebt, gern Enten jagt und am Ende korrupt ist. Als weiteres wird noch Kieffers Restaurant gesperrt wegen eines angeblich geplanten Terroranschlags durch einen seiner marokkanischen Köche, der aber dann nur zufälligerweise den gleichen Namen hatte wie ein verdächtiger Terrorist. Und es gibt noch einige Beispiele mehr, wo ich dann ehrlich sagen muss, weniger ist mehr.
Mein Fazit: Das Buch unterhält an langen, vielleicht verregneten Wochenenden oder ist einfach mal was zum Abschalten.

Bewertung vom 11.12.2016
Im Wald / Oliver von Bodenstein Bd.8
Neuhaus, Nele

Im Wald / Oliver von Bodenstein Bd.8


sehr gut

Mord verjährt nicht- Schuldgefühle auch nicht

Ein brennender Wohnwagen ruft Hauptkommissar Oliver von Bodenstein und seine Kollegin Pia Sander in den nahegelegenen Wald von Ruppertshain. Noch glauben sie an die Tat eines Feuerteufels, der leerstehende Gebäude in der Gegend anzündet. Jedoch ist diesmal ein Mensch ums Leben gekommen. Als bald weitere Morde folgen, steht schnell fest, dass hier mehr dahintersteckt, zumal sich auch eine Spur zu einem Vermisstenfall auftut, der mehr als vierzig Jahre zurückliegt.
Dieser Fall, der Bodensteins vorerst letzter sein soll- er nimmt ein sogenanntes Sabbatjahr- führt ihn von der Gegenwart tief in seine eigene Vergangenheit, zurück in seine Kindheit, als sein bester Freund Artur plötzlich verschwindet. Artur, Sohn einer russischen Aussiedlerfamilie, wird im Dorf von den Gleichaltrigen schikaniert und Bodenstein hat versprochen, gut auf ihn aufzupassen. Arturs Verschwinden und der gleichzeitige Verlust des zahmen Fuchses, den Bodenstein über alles vermisst, stürzt den Jungen in eine tiefe Krise, die durch die Ereignisse in der Gegenwart wieder an die Oberfläche seiner Gefühlswelt gedrängt wird. Der Autorin gelingt es, den Leser hier tief in die Psyche Bodenstein schauen zu lassen, gemeinsam mit ihm Gefühle zu erleben, die er vorher an sich nicht kannte, wie Hass oder Rachsucht.
Da Bodenstein durch die gemeinsame Kindheit zu nahe an den Verdächtigen steht, übernimmt Pia Sanders die Ermittlungen. Bodenstein selbst versucht die schon erkaltete Spur in die Vergangenheit wieder aufzunehmen. Seine eigenen Schuldgefühle treiben ihn an.
Der Roman benötigt diesmal in meinen Augen erst eine gewissen „Anlaufzeit“. Nicht ganz einfach ist es am Anfang, der Vielzahl von aufgeführten Namen zu folgen. Aber da hilft ein vorangestelltes Personenregister sehr gut. Bald nimmt die Handlung aber Fahrt auf und führt den Leser auf alten und neuen Spuren durch den Taunus ohne an Spannung zu verlieren, manchmal glaubt man, die Ermittler sind so nah dran, dann tut sich ein neuer Weg auf.
Natürlich fragt sich Leser der Reihe am Ende, wie es mit Bodenstein weitergehen wird. Da werden wir uns in Geduld fassen müssen und abwarten, was die Autorin vorhat.

4 von 5 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.11.2016
Die Spionin
Coelho, Paulo

Die Spionin


ausgezeichnet

„Ich bin die Nachtigall, die für die Liebe alles gegeben hat und darüber starb“ (Mata Hari)

„Mata Hari ist tot“, so ein Offizier nach ihrer Hinrichtung am 15.Oktober 1917. Wer war diese geheimnisvolle Frau, die man der Spionage anklagte und ihren Beteuerungen, unschuldig zu sein, nicht glaubte?
In seiner Erzählung-man kann die 172 Seiten nicht wirklich einen Roman nennen- nähert sich Coelho auf einfühlsame Weise jener Frau, von der er selbst sagt, dass sie die erste Frau des 20.Jahrhunderts war, die von Männern des 19. Jahrhunderts hingerichtet wurde.
So lässt er sie in den letzten Tagen ihres Lebens, immer noch auf Begnadigung hoffend, einen Brief schreiben, der aus ihrer Sicht ihr Leben reflektiert, ihre Kindheit und Jugend in der holländischen Provinz, ihre Flucht in eine Ehe, nachdem sie an der Kindergärtnerinnenschule, wo sie eine Ausbildung absolviert, vom Direktor missbraucht wird. Sie berichtet über ihre Zeit in Niederländisch-Ostindien, wo ihr Mann als Offizier stationiert ist, sie ihre Kinder zur Welt bringt und eins verliert. Wie ihr Mann sie regelrecht einsperrt und mit einheimischen Frauen fremdgeht. Bis der Selbstmord einer Offiziersgattin sie aufrüttelt und sie die Heimreise erzwingt. Wieder in Holland wird sie alsbald die Familie verlassen und nach Paris gehen, wo nun ihre glanzvollen Jahre als Tänzerin und Geliebte vieler bedeutender Männer beginnen.
Im Laufe des 1.Weltkrieges verblasst jedoch ihr Stern und sie gerät zwischen die politischen Fronten und erkennt nicht, welche Intrigen um sie gesponnen werden.
Coelho nimmt seine Leser auf eine spannende Zeitreise mit. Er fesselt mit dem Schicksal einer bemerkenswerten Frau, die mit ihrem Drang nach Unabhängigkeit und dem Wunsch nach wahrer Liebe und Glück in die falsche Zeit hineingeboren wurde. Die Erzählung hat nicht den Anspruch, eine große Biographie von Margaretha Zelle-so ihr bürgerlicher Name-zu sein, wie der Autor im Nachwort schreibt. Vielmehr ist sie der Einblick in die Gedanken-und Gefühlswelt einer Frau, deren „Sünde darin bestand, eine Frau zu sein; in der noch größeren Sünde, frei zu sein; in der ungeheuerlichen Sünde, mit Männern eine Beziehung eingegangen zu sein, deren Ruf um jeden Preis gewahrt werden musste, was nur möglich war, wenn Sie für immer aus Frankreich oder, noch besser, aus der Welt verschwanden.“(S.155), wie der Autor ihren Anwalt in einem fiktiven Brief schreiben lässt.
Coelho lässt den Leser den Zeitgeist erspüren und führt uns eigentlich sehr deutlich vor Augen, was uns heute Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung wert sein sollten. In altbekannter Weise regt er mit seinem Büchlein zum Nachdenken über das eigene Leben und seine Gestaltung durch jeden selbst an.

Bewertung vom 13.11.2016
Die Schwester des Tänzers
Stachniak, Eva

Die Schwester des Tänzers


gut

„Harte Winter machen Bäume nur noch stärker. Die Ringe im Holz, die sich in schlechten Zeiten bilden, wenn der Baum ums Überleben kämpfen muss, sind fester als diejenigen, die unter günstigen Umweltbedingungen wachsen. Die Auserwählte, hat mein Bruder einmal gesagt, ist eine Kriegernatur, kein sterbender Schwan. Sie tanzt, damit neues Leben möglich ist.“(S.567)
Das Leben der Tänzerin Bronislawa Nijinsky steht im Mittelpunkt des Romans. In einem Rückblick erzählt die Ich-Erzählerin- die Tänzerin selbst- in ihrem Tagebuch auf ihrer Schiffsreise von London nach New York kurz nach Kriegsausbruch 1939 über die zurückliegenden Jahre. Den Leser erwartet eine detaillierte Schilderung ihrer Kindheit und Jugend als Tochter in einer Künstlerfamilie. Beide Eltern sind bzw. waren Tänzer. Ihre eigene harte Ausbildung zur Tänzerin in Petersburg steht immer im Schatten ihres hochtalentierten Bruders Waslaw, der auch als ihr Lehrmeister alles von ihr verlangt. Nach ihrer Ausbildung steht sie vor der Entscheidung, dem klassischen Ballett zu folgen oder gemeinsam mit ihrem Bruder eine neue Zeit für das europäische Ballett zu eröffnen.
Ihr Lebens-und Berufsweg auf den Brettern, die die Welt bedeuten, ist von vielen Schicksalsschlägen gekennzeichnet, von Aufs und Abs, die aber wie das Zitat oben bereits zeigt, eine äußerst starke Frau aus ihr macht.
Das Buch sei einem ballettbegeisterten Leser empfohlen, denn hier sieht die Autorin den Schwerpunkt ihres Buches. Geschichtliche Ereignisse der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts werden angedeutet, jedoch wenig in die Handlung eingebunden. Hier liegt in meinen Augen etwas die Schwäche des Buches. Diese mehr einzubinden und weniger Ballettszenen zu bieten, wäre eine Chance gewesen, die Figuren noch tiefer zu charakterisieren und ihre Authentizität zu erhöhen.

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